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Predigttext

Von der Geduld
07-12-09 09:22
Alter: 275 days


VON: TH.ENZNER



Jakobus 5, 7-11 - 2.Advent


7 So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.

8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.

9 Seufzt nicht widereinander, liebe Brüder, damit ihr nicht gerichtet werdet. Siehe, der Richter steht vor der Tür.

10 Nehmt, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn.

11 Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat; denn der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. (Luthertext)

……….

Predigtgedanken:

1 „Herr, gib mir sofort Geduld!“

2 Wir sind nicht auf der Seufzerbrücke

 

***************************

Liebe Gemeinde,

 

wer von uns kann schon von sich behaupten, dass er in der Regel ruhig und geduldig ist?

Wenn überhaupt, dann gibt es nur wenige Leute – und es sind meist nur solche, die es im Laufe ihres Lebens erlernt haben.

 

Eine alte chinesische Fabel erzählt von einem Mann, der eine hohe Stelle als Beamter bekommt. Ein guter Freund besucht ihn, spricht ihm seine herzlichen Glückwünsche aus und gibt ihm noch einen guten Rat:

„Wenn du ein hoher Beamter geworden bist, darfst du eines nie vergessen, immer Geduld zu haben!“ Der Mann verspricht, den guten Rat zu befolgen.

Der Freund wiederholt den Rat einmal, zweimal, dreimal. Als er es zum vierten Mal sagt, braust der Mann ärgerlich auf:

„Hältst du mich für dumm, dass du mir solche Selbstverständlichkeit immer wiederholst?“ – „Siehst du“, sagte der Freund, „es ist gar nicht so leicht, geduldig zu sein.

Ich habe meinen Rat nur wenige Male wiederholt, und schon verlierst du die Geduld!“

 

So schnell verlieren wir auch die Geduld, etwa bei…

… nervigen Wiederholungen z.B. oder lästigem Erklären für Ungeübte, na, dann machen wir es halt alleine.

Oder: man steht in der Schlange an der Kasse des Supermarktes, da könnte einem der Kragen platzen…

Oder: Langsam geht es im Verkehrsstau nur weiter, und bei manchen brennt die Sicherung durch: Sie kämpfen mit ihren Autos um jeden Meter und schimpfen und schimpfen…

- Mühsam müssen Eltern den Kindern etwas erklären – und verlieren dabei die Geduld.

Neuerdings ist es aber auch umgedreht: Kinder und Enkel verlieren die Geduld, wenn es darum geht, Eltern oder Großeltern die Geheimnisse des Computers beizubringen.

Beispiele für menschliche Ungeduld…

 

Geduld und Gelassenheit sind von Hause aus keine angeborenen Eigenschaften – sie werden erst im Laufe des Lebens erworben, wenn überhaupt. Geduld ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das nicht häufig anzutreffen ist. Manchmal bewundern wir geduldige und sagen: ‚Der hat aber eine Engelsgeduld!’ – und meinen damit, dass Geduld fast schon eine himmlische Eigenschaft ist. So unrecht haben wir da nicht..

 

Im Galaterbrief (5,22) zählt Paulus die Geduld zu den Früchten des Heiligen Geistes.

Der Geist Gottes wirkt es in den Gläubigen. (Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit….).

 

Immer wieder wird in der Bibel zur Geduld aufgefordert …so auch bei Jakobus.

Der Hintergrund unsres Textes ist das verheißene Kommen des Herrn – seine Ankunft, sein Advent!

Der Advent des Herrn soll uns nicht zu Hektik, sondern zur Geduld führen.

Der Advent ist etwas Tröstliches – weil die Entrechteten wieder ins Recht gesetzt werden, weil die Armen reich bei Gott dastehen, weil…

 

Textlesung……

 

1. „Herr, gib mir sofort Geduld!“

 

Geduld brauchen wir nicht nur im Blick auf den Advent des Herrn, sondern schon jetzt hier in unserem Alltag: menschliche Beziehungen brauchen Geduld, Gesundwerden braucht Geduld, Ausbildung, Lehre, Studium brauchen Geduld.

 

Geduld wird hier im Text 6-mal erwähnt. In unserer Zeit ist es eher ein verschmähtes Wort.

