Apostelgeschichte 2, 41-47
41 Viele Zuhörer glaubten, was Petrus ihnen sagte, und ließen sich taufen. Etwa dreitausend Menschen wurden an diesem Tag in die Gemeinde aufgenommen.
42 Alle in der Gemeinde ließen sich regelmäßig von den Aposteln im Glauben unterweisen und lebten in enger Gemeinschaft, feierten das Abendmahl und beteten miteinander.
43 Eine tiefe Ehrfurcht vor Gott erfüllte sie alle. Er wirkte durch die Apostel viele Zeichen und Wunder.
44 Die Gläubigen lebten wie in einer großen Familie. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam.
45 Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte ihn und half mit dem Geld denen, die in Not waren.
46 Täglich kamen sie im Tempel zusammen und feierten in den Häusern das Abendmahl. In großer Freude und mit aufrichtigem Herzen trafen sie sich zu gemeinsamen Mahlzeiten.
47 Sie lobten Gott und waren im ganzen Volk geachtet und anerkannt. Die Gemeinde wuchs mit jedem Tag…
………
Vier Kennzeichen der christlichen Gemeinde:
- belehren lassen und nicht orakeln - ‚für Gott ganz Ohr sein‘
- gemeinsam leben: ‚ein Herz und eine Seele‘
- feierliche Tischgemeinschaft : ‚himmlischer Vorgeschmack‘
- mit Gott reden: ‚Audienz beim Höchsten‘
Liebe Gemeinde,
stellen Sie sich vor, es ist Gottesdienst und viele gehen hin!
-Stellen Sie sich vor, es ist sonntags kurz vor 10 Uhr – und die Leute strömen und strömen – und finden schließlich keinen Platz mehr.
-Stellen Sie sich vor, es ist Gottesdienst – und es werden der Ordnung wegen Platzkarten verteilt, wie im Kino – damit es keinen Streit um die besten Plätze gibt.
Später am Sonntag werden sich einige Leute ärgern, dass sie nicht dabei waren.
Ja, wer nicht hingeht, der ist selber schuld!, sagt man dann.
Denn es wird Wunderbares erzählt:
-der eine Jugendliche, der nie ruhig sitzen konnte, der saß gebannt eine geschlagene Stunde auf dem Stuhl und konnte hinterher alles Wichtige erzählen – so aufregend war das!
-Es geschahen seltsame Dinge. Manche Leute weinten, waren bewegt, schlugen sich an die Brust, gingen auf andre zu und baten um Verzeihung.
-Manche erlebten Heilung, und waren erstaunt, dass die Rückenschmerzen oder der ständige allergische Husten, plötzlich weg waren.
Es ist eine Atmosphäre, die man erlebt haben muss…
Leute gehen aus Neugierde hin, mit hohen Erwartungen.
Leute gehen hin, weil sie spüren, dass der Gottesdienst ein heiliger Ort ist.
Ein Ort, der ihnen gut tut. Ein Ort, wo Gott redet.
Und ein Ort, den man mit tiefem Frieden wieder verlässt..
So stelle ich mir den Sog der ersten christlichen Gemeinde vor.
Nach der gewaltigen und geisterfüllten Predigt von Petrus kam an Pfingsten etwas in Bewegung. Aus einem kleinen, verzagten Jesus-Freundeskreis wurde eine große Gemeinde, ja eine supergroße Schar in der Größenordnung von mehreren Tausend Menschen. Ich lese den Text aus Apostelgeschichte 2: ….
In dieser ersten Gemeinde war die Handschrift Gottes, seine göttliche Wesensart deutlich zu spüren. Es war Gottes Gemeinde. Eine große Familie Gottes.
Urchristliche Gemeinde nach dem Herzen Gottes. Wer getauft wurde, der war eingegliedert in diese Familie Gottes.
