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Predigttext

Eine schamlose Frau beschämt einen frommen Menschen
20-08-07 20:04
Alter: 3 yrs


VON: TH.ENZNER



Lukas 7, 36-50


36 Einmal wurde Jesus von einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Er ging in das Haus dieses Mannes und setzte sich an den Tisch. 37 Da kam eine Prostituierte herein, die in dieser Stadt lebte. Sie hatte erfahren, dass Jesus bei dem Pharisäer eingeladen war. In ihrer Hand trug sie ein Fläschchen mit wertvollem Salböl. 38 Die Frau ging zu Jesus, kniete bei ihm nieder und weinte so sehr, dass seine Füße von ihren Tränen nass wurden. Mit ihrem Haar trocknete sie die Füße, küsste sie und goss das Öl darüber.

39 Der Pharisäer hatte das alles beobachtet und dachte: „Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, müsste er doch wissen, was für eine Frau ihn da berührt. Sie ist doch eine stadtbekannte Hure!“

40 „Simon, ich will dir etwas erzählen“, unterbrach ihn Jesus in seinen Gedanken. „Ja, ich höre zu, Lehrer“, antwortete Simon. 41 „Ein reicher Mann hatte zwei Leuten Geld geliehen. Der eine Mann schuldete ihm fünfhundert Silberstücke, der andere fünfzig. 42 Weil sie das Geld aber nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden. Welchen der beiden Männer wird ihm nun am meisten dankbar sein?“ 43 Simon antwortete: „Bestimmt der, dem er die größte Schuld erlassen hat.“ „Du hast Recht!“, bestätigte ihm Jesus.

44 Dann blickte er die Frau an und sagte: „Sieh diese Frau, Simon! Ich kam in dein Haus, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben, was doch sonst selbstverständlich ist. Aber sie hat meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und mit ihrem Haar getrocknet. 45 Du hast mich nicht mit einem Kuss begrüßt. Aber seit ich hier bin, hat diese Frau immer wieder meine Füße geküsst. 46 Du hast meine Stirn nicht mit Öl gesalbt, während sie dieses kostbare Öl sogar über meine Füße gegossen hat.

47 Ich sage dir: Ihre große Schuld ist ihr vergeben; und darum hat sie mir so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.“

48 Zu der Frau sagte Jesus: „Deine Sünden sind dir vergeben.“

49 Da tuschelten die andren Gäste untereinander: „Was ist das nur für ein Mensch! Kann der denn Sünden vergeben?“ 50 Jesus aber sagte zu der Frau: „Dein Glaube hat dich gerettet! Geh in Frieden.“

…….

Predigtgedanken:

- eine großzügige Einladung (V.36)

- eine peinliche Überraschung (V.37-38)

- eine beschämende Feststellung (V.44-46)

- eine geistliche Wahrheit (V.47)

 

Liebe Gemeinde,

 

manchmal erleben wir andere Menschen wie von einem andern Stern. Sie denken anders, sie ticken anders, sie wählen anders, sie kleiden sich anders, sie riechen anders, sie leben anders .. einfach von einer anderen Welt.

Unsympathisch.

Wenn man mit ihnen auskommen muss, dann steht man unter Strom, wo es geht, giftet und meckert man am andern rum. Man passt einfach nicht zusammen, sagt man.

 

Wie zB., als Churchill und Lady Nancy Astor, die erste Frau im britischen Unterhaus – eine überzeugte Frauenrechtlerin – wieder mal Streit miteinander hatten. Einmal warf Frau Astor dem Churchill folgenden Satz an den Kopf:

„Wenn ich mit Ihnen verheiratete wäre, würde ich Ihnen Gift in den Tee geben!“

Darauf Churchill, auch nicht auf den Mund gefallen:

„Wenn ich mit Ihnen verheiratet sein müsste, würde ich den Tee mit Vergnügen trinken.“

 

Manche können sich einfach nicht ausstehen. Sie sind scheinbar vom andern Stern.

Und wenn zwei so verschiedene Menschen zusammenkommen – und auch noch Jesus dabei ist – dann kann man sich auf eine Überraschung gefasst machen.

 

Simon, so hieß der Pharisäer, der heute mal großzügig sein wollte. Er lud zu Tisch. Tischgespräche mit gebildeten und frommen Leuten gehörten zu seinem Lebensstil.