In der Bibel ist das Wort ‚Geduld’ kostbar, edel und wird hochgeschätzt – etwa in dem Psalmwort: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.. (Ps. 103).

 

Geduld steht in starkem Kontrast zu unsrer Zeit, die alles schnell haben will:

- Schnellimbisse überall. Zum Essen lassen wir uns wenig Zeit.

- Schnelle Entscheidungen in der Wirtschaft sind verlangt, zumindest schnellere als die der Konkurrenz

- Schnelles Geld will man machen

- Wir wollen schnelle Rechner, um weltweit das Wissen innerhalb von Sekundenbruchteilen zu teilen

- Kinder möchten schnell etwas haben. Das Warten auf Geschenke ist für sie oft unerträglich lang.

- Der Kaffee muss schnell aus der Maschine kommen

- Wir trinken Instant-Tees: einfach aufgießen und fertig!

 

Das ungeduldige Einstellung vieler Menschen ist: Wir wollen alles - und das sofort!

 

Wir müssen aber lernen, dass manches nicht sofort zu haben ist.

Vieles kriegt man nur als Anfang, als kleinen Teil, als Same …und es muss dann wachsen und reifen.

Jakobus meint auch: Während ihr geduldig seid, kann etwas ausreifen. Macht es wie der Bauer. In der Landwirtschaft ist es einsichtig. Es gibt Zeiten höchster Aktivität: das Säen und das Ernten. Aber zwischen Saat und Ernte muss der Bauer geduldig sein., er wartet auf Sonne und Regen. Er kann nicht bei den Pflanzen Ziehen und Zerren, um sie zur Frucht zu zwingen.

 

7 ... Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. 8 Seid auch ihr geduldig...

 

Geduld lässt wachsen und reifen. Da treffen sich zwei Freunde. Der eine hat seinen kleinen Pinscher dabei. „Na“, sagt der andere und schaut mitleidig lächelnd auf den kleinen Vierbeiner herab, „willst du den großziehen?“ „Nee,“ sagt sein Freund, „den will ich nicht großziehen! Den lass ich wachsen!“

 

Es gibt einfach Situationen, die man aushalten muss, damit etwas wächst und reift. Da ist nichts zu ändern, nichts zum Zupfen, Zerren und Ziehen:

-Krankheiten, die langsam ausheilen müssen.

-Seelische Wunden, die heilen müssen.

-Schmerz und Tod und Abschiede. Großwerden und Altwerden.

 

Ich hatte einmal eine alte Frau zu besuchen. Sie wurde 90 Jahre. Sie war eine Beterin und hat sich im Glauben tapfer durchs Leben geschlagen. Wir feierten Abendmahl.

Hinterher sagte sie unvermittelt: „Herr Pastor, das eine muss ich ihnen sagen: Wenn Gott sie einmal richtig schüttelt, dann halten sie ganz schön still!“ Sie wusste, wovon sie redet, denn sie wurde im Lauf ihres langen Lebens oft durchgeschüttelt.

 

So seid nun geduldig, auch wenn ihr durchgeschüttelt werdet!

Jakobus hat die Bedrängnisse der Christen vor Augen, auch die himmelsschreienden Ungerechtigkeiten zwischen Reich und Arm, wobei die Christen eher zu den Habenichtsen zuzurechnen waren. Jakobus weist auf Vorbilder: die Propheten, besonders Hiob.

 

10 Nehmt, liebe Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die geredet haben in dem Namen des Herrn.

11 Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben. Von der Geduld Hiobs habt ihr gehört und habt gesehen, zu welchem Ende es der Herr geführt hat..)

 

Der Geduldige schaut aufs Ende. Hiob schaute aufs Ende und sagte: „Ich weiß, dass mein Erlöser (Anwalt, Fürsprecher) lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. (19, 25-26)

 

Der Geduldige weiß, dass am Ende Gott steht. Dass am Ende Recht und Gerechtigkeit zum Zuge kommen.

 

Es gibt neben Hiob noch viele andere biblische Geduldsbeispiele:

Joseph musste lange warten, bis Gott ihn aus dem Gefängnis befreite und ihn mit seinen Brüdern versöhnte.

