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Predigttext

Gott in der Tasche?!
30-05-10 08:12
Alter: 98 days


VON: U.HEUSS-RUMLER



Römer 11,33-36


Gott in der Tasche?!

Zum Einstieg zeige ich verschiedene Taschen: Kirchentasche, Schultasche, Familientasche

Kirchentasche: Gottesdienstbesuch, Mitarbeit, Musik, …

Schultasche: U-Vorbereitung, Planungsbuch, Stifte, Aktuelles

Familientasche: Essen, Trinken, Kleidung, Liebe…

Da gibt es noch eine Tasche: Gottestasche.

Das ist die Tasche, in der Gott steckt. Da sind alle meine Vorstellungen von Gott drin. Manche von uns haben schon vor langer Zeit eine persönliche Beziehung zu Gott angefangen. Sie sind davon überzeugt – und ich gehöre dazu -, dass der Heilige Geist dazu hilft, Gott zu verstehen und zu wissen, was er will. Sonst würde ich nicht hier stehen.

Ich bin davon überzeugt, dass jede/r eine Tasche hat, in der Gott steckt. Ohne Taschen können wir nicht leben, denn so erklären wir uns die Welt.

Was ist aber, wenn etwas passiert, was nicht zu dem Inhalt der Tasche passt, in die wir Gott gesteckt haben? Da erfahren wir Leid und ein geliebter Mensch stirbt und wir waren doch davon überzeugt, dass Gott immer auf uns aufpasst und uns vor allem bewahren wird?

Oder wir verstehen Gott als Richter, der über alle Dinge richten wird – und nichts geschieht? Die Menschen leben weiter so, wie sie leben und den Bösen geht es gut, während die Guten leiden?

Was machen wir dann mit unserer Tasche? Was machen wir mit Gott, der da drin steckt? Wir haben einige Möglichkeiten:

• Wir werfen die Tasche weg – ganz und gar und mit Haut und Haar

• Wir legen die Tasche in die Ecke – okay, Gott ist kein guter Vater, dann ist er halt letztlich doch weit weg ist und schaut nur von ferne auf uns. Manchmal erinnere ich mich noch an das Gefühl von Geborgenheit – aber ich fasse die Tasche nicht mehr an. Ich schaue nicht mehr hinein. Ich lebe in Distanz, um nicht enttäuscht zu werden…

• Okay, Gott ist kein Richter, dann sind wir ihm anscheinend alle gleichgültig. Dann tue ich jetzt auch, was ich will. Denen, die nicht an Gott glauben, geht es ja offenbar besser!

• Oder ich nehme mein Nähzeug und erweitere meine Tasche – so wird sie nach und nach ein schönes Patchwork.

Was hat das mit dem heutigen Predigttext zu tun? Sehr viel, meine ich.

Ich mache jetzt einen weiteren Schritt darauf zu. Paulus hat die Sätze, um die es heute geht, geschrieben, nachdem eine ganze Menge anderer Sätze vorausgegangen sind. In diesen vorangegangenen Sätzen hat Paulus auch eine Tasche gepackt. Er versucht nämlich, den Lesern zu erklären, warum das Volk Israel Jesus NICHT als seinen Messias / als seinen Christus erkannt und angenommen hat und warum es weiterhin Gott in der falschen Tasche hat.

Paulus erklärt: Kap. 11, 25-26a

Aha, so ist das also: Ohne die Verhärtung des jüdischen Volkes gegenüber der guten Botschaft von Jesus wäre das Evangelium nicht zu den sog. „Heiden“ gelangt. Dann wäre auch der Glaube an Jesus ein exklusiver Glaube geblieben, der nur dem Volk Israel vorbehalten geblieben wäre. Nun aber konnte das Evangelium auch zu den Heiden gelangen.

Gut, Tasche auf: Jesus ist auch der Retter für die Heiden, die Juden haben damit ihre Erwählung als Volk Gottes verspielt.

FALSCH, sagt Paulus. Ich zitiere wiederum: „Die gute Nachricht ist: Sie (das Volk Israel) sind Gottes Feinde geworden, damit die Botschaft zu euch (den Römern) kommen konnte. Im Blick auf ihre Erwählung gilt: Sie bleiben die von Gott Geliebten, weil sie Nachkommen der erwählten Väter sind. Gott nimmt einmal ausgesprochene Berufung nicht zurück.“

Moment Mal, das passt jetzt nicht in meine Tasche! Wer ist nun verworfen und wer ist erwählt?

Ja, sagt Paulus, das ist so: Ihr Heiden habt Gott früher nicht gehorcht, JETZT hat euch Gott sein Erbarmen geschenkt. Das Volk Israel gehorcht JETZT Gott nicht, wird aber künftig auch Erbarmen finden.

Und seine Schlussfolgerung ist: „Gott hat alle ohne Ausnahme dem Ungehorsam ausgeliefert, weil er sich über alle erbarmen will.“ Nachzulesen in Römer 11,32

Punkt.