Unsere Beweggründe für den Gottesdienst sind oft anders:
- andre Freunde sehen
- eine gute Gewohnheit ausüben
- wir haben einen Tauftermin vereinbart
- wir sind Mitarbeiter und haben am Sonntag einen Dienst
- ich bin Pfarrer und in der Pflicht, Gottesdienst zu halten…
Das sind alles keine schlechten Motive, aber es ist noch nicht das, was in der Apostelgeschichte gemeint ist.
Manchmal sind wir nur Zuschauer und Konsumenten, die das interessante Kirchengebäude bewundern, die Symbole schauen – aber das alles ist oft zu fremdartig, um sich in dieser Welt zurecht zu finden..
Ich las eine Notiz über den Dom zu Schleswig: „Den Dom von Schleswig durchziehen pro Jahr 300 000 Touristen, die fluchtartig die Kirche verlassen, wenn ein Gottesdienst beginnt‘. Warum bleiben sie nicht? Warum werden sie nicht vom Gottesdienst gepackt?
Kirche als Sehenswürdigkeit – aber nicht als lebendiger, heiliger Raum?
Ich erlebte einmal in einer Nürnberger City-Kirche (St.Lorenz Kirche) etwas Besonderes: Wir folgten einer Führung. Sie war irgendwie ansprechend, liebevoll, mit Hintergrund, ja gefüllt mit Theologie – und als wir einige Zeit mit der Gruppe mitgingen, da merkten wir, das ist ja ein Pfarrer, der auf ungewohnte Weise im Erklären des Gebäudes das Evangelium verkündigte. Es war eine spannende Führung, die Hunger nach mehr weckte. Plötzlich waren wir nicht mehr nur Besucher, sondern andächtige Zuhörer des Evangeliums.
Wer in Kontakt mit der urchristlichen Gemeinde kam, der konnte nicht Zuschauer bleiben und Tempel, Synagoge oder sonstwas nur als Sehenswürdigkeit bestaunen. Er wurde selbst hineingezogen – ein attraktiver Sog hin zu dieser göttlichen Familie.
Urchristliche Gemeinde, das war ein Ort von Leidenschaft, Freude und Begeisterung.
Wer getauft wurde, der stellte sich mit Haut und Haar Gott zur Verfügung
Wer getauft wurde, der teilte Glück und Leid der anderen Christen.
Was sind die typischen Kennzeichen des ur-christlichen Gemeindelebens?
Ich greife 4 Kennzeichen heraus, allesamt dem Vers 42 entnommen.
1. Belehren lassen und nicht orakeln - ‚für Gott ganz Ohr sein‘
V. 42 Alle in der Gemeinde ließen sich regelmäßig von den Aposteln im Glauben unterweisen und lebten in enger Gemeinschaft, feierten das Abendmahl und beteten miteinander.
Wir Menschen sind von Natur aus träge und faul – und delegieren gern Entscheidungen nach außen. Viele lesen das Horoskop, suchen ein Orakel, magische Antworten. In der Fußball-WM wurde Paul, der Krake aus Oberhausen weltberühmt. Alle Spiele mit deutscher Beteiligung und auch das Finalspiel wurden von ihm richtig getippt! Hunderte TV-Sender berichteten von ihm. Er wurde zum Ehrenbürger einer spanischen Stadt erklärt. Er wurde Weltstar.
Der Mensch hat einen Hang, seine Entscheidungen an Orakeln auszurichten. Politiker gehen vor schwierigen Entscheidungen zur Wahrsagerin. Der König Saul ging zur Wahrsagerin, obwohl er zuvor diese Orakel verboten hatte.
Gott will uns nicht als hörige Orakelempfänger, sondern er will, dass wir Verantwortung übernehmen, indem wir hören, verstehen, lernen, uns orientieren, ausrichten – dass wir mündig werden, indem wir Gottes Wort immer besser verstehen können.