Israel musste 430 Jahre lang auf die Befreiung aus Ägypten warten.

Moses wurde 80 Jahre lang auf sein Lebenswerk vorbereitet und dann wanderte er mit seinem Volk noch 40 Jahre durch die Wüste..

Überhaupt: Gott nahm sich mehr als 1000 Jahre Zeit, um sein Versprechen an Abraham in der Geburt Jesu zu erfüllen..

 

In den Sprüchen Salomos steht ein gutes Wort (16,32): Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte gewinnt.

Jemand sagte mal: „Geduld ist der lange Atem der Leidenschaft“ (Eberhard Jüngel)

 

 

Liebe Gemeine, bis in unser frommes Leben hinein dringt die Ungeduld, wie es in der seltsam paradoxen Bitte deutlich wird: „Herr, gib mir bitte sofort Geduld!“

 

Ein junger Mann ging einmal zu seinem Pastor und sagte: „Was mein christliches Leben braucht, ist Geduld. Können Sie mir zeigen, wie ich diese finden kann?“

Der Pastor versicherte dem jungen Mann, dass das nicht schwierig sei. Er schlug vor, zu beten. Sie knieten nieder und der Pastor betete: „Herr, bitte gib diesem jungen Mann Drangsal im Leben. Gib ihm Wochen der Widerwärtigkeiten, jeden Augenblick jeden Tages.“

Der junge Mann war erschrocken und meinte:

„Es tut mir leid, ich glaube sie haben mich missverstanden, ich möchte Geduld, keine Schwierigkeiten“ „Aber natürlich,“ meinte der Pastor, „Die Bibel sagt klar, dass Bedrängnis Geduld bringt. Du wirst sie auf keine andere Weise bekommen.“

 

In der Tat, in Römer 5,3f sagt Paulus: Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung…“

Eines kommt aus dem anderen hervor…Das sind geistliche Prinzipien..

Ich komme zum zweiten Gedanken, dem ungeduldigen Seufzen über andere Mitmenschen..

 

2. Wir sind nicht auf der Seufzerbrücke

 

Wissen Sie, was die Seufzerbrücke ist? Waren sie schon mal auf ihr?

 

Das ist eine Brücke in der Lagunenstadt Venedig, zwischen dem Dogenpalast und dem angrenzenden Gefängnis – über einen kleinen Kanal hinweg.

Diese Brücken-Attraktion gehört zu jedem Besucherprogramm dazu. Darum kennen so viele die Seufzerbrücke. Diese Brücke stand auch Pate für andre Seufzerbrücken..

 

Die Brücke ist nicht offen, sie ist mit Mauern umschlossen, überdacht, mit kleinen kunstvollen Fenstern ausgestattet. Touristen werden gern durch diese Brücke geführt hinüber in das schreckliche Gefängnis.

Es wird einem spätestens dort klar, welche Schrecklichkeiten auf den warteten, der mit dem Gesetz in Konflikt kam. Heutige Gefängnisse sind dagegen fast Hotels...

 

Warum heißt diese Brücke ‚Seufzerbrücke’?

Weil die Gefangenen hier nach der Verurteilung drüber gehen mussten und ein letztes Mal, durch die kleinen Fenster die schöne Lagune sehen konnten, bevor sie dann endgültig im dunklen Gefängnis ihre Zeit, vielleicht ihre restliche Lebenszeit absitzen mussten.

 

Hier waren Seufzer wirklich angebracht.

Der Blick in die Freiheit, vielleicht verbunden mit später Reue, zu später Reue, der Gang ins Verlies: ein schrecklicher Seufzer, im Bewusstsein der endgültigen Verlorenheit.

 

Nun ist es aber so, wir sind nicht auf dieser Brücke in Richtung Strafe und Verlies.

Das Urteil ist noch nicht gesprochen. Die Verhandlung steht noch aus.

Der Richter wartet noch auf uns, wir gehen ihm entgegen, besser: er kommt uns entgegen.

Advent, Ankunft des Richters!

Der Richter, der aber Trost und Segen, Erlösung und Befreiung mit sich bringt, das ist doch zugleich der Retter! Retter für die bedrängten und armen Christen.

