Predigt zum mittendrin-Gottesdienst
Typisch deutsch!
Die Schnell-Umfrage eben hat es auf den Punkt gebracht: die Klischees stimmen…
(Einzelne typische äußere Dinge werden hier gezeigt, oder gebeamt und dann kommentiert )
Gartenzwerg …
Schwarzwalduhr …
Lederhose und Bier, Knödel, Sauerkraut
Auto als des deutschen liebstes Kind..)
Ausländer sagen z.B.:
-Die Deutschen betrachteten es als persönliche Niederlage, überholt zu werden.
Ausländer fürchten das Gerangel und die Konkurrenz auf den Autobahnen.
- Die Deutschen reisen wie die Weltmeister.
Urlauber, die in großen Ferienhotels schon vor dem Frühstück zum Swimmingpool eilen, um einen Liegestuhl zu erobern, werden fast weltweit als Deutsche identifiziert.
Und wo genügend Sand ist, bauen die Deutschen ihre typischen Sandburgen.
Das ist Signal der Abgrenzung, auch ein Zeichen unermüdlichen Fleißes (oder Arbeitswut), der auch im Urlaub nicht erliegt.
Eine Südamerikanerin reiste durch Durchland. Ihr fiel auf, dass es nicht so spontan zugeht, dass Menschen auf der Straße nicht singen, dass in der Straßenbahn die Menschen so aussehen, „als seien sie gerade durch eine Prüfung gefallen“.
Hinter diesen Äußerlichkeiten,- ob es Ausländer sehen oder wir -, finden sich natürlich Wesenszüge. Ich meine das, was man mit typisch deutschen Tugenden bezeichnet.
Ordnung, Gründlichkeit, Disziplin, Härte, Ausdauer
Manchmal heißt es ja bei einem Fußballspiel, dass wieder die deutschen Tugenden gesiegt hätten. Dann weiß man, es war nicht Spielwitz, Kreativität oder Ballzauber (das ist eher Brasilianisch), sondern eben Ausdauer, Ordnung, Kampfgeist mit ‚Brechstange’.
Ein Meinungsforschungsinstitut fragte nach den typisch deutschen Merkmalen: die Spitzenposition nahm der Begriff ‚Zuverlässigkeit’ ein, gefolgt von ‚Fleiß’, ‚Perfektion’, ‚Ordnung’ und ‚Pünktlichkeit’.
(Bei den Umfragen zeigt sich auch, dass viele Menschen ein Unbehagen, manchmal eine regelrechte Verweigerungshaltung haben. Immer wieder wird etwa berichtet, dass ein großes Fest vorbereitet wird und jede Nationalität soll etwas Typisches beitragen:
„Fast alle sind mit Begeisterung für ihre Nation dabei, aber die Deutschen tun sich schwer …Sie haben im Gegensatz zu vielen anderen keine nationale Flagge dabei, sie haben kein Nationalkostüm im Gepäck, und sie singen auch keine deutschen Lieder … „.
Als wir vor Jahren mit einigen aus der Gemeinde eine Studienreise nach Amerika machten, besuchten wir auch die frühere Gemeinde meines ehemaligen Vikars. Dort waren alle hoch entzückt über unseren Besuch. Im Gottesdienst sangen sie extra uns zu Ehren einen Choral mit der Melodie unserer Nationalhymne.
Wir kamen in große Verlegenheit, kicherten, grinsten und wussten uns nicht zu verhalten. Die Peinlichkeit unsrerseits machte nur offenbar, dass wir einfach kein gesundes Nationalbewusstsein hatten.
Bei diesem Besuch wurden wir auch noch aufgefordert, selbst unsre Nationalhymne zu singen, aber sie blieb uns im Halse stecken… wir haben sie nicht verinnerlicht. Eigenartig!?
Vor kurzem - am Morgen des Tages der deutschen Einheit – am 3. Okt. - wollte ich meiner Frau die deutsche Nationalhymne vorsingen: es war ein Fehlschlag, ich kam über die erste Zeile nicht hinaus: ‚Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland …’ – ja, und dann verließen sie ihn!
(Melodie einspielen)
Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand –
/:Blüh im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland:/
Ich selbst wie auch die Mehrheit der Deutschen können diese Strophe nicht einfach so von Herzen singen.
Auf die Frage: ‚Sind sie stolz, Deutscher zu sein?’, antwortet fast keiner mit einem glatten ‚Ja’! Unsere Verlegenheit ist ein Zeichen der Verunsicherung.