Nachdem Paulus diesen Satz geschrieben hat, sitzt er da und macht erst einmal eine lange Pause, eine SEHR lange Pause. Er denkt nach. Er betet. Er liest seinen Brief noch einmal durch.

Da hat er mit allen Mitteln seiner Kunst aufgezeigt, was es heißt, durch Jesus gerettet zu sein. Er hat seine ganze Argumentationskraft aufgebracht, um zu erklären, warum die Juden Jesus nicht als Messias erkannt haben – und trotzdem Gottes auserwähltes Volk bleiben. Er staunt. Er ist überwältigt.

Aber vielleicht hört er jetzt auch andere innere Stimmen: „Aber Paulus, wäre es nicht auch anders gegangen mit den Juden und den Heiden? Hätte Gott nicht auch anders seine Macht zeigen können? Musste er so einen Umweg gehen?“

Und die Antwort wäre: „Natürlich hätte er das! Aber er wählte diesen Weg – und ER wusste, warum.“

Heute würde er vielleicht diese Frage hören: „Hätte Gott die Menschen nicht auch anders retten können als durch ein blutiges Sühneopfer? Gott hatte doch nicht nötig, seinen Sohn so abschlachten zu lassen!“

Und die Antwort wäre: „Ja, Gott hätte das sicherlich tun können. Aber er wählte diesen Weg – und ER wusste, warum.“

Vielleicht fragt ihr neuen Konfirmanden euch, warum man überhaupt an Gott oder Jesus glauben soll. Was hat das für einen Sinn? Hat es einen Nutzen? Hilft mir das irgendwie in meinem Leben?

Paulus denkt über die Fragen seiner Zeit nach. Wir denken über unsere Fragen nach. Und er merkt und wir merken:

Es gibt immer eine offene Stelle. Es gibt immer etwas, was man nicht versteht. Man kann immer mit einem „Ja, aber“- Satz antworten.

Nachdem Paulus seine Argumentation beendet hat, schaut er sich seine gepackte Tasche an. Und er denkt:

WOW! Das ist noch längst nicht alles! Unser Verstehen ist so begrenzt. Gott ist viel größer ist als unser Verstand! Gott passt in keine Tasche, so groß sie auch sein mag! Das muss ich den Christen in Rom unbedingt noch sagen! Und er nimmt seinen Stift und schreibt diese Worte:

„Wie unergründlich tief ist Gottes Reichtum,

wie tief seine Weisheit und seine Voraussicht.

Wie unerforschlich sind seine Gerichtsurteile,

wie unbegreiflich seine Führungen!

Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?

Wer hat ihm je ein Geschenk gemacht, so dass er etwas dafür fordern könnte?

Von Gott kommt alles,

durch Gott lebt alles,

zu Gott geht alles.

Ihm sei Ehre, für immer und ewig. Amen.“

 

 

Gottes Reichtum ist unergründlich tief

Gottes Weisheit und Voraussicht sind tief

Gott weiß, warum er die Welt so und nicht anders gerettet hat! Gott weiß, warum die Menschen gerade das brauchen, um zu begreifen, wie sehr er sie liebt.

Seine Gerichtsurteile sind unerforschlich

Gott urteilt völlig anders als wir es gewohnt sind. Er spricht Menschen gerecht, die es nicht verdient haben, nur weil sie sich auf den Namen Jesu Christi berufen. Er urteilt nicht nach dem, was sie getan haben, sondern nach dem, was er für sie getan hat!

Seine Führungen sind unbegreiflich

Gott gebraucht Menschen, die sich als völlig unbrauchbar erwiesen haben –Mose war ein Mörder, David war ein Ehebrecher, Jesaja fühlte sich unfähig, Jeremia wollte nicht und Paulus verfolgte die Gemeinde. Sie alle haben aber einen Wendepunkt in ihrem Leben erfahren, sind Gott begegnet – und durch diese Menschen macht Gott dann seine Ziele deutlich. Durch sie vollbringt er Taten, die bis heute bedeutsam sind und Leben verändern können.

Keiner war je Gottes Ratgeber

Gott braucht niemanden, der ihm sagt, was richtig oder falsch ist. In Gott sind Wahrheit, Weisheit und die Voraussicht vereint.

Gott ist unbestechlich

Niemand kann von ihm etwas fordern aufgrund eines Geschenkes, das er ihm gemacht hat. Schau mal, Gott. Ich habe dir mein Leben zur Verfügung gestellt. Dafür musst du mir aber auch ein langes Leben in Gesundheit und ohne viel Leid geben. Diese Rechnung geht nicht auf.

Von Gott kommt alles

Durch Gott lebt alles,

zu Gott geht alles.

Gott ist der Ewige. Ohne ihn existiert nichts.