Auf dem Blatt hier ist ein Bild von einer kleinen Plastik. ‚Der Hörende‘ von Toni Zenz. Diese Figur steht in der Pax-Christi Kirche in Bergerhausen. Angestrengt erweitert dieser Mensch sein Hörvermögen, indem er seine beiden Hände an die Ohren hält. Gott redet manchmal sehr leise – wir müssen uns ausrichten wie eine Satellitenschüssel, um uns belehren zu lassen.
In der Familie Gottes muss man hören lernen. Es ist im Glauben ähnlich wie in der Kindererziehung – man muss sich belehren lassen, um richtig zu handeln. Und wer nicht hören will, der muss oft schmerzlich fühlen.
2. Gemeinsam leben: ‚ein Herz und eine Seele‘
Ein Herz und Seele – woher kommt diese deutsche Wendung?!
Sie kommt von Luther, der genial eine Passage in der Apostelgeschichte, zwei Kapitel weiter, übersetzt hatte. Darin beschreibt er den innigen Zusammenhalt der Gemeinde:
V. 32: Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele, auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
Wenn wir sagen ‚sie waren wie ein Herz und eine Seele‘, dann ist das eine Beschreibung aus der ersten christlichen Gemeinde. Leider können wir das nicht immer so bei uns sagen.
Wo ist eine Familie, die noch ein Herz und eine Seele ist?
Ganz, ganz selten erleben wir eine Familie – wo alle Familienmitglieder liebevoll, ehrlich, offen, herzlich sind – und man diesen Umgang auch spürt.
Oft gibt es Geschwisterkonflikte, Reibereien, Rangeleien, Aufbegehren gegen Eltern, Ärger und Zorn über Kinder, Mißverstehen..
Ein Herz und Seele: eine Utopie, ein heißer Wunsch für unsre Familien wie auch hier für unsre Gemeinde.
Ein Herz und eine Seele, das ist etwas, was Gottes Geist und Kraft bewirkt.
Manchmal blitzt es auf – aber ein regelmäßiges Merkmal der heutigen Gemeinden ist es sicher nicht.
Jedoch: wir sollen und wollen uns danach ausstrecken und Gott um dieses Geschenk bedrängen und bitten. Und das Störende in unseren Beziehungen ihm, Gott, immer hin halten, dass er die Dinge reinigt, läutert, wegschafft.
3.Feierliche Tischgemeinschaft : ‚himmlischer Vorgeschmack‘
Heute erlebt das Ruhrgebiet ein kleines Wunder: die längste Tafel der Welt auf der A 40 . Eine symbolische Tischgemeinschaft an 20 000 Tischen zwischen Dortmund und Duisburg – knapp 60 Kilometer! 1 Million Besucher werden erwartet. Die Autobahn verwandelt sich in ein Still-Leben.
Hätte man vor 5 Jahren gesagt, dass einmal Tische auf der Autobahn durchs Ruhrgebiet stehen würden, hätten alle gelacht – wo gibt’s denn das? Das ist eine Idee für Spinner.
Aber der heutige Tag ist der Beweis. Und den Taufkindern können sie später sagen: ihr wurdet getauft, als es auf der Welt die längste Tischgemeinschaft gab! Solche Dinge erlebt man im Leben nur einmal!
Das wird mir zum Bild für die himmlische Tischgemeinschaft, die wir vorab beim Abendmahl schon feiern.
Jesus sagte seinen Freunden: ich werde mit euch nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis ich‘s neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. (Matth. 26,29)
Die ersten Christen konnten es gar nicht erwarten, dass sie hier und da und immer wieder Abendmahl (Herrenmahl/Brotbrechen) feierten – das war eine große Stärkung für die ewige Hoffnung. Wir sitzen am Tisch mit dem Herrn! Was für eine Freude!
Lasst uns das nicht vergessen, was das für eine Ehre ist, bei Gott am Tisch zu sitzen – hier am Altar, am Tisch des Herrn zu stehen.