Was ist der Grund?
Als ich bei einer Israel-Gemeinde-Reise zum Sabbatbeginn in einer Rabbiner-Familie eingeladen war, erlebte ich selber die Scham als Deutscher.
Bei gutem Essen entwickelte sich ein Gespräch und reihum erzählte jeder der Israelis, wie Verwandte in Deutschland umgekommen sind, nicht aufdringlich, sondern eher so nebenbei.
Es schnürte sich mir die Kehle zu, ich wusste nichts zu sagen, ich schämte mich, Deutscher zu sein.
Die beschämende Vergangenheit steckt uns noch in den Knochen – zumindest was meine Generation und älter betrifft:
- 2-mal ging ein Weltkrieg von deutschem Boden aus!
- der nationale Wahn hat uns in die Irre und Zerstörung geführt
- die Sprüche hängen noch im Gedächtnis der älteren Deutschen, z.B.:
‚Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!’
‚Eine deutsche Frau kann alles..! ‚Ein deutscher Junge weint nicht!’
oder der bekannte Satz:
‚Deutsche Jungen sind zäh wie Leder, flink wie Windhunde, hart wie Kruppstahl!’
Diese Sprüche zeugen von deutscher Arroganz.
Das wollen wir auf jeden Fall nicht mehr sein!!
So verschweigen wir, verdrängen, und sind ängstlich darauf bedacht, nicht als Nationalist oder als Rassist verschrieen zu werden.
Wir sind ziemlich geschichtsvergessen geworden, verachten unsre Wurzeln und Traditionen und auch die Sprache, verwenden vermehrt englische Begriffe – obwohl es doch von den Deutschen heißt, sie wären das ‚Volk der Dichter und Denker’.
Dazu etwas Witziges aus einem Managerseminar:
Am ersten Tag treffen sich die 30 internationalen Teilnehmer zu einem Allgemeinwissen-Test. „Der Modus ist einfach“, erklärt der Seminarleiter, „ich nenne ein Zitat, Sie sagen mir, wer es wo und wann gesagt hat.
Fangen wir gleich an: ‚Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…’“
Im Saal herrscht eisiges Schweigen, bis sich ein kleiner Japaner meldet:
„Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Osterspaziergang, 1806.“
Die Teilnehmer murmeln anerkennend, der Seminarleiter nennt das nächste Zitat:
„Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen..“ Wie aus der Pistole geschossen kommt vom Japaner: „Matthias Claudius, Abendlied, 1782“.
Die anderen Teilnehmer sehen betreten zu Boden, als der Seminarleiter wieder loslegt: „Festgemauert in der Erden…“ – „Schiller“, strahlt der Japaner, „das Lied von der Glocke, 1799.“
Die Manager sehen sich blamiert. In der ersten Reihe murmelt einer der deutschen Teilnehmer: „Scheiß-Japaner!“ Wieder ertönt die Stimme von ganz hinten:
„Max Grundig, CeBit, 1982!“
Es ist gut, wenn wir wieder einen gesunden Patriotismus entwickeln. (wie zB in Frankreich, Schweden, Norwegen..).
Der Sport ist dafür der geeignete Vorreiter! Erinnern Sie sich?:
- Das Wunder von Bern, 1954, Deutschland wird Weltmeister! Wir sind wieder wer – 10 Jahre nach dem Krieg!
- 20 Jahre später, 1974, wieder Weltmeisterschaft mit großem nationalem Jubel.
- Und dann letztes Jahr 2006: ein Sommermärchen – und keiner schämte sich, die deutsche Fahne zu hissen! Die Fahne war endlich nicht mehr verpönt.
Der Nationalstolz zierte fast jedes Auto.
Und wir sangen: „Wir sind Deutschland!“
Aber nun ist das deutsche Nationalgefühl nicht etwas nur gefühlsmäßiges, was ab und zu bei Sportereignissen hoch schwappt, sondern es muss auch gewollt, durchdacht, verarbeitet oder positiv gesetzt werden.
Wir haben nämlich nicht nur eine schwierige Vergangenheit hinter uns, die noch nicht aufgearbeitet ist, sondern wir haben gegenwärtig auch riesige Herausforderungen vor uns:
- die sog. postmodernen Werte, die sich von allgemein gültigen Werten und von einem verpflichtenden Wir weg sind.