Dann wird Glauben zum Staunen. Dann werden die Verheißungen eingelöst …

 

Darum ist es völlig unangebracht zu zanken und zu seufzen, wenn wir auf diesen ewigen Gerichts- und Rettungstag zugehen. Das ist irgendwie albern und kindisch.

 

Ich erinnere mich an manche Weihnachtsfeste bei uns. Es war kurz vor dem Fest und die Kinder haben vorher noch richtig heftig gestritten .. und wir Eltern wiesen auf das bevorstehende Fest hin: Kommt doch, morgen ist das Fest. Ihr müsst euch doch nicht zanken!

 

Wir empfinden den Streit vor oder auch beim Fest – und das ist leider bei uns Erwachsenen auch keine Seltenheit – instinktiv sehr unpassend. Schneidend scharf prallt hier die Weihnachtswelt und der hässliche Alltag aufeinander.

 

So ähnlich denkt Jakobus: Wie albern, in der Gemeinschaft der Christen aufeinander zu schimpfen, wo doch der Retter vor der Tür steht und das große Fest bei ihm beginnt.

 

Aber die Realität ist leider so…

Obwohl noch nicht endgültige Urteile gesprochen und das letzte Gericht noch nicht gehalten wurde, seufzen Christen hier schon gegeneinander. Es ist das Stöhnen darüber, dass bei dem und dem sowieso Hopfen und Malz, also alles verloren und keine Hoffnung da ist…Das Seufzen hat etwas Endgültiges an sich..

 

Das Seufzen ist der unterdrückte Ärger, der sich Luft macht – nicht im direkten Gespräch mit dem Betreffenden, sondern über Dritte. Das Seufzen ist etwas unterschwelliges Ungutes, vergleichbar in der Politik mit dem ‚Kalten Krieg’. Offiziell ist Frieden, aber eigentlich ist unter der Hand Ärger und Seufzen. Es ist ein kalter und kein warmer Frieden.

-Die Jungen seufzen über die Alten, die Alten seufzen über die Jungen..

-Die Eltern seufzen über die Kinder und die Kinder über die Eltern..

-Die Landeskirchler seufzen über die Freikirchler und umgekehrt

-Die Katholischen über die Evangelischen und umgekehrt..

-Die Männer über die Frauen und die Frauen über die Männer…

 

Und manchmal greifen wir uns an den Kopf und erschrecken, über welche Kleinigkeiten erbittert geseufzt wird…

Aber es ist verständlich: Wo Menschen eng aufeinander leben, wie z.B. in der Gemeinde, da reibt man sich auch schnell aneinander.

 

Der Geduldige aber seufzt nicht gegen den andern, höchstens seufzt er für sich vor Gott.

Er hält die Ungereimtheiten des andern, das Nervige und Lästige und Fremde beim Mitchristen aus. Er hält es aus, wenn sich die Jugendlichen in ihrem Übermut daneben benehmen, wenn die Alten zum wiederholten Male davon schwärmen, wie schön alles früher doch gewesen sei.

 

Der Geduldige kann mit dem Charismatiker und Liturgiker gleichermaßen beten, ohne sich aufzuregen… Er lebt von der Erwartung, dass sich die Ungereimtheiten auflösen, dass die wirklich heile Welt beginnt, wenn dann am Ende der Richter und Retter da sein wird.

 

Der Geduldige kann den fremden Mitchristen schon mit den Gottes Augen sehen, als einen, der dann beim großen himmlischen Weihnachtsfest vielleicht neben mir sitzen könnte.

 

Ich wünsche uns, dass unsere Geduld reift – und dass wir lernen, geduldig miteinander zu sein,- vielleicht auch mit uns selber. Denn der große und schöne Tag kommt noch!

 

Und wer an Christus festhält, der muss nicht über die Seufzerbrücke in das Verlies und die Verlorenheit gehen. Er muss nicht mehr über andere seufzen. Er wird sich freuen, denn der Befreier richtet ihn nicht kaputt, sondern richtet ihn auf.

Dieser Tag wird alles Schwierige und Lästige und Nervige weit überbieten – weil er, der Herr, selbst da ist. Dann ist es gut. Und das genügt!

 








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