Wie kostbar für unsre Seele, die wochentags viele Schrammen einstecken muss, die geknickt und infrage gestellt ist, - hier an diesem Tisch gilt der Zuspruch: du bist an meinen Tisch eingeladen, so wahr du Brot und Wein zu dir nimmst. Du bist geliebt. Du bist wieder versöhnt mit deinem Schöpfer. Er dein Vater, du sein Kind!
Lebe in der Familie Gottes!
Was für eine Berufung und fröhliche Verpflichtung, auch dann entsprechend als Gottes Kinder zu leben!!
4. mit Gott reden: ‚Audienz beim Höchsten‘
Die ersten Christen beteten oft – laut, leise, - alleine, gemeinsam – mit vorgegebenen Psalmen und in freien Worten. Sie wussten: Gebet ist eine Macht.
Für uns heißt das : auch wir werden gestärkt und spüren dabei, wo wir hingehören. Wir haben teil an der Macht, die Gott ist und die uns das gerne gibt, was gut für uns ist. In dieser Macht können wir den harten Alltag tapfer bestehen. Sicher haben wir keinen Anspruch darauf, aber Gott teilt gerne aus, wenn er gebeten wird.
Aber vor allem schauen wir Gott an im Gebet – und wir staunen wie kleine Kinder. Gebet ist Reden und Hören auf Gott.
Jesus hat an vielen Stellen zum Beten ermutigt und den Jüngern deutlich gemacht: ihr könnt Gott jederzeit bedrängen und bestürmen…
Unser Problem ist, dass wir das persönliche und direkte Reden mit Gott vernachlässigen. Leider. Aber genau das ist die Quelle der Freude und der Ruhe..
Wir können ganz doll reden über Gott. Wir können theologisch reden über Gott.
Wir können viel und schlau über Gott und die Welt reden – und oft umgehen wir damit das direkte persönliche Reden mit ihm, dem Höchsten! Eigenartig, warum?
Weil Kräfte und Mächte daran interessiert sind, dass genau das nicht gelingt, das kindliche Reden mit dem Vater.
Würden wir z.B. alles für die Kindererziehung tun - beste Ernährung, beste Hygiene, beste medizinische Versorgung – aber wir würden nicht mit unsern Kindern reden und ihnen nicht antworten, dann verkümmern sie und werden krank.
Unvorstellbar, dass wir nicht mit Kindern reden – und dass die Kinder nicht mit uns reden. Kinder reden ununterbrochen, und im Fragealter fragen sie den Eltern ein Loch in den Bauch!! So nötig ist eben auch das Reden zwischen uns und Gott, sonst werden wir geistlich krank.
Wann haben wir das letzte Mal persönlich und direkt Gott als Gegenüber angesprochen?
Auch der zweifelnde und fragende Mensch kann Gott direkt anreden: ‚Gott, wenn es dich gibt, …‘ so habe ich auch einmal angefangen…und dann viele kleine und große Wunder erlebt!!
Es ist ein Quantensprung vom Denken und Diskutieren über Gott hin zum persönlichen Gebet! Gebet ist etwas Kostbares: Audienz beim Höchsten!
Wir werden übrigens sofort durchgestellt – eine himmlische Standleitung.
Das ist übrigens unter uns Menschen nicht der Fall. Wir kämpfen mit den Anrufbeantwortern. Oder wenn wir mit wichtigen Menschen sprechen wollen, mit einem Politiker z.B., dann müssen wir – wenn wir Glück haben – uns durchquälen durch Warteschleifen, hin zum Sekretariat, dann weiter zur Chefsekretärin, dann vielleicht wieder Warteschleife, und dann weiter zum persönlichen Referenten – um dann zu erfahren, dass der Politiker gerade nicht erreichbar ist…
Aber bei Gott ist das völlig anders. Er ist rund um die Uhr persönlich erreichbar.
Liebe Gemeinde, 4 Kennzeichen für die Gemeinde – und wir sind gut beraten, wenn wir uns danach ausrichten und ausstrecken. Gott gebe uns dazu seinen guten Geist. Amen.