- die demographische negative Entwicklung mit immer weniger Kindern
- ein unverantwortlicher Schuldenberg, auf Kosten der Zukunft
- globale Herausforderungen durch Klimawandel und Verschiebung der Arbeitsplätze
- Konfrontation mit anderen Werten aus der muslimischen Welt
Diese Fragen sind brisant und stellen uns Deutsche vor große Aufgaben, wo unser Selbstvertrauen, gesundes Nationalbewusstsein und auch wieder die typisch deutschen Tugenden gefordert sind – und wo wir uns nicht nur auf Regeln, Subventionen oder auf ‚die da oben, die es richten sollen’ verlassen dürfen. Wir brauchen schon eine neue, starke Identität, Zivilcourage und Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen.
Es darf nicht so sein, wie es ein Witz aufs Korn nimmt:
Ein Amerikaner, ein Engländer und ein deutscher Beamter: Der Amerikaner ist blind, der Engländer sitzt im Rollstuhl und der deutsche Beamte hat einen gebrochenen Arm. Plötzlich steht eine Fee vor ihnen und fragt, was sie für sie tun kann. Der Amerikaner sagt, dass er wieder sehen möchte. Die Fee streicht ihm über die Augen und der Amerikaner kann wieder sehen. Dann streicht die gute Fee dem Engländer über die Beine und der Engländer kann wieder gehen. Sagt der deutsche Beamte
„Lass mich bloß in Ruhe! Ich bin noch vier Wochen krankgeschrieben!“
Der frühere Bundespräsident, Roman Herzog, sprach in einer Rede von einem Ruck, der durch Deutschland gehen müsse. Das war dann die berühmte „Ruck-Rede“.
Damit meinte er genau dies: neuen Mut zu Veränderungen, Zivilcourage – und nicht ausruhen auf dem, was andere für einen machen oder gemacht haben.
Im evangelischen Gesangbuch gab es übrigens das Lied: Wach auf, wach auf, du deutsches Land! Du hast genug geschlafen. Bedenk, was Gott an dich gewandt, wozu er dich erschaffen. (EG 145,1)
Ich möchte jetzt also fragen:
Was brauchen wir Deutsche denn?
Was würde Gott uns Deutschen ins Stammbuch schreiben?
In zwei Richtungen müssen wir bewegen. Daher zwei Thesen:
1. Wir Deutsche müssen die Vergangenheit erinnern, aushalten und uns mit ihr versöhnen – mit Gottes Hilfe!
Flüchten, wegschauen und leugnen hilft nicht.
Wir werden so oder so vom deutschen Trauma eingeholt.
Schauen wir die Wahrheit, zB in den KZ’s, an.
Bei besagter Israelreise gingen die Eindrücke in der Gedenkstätte Yad Vashem sehr, sehr tief.
Und einige starke Männer suchten eine stille Ecke, um mit ihren Gefühlen fertig zu werden. Viele hatten mit den Tränen gekämpft, als sie die Gedenkstätte für die Kinder besuchten.
Spätestens da gibt es keine Rechtfertigungen mehr, spätestens da hört man auf, den schnellen Satz nachzusprechen: Schwamm drüber, einmal muss Schluss sein!’
Es hilft auch nicht, von der ‚Gnade der späten Geburt’ zu reden.
Nein, wir sind nicht aus dem Schneider.
Wir sind als Deutsche mit unserer Geschichte verbunden.
Unsre Wurzeln lassen sich nicht verleugnen.
Und die Wahrheit gebietet auch uns, einzugestehen:
„Ja, mein Vater war auch bei der SS.
Ja, mein Onkel war bei der SA.
Ja, mein Opa war begeistert bei den ‚Deutschen Christen’ dabei…“
…
Die Schuld der Väter tut weh, gerade die Schuld an den 6 Millionen ermordeten Juden.
Ich denke, auch wir hätten in diesem braunen, dummen, hochmütigen Sumpf mitgemacht !!
Die Wahrheit wird euch frei machen, sagte Jesus. (Joh. 8,32)
Jesus, der Jude, der wie viele andere Juden grausam sterben musste.
Wahrheit meinte er noch in einem tieferen Sinn. Er redete von sich.
Er redet von der Wahrheit, die in seiner Botschaft liegt.
Die Wahrheit der Versöhnung zwischen Gott und Mensch.
Mit Vergebung lässt sich Schuld und Scham überwinden.
Für diese Wahrheit hat Jesus sein Leben hergegeben, hat sich qualvoll hinrichten lassen.