Immer wieder wurden andere gute, redliche, fleißige und angesehene Leute eingeladen. Und warum nicht auch mal Jesus, der soviel Gutes sagte und Gutes tat.

Allerdings konnte auch schnell Unruhe entstehen, das wusste er.

Wo Jesus war, war ein gewisses Risiko. Man wusste nicht genau, was da passiert.

Eine Unsicherheit lag in der Luft: wer ist eigentlich dieser Jesus?

 

Heute war nun Simons Haus wirklich voll: Jesus war da. Und weil damals die Häuser nicht abgeschlossen waren, war das auch ein öffentlicher Vorgang. Es war auch üblich, dass sich bei so einem Essen Zuhörer und Zaungäste sammelten, sich in die Ecken setzten, gelegentlich auch etwas von den Speisen bekamen. Sie lauschten dem Gespräch der Gebildeten und der Theologen. Manchmal wurden bewusst arme Menschen eingeladen. Sie schauten dann bewundernd zu dem großherzigen Gastgeber auf.

 

Wie immer bei einem schönen Essen: der Gastgeber wurde gelobt. Die Speisen schmeckten. Der Wein löste alle Verkrampfung. Heiterkeit machte sich breit. Mitten in diese muntere Gemeinschaft geschieht die Oberpeinlichkeit…Alle schauen zur Tür und fast alle denken das gleiche: Nein, jetzt bitte nicht! Nicht diese Frau!

 

Schrecksekunde für die schöne Tischgesellschaft: Nein, bitte nicht diese Frau!

Noch etwas verhalten schaut sie um sich, sucht jemanden. Ein Fläschchen hat sie in der Hand. Um den Hals Kettchen, das Haar keck hochgesteckt, Schmuck an Stirn und Haar, am Fuß Getingel, sie duftet auffällig. Man wusste Bescheid. Sie geht entschlossen auf Jesus zu.

 

Oh nein!, denken alle - fast alle. Wie sie sich in Szene setzt! Sie knien sich. Ihr Haar bindet sie auf. Unverschämt! Das Fläschchen macht sie auf. Salböl, und was für eins. Von der teuersten Sorte. Sie salbt Jesu Füße..Sie weint. Die Tränen tropfen auf die Füße. Sie küsst die Füße … immer wieder .. Der Duft.. Das Schluchzen .. die Haare…

Was für eine Szene mitten in der Männergesellschaft…

Offene Münder, süßsaure Mienen… eine seltsame stille Peinlichkeit

 

„Und das lässt der Jesus mit sich machen…? Ja, sieht er denn nicht, dass diese Frau eine schamlose Person ist, ohne Würde und Bildung, den Männern und dem Geld verfallen?

Und dieser Jesus soll Prophet sein?“ – so denkt Simon, der Hausherr und Gastgeber.

 

Simon ist entsetzt. Jetzt ist auch ihm klar, dass dieser Jesus wohl nicht in seine Welt gehört.

Aber merkwürdig ist schon, dass diese schamlose Frau soviel Salböl verschwendet – für die Füße, nicht einmal für den Kopf – für teuer Geld.

Wer sich in der Parfumbranche auskennt, weiß Bescheid: Nardenöl – Chanel 5 ist noch bescheiden dagegen. Ein Durchschnittsmensch musste paar Monate dafür arbeiten, um sich sowas leisten zu können. Verschwenderisch und teuer, nach heutigen Werten paar tausend Euro vielleicht.

 

Noch während sich Simon ereifert, dreht sich die Szene: Jesus schaut ihn an, und alle schauen auf Simon. Sehr wohl ist Jesus prophetisch, denn er erkennt die Gedanken und Urteile seines Gastgebers…

 

„Simon, ich will dir etwas erzählen“, sagte Jesus. Simon säuselt höflich: „Ja, ich höre zu, Lehrer!“

 

Zwei Schuldner sind in einer heiklen Lage. Sie können das geliehene Geld nicht fristgemäß zurückzahlen. Ihre Schuldhöhe ist sehr verschieden, der eine schuldet 10-mal mehr als der andere.(500 und 50 Silberstücke). Der eine ein Jahreseinkommen, der andere ein Monatseinkommen. Aber der Gläubiger ist sehr reich – und hat ein gutes Herz.

Er erlässt jedem die Schuld: wer