 

Gott lässt sich in keine Tasche packen. Gott ist heilig. Und weil das so ist, bleibt am Ende nur, IHM die Ehre zu geben. Es bleibt nur, sich vor seiner Weisheit und Größe zu verbeugen und anzuerkennen, dass er viel größer ist als ich und mein menschliches Denken.

 

Aber was soll ich nun tun? Irgendwie muss ich doch über Gott reden können! Ich mache doch Erfahrungen mit ihm. Ich weiß aus seinem Wort, was gut ist und was nicht. Muss ich nun schweigen und nichts anderes tun als mich vor Gott wortlos zu verbeugen? Denn darüber zu reden würde doch bedeuten, eine Tasche zu packen.

Nein, ich muss nicht schweigen! Das tut Paulus auch nicht! Paulus schreibt jede Menge Briefe, in denen er Gottes Wort erklärt, die Gläubigen ermahnt, sie ermutigt und herausfordert. Paulus schweigt nicht. Aber Paulus weiß auch, dass er ein kleiner sterblicher Mensch gegenüber dem großen unsterblichen Gott ist. Paulus kann wunderbar argumentieren, aber er lässt Gott GOTT sein. Paulus packt Taschen, damit die Menschen besser verstehen, warum und woran sie glauben – aber er weiß, dass das, was er sagt, nur ein kleiner Bruchteil von dem ist, was Gott ausmacht. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig. Er sieht sich als Diener Gottes, er steht unter ihm, nicht neben ihm. Er ist offen für Überraschungen und bleibt demütig.

 

Was heißt das für uns?

1. Rede über Gott!

Ihr Konfirmanden habt dazu im nächsten Jahr wunderbar die Gelegenheit! Im Konfirmandenunterricht ist es ganz natürlich, das zu tun und niemand wird euch deswegen auslachen! Also redet über Gott und sucht in der Bibel danach, wie er sich den Menschen gezeigt hat! Für die älteren Menschen in der Gemeinde gibt es den Club 60, es werden Haus- und Bibelkreise angeboten und in der Jugend gibt es auch viele Möglichkeiten, um sich mit Gott auseinanderzusetzen, Anstöße zu bekommen und ihm zu begegnen.

2. Lass Platz für Überraschungen

Wenn wir über Gott reden und Erfahrungen mit ihm machen, werden wir immer kleine Taschen packen. Aber Gott lässt sich eben nicht in ein Schema pressen. Darum überrascht er uns immer wieder. Ich selbst habe Gott auch schon auf überraschende Weise erlebt. Manchmal so, wie ich es mir nicht vorgestellt hatte. Ich musste zum Beispiel lernen, nicht zu erwarten, dass Gott die Entscheidungen für mich trifft. Ich bin einige Male ganz schön reingerasselt und habe Gott die Schuld gegeben. Aber dann habe ich festgestellt, dass ER mir Verstand gegeben hat, um Entscheidungen zu treffen und dass es an anderen Stellen gut ist, nicht um jeden Preis etwas selbst erreichen zu wollen. Gott schien mir manchmal fern und manchmal war er dicht bei mir. Sei offen für Überraschungen, die das übertreffen, was du bereits über Gott weißt oder mit ihm erlebt hast. Schon im alten Testament hat das Jesaja so formuliert:

Meine Gedanken sind nicht zu messen an euren Gedanken, und meine Möglichkeiten nicht an euren Möglichkeiten. So hoch der Himmel über der Erde ist, wo weit reichen meine Gedanken hinaus über alles, was ihr euch ausdenkt, und so weit übertreffen meine Möglichkeiten alles, was ihr für möglich haltet. Jesaja 55, 8+9.

3. Deale NICHT mit Gott

Versuche nicht, ihm etwas zu bieten, damit er dann deinen persönlichen Wünschen gerecht wird. Auf diese Ebene begibt Gott sich nicht. Er bleibt immer souverän.

4. Bleibe demütig

Wenn du meinst, Gott gut zu kennen, mag das zwar stimmen. Mach dir aber immer bewusst, dass alles, was du über Gott weißt, nur ein Bruchteil von dem ist, was ER tatsächlich ist.

Gott lässt sich nicht in eine Tasche packen.

5. Gott ist da – gestern, heute und morgen

Die Bibel zeigt uns, wie wir mit Gott leben können. Durch Jesus ist er uns ganz nah gekommen. Er bietet und seine Hilfe an und geleitet uns durchs Leben – manchmal spürbar, manchmal nicht so spürbar, aber jeden Tag!

 

Also: Packen Sie / packt ihr eure Taschen voll – voll mit Erfahrungen mit Gott, aber lasst Gott immer größer sein als eure menschlichen Taschen!

Von Gott kommt alles,

durch Gott lebt alle,

zu Gott geht alles.

Ihm sei Ehre, für immer und ewig. Amen

 

Copyright: Urte Heuß-Rumler, Jesus-lebt-Kirche Burgaltendorf, Essen 30.5.2010

 








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