Das ist die geistliche Wahrheit, dass drückende Schuld auch im Lichte Gottes zur Ruhe und zum Frieden kommen kann – durch die Vergebung.
Vergib uns unsre Schuld! - so lässt sich unsre deutsche Schuld erinnern, aushalten, aufarbeiten. Das ist die Hilfe Gottes!
Die zweite These:
2. Wir Deutsche sollen hoffnungsvoll in die Zukunft gehen,
- geborgen in Gottes Zuspruch.
In einem lesenwerten Buch ‚Worauf warten wir? Ketzerische Gedanken über Deutschland’ meint der Chef der Benediktiner, Notker Wolf: „Wir führen das unbeschwerte Leben einer Gesellschaft, die die persönliche Verantwortung an der Garderobe des Staates abgegeben hat.“
Und er führt ein leidenschaftliches Plädoyer für das persönliche Engagement, Initiative und risikofreudiges Vorangehen in eine schwere, aber auch schöne Zukunft.
Nochmal ein Wort aus der Bibel – einige hundert Jahre vor Jesus.
Es war zum jüdischen Volk gesprochen, dem von Gott auserwählten Volk!
Genau dieses Volk war verzagt und hat auf falsche politische Optionen gesetzt.
Es war sich seiner selbst nicht mehr sicher – und erlebte sich als Spielball größerer Mächte.
Da lässt Gott durch einen Propheten ausrichten (Jesaja 43,1 u.4):
Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst.
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!
.. Weil du in meinen Augen wert geachtet bist
und weil ich dich lieb habe!
Das war eine gewaltige Rückenstärkung für ein verzagtes Volk.
Es braucht sich nicht vor der Zukunft zu fürchten.
Das Geschick des Volkes ist auch Gottes Anliegen.
Der Grund: göttliche Liebe und Wertschätzung!
Nun gilt dieser Zuspruch nicht exklusiv für dieses Volk, sondern daran ist beispielhaft zu sehen, mit welcher Liebe und Leidenschaft Gott diejenigen stärkt, die ängstlich verzagt in die Zukunft sehen.
Man kann sich in diesem Wort bergen.
Unser Vertrauen ist gefragt.
Gott kann nicht nur persönlich stärken, er kann auch einem Volk neue Zuversicht geben.
Andre Völker schauen immer noch respektvoll auf Deutschland – nicht nur als Wirtschaftswunderland, sondern vor allem als ‚Land der Reformation’.
Martin Luther und andere haben leidenschaftlich für eine neue, lebendige Gottesbeziehung gekämpft, in einer politisch und kirchlich sehr schwierigen Situation.
Sollte Gott am Land der Reformation nicht mehr interessiert sein, oder es vergessen?
Jemand sagte: Christen bilden eine GmbH: eine Gemeinschaft mit begründeter Hoffnung!
Und der frühere Bundespräsident, Gustav Heinemann, prägte den Satz:
„Die Herren der Welt gehen, unser Herr kommt!“ Ein Präsident brachte es auf den Punkt: Wenn Gott uns entgegenkommt, dann kann man für die Zukunft ganz gelassen sein, und muss sich selbst nicht dauernd krampfhaft und hektisch selbst vergewissern.
Wenn wir Gott und Jesus vertrauen, dürfen wir völlig in ihm geborgen sein.
Wenn wir in Gott geborgen sind, können wir uns von lähmender Wehleidigkeit und vom politischen Jammern freimachen, mutig neue Wege gehen, und nicht nur Erwartungen an andere pflegen.
Erinnern Sie sich noch an das Motto ‚Wir sind das Volk!’. Es löste eine starke Bewegung aus , führte schließlich die Wende und damit auch die Einheit Deutschlands herbei. Dieses Motto könnte erweitert werden:
Wir sind das Volk, dem Gott vergibt – im Namen von Jesus.
Wir sind das Volk, von ihm geliebt und wert geachtet.
In ihm geborgen, können wir gelassen und mutig die Zukunft in die Hand nehmen.
Bonhoeffer hat im Gefängnis über sich und seine Identität nachgedacht: Wer bin ich? Er war völlig unsicher. Und er formulierte einen Text, der mit den berühmten Worten endet:
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, dein bin ich, o Gott!
Was für ein Glaube! Von solcher Geborgenheit dürfen wir leben.
Und in solchem Gottvertrauen sollen wir hoffnungsvoll in die Zukunft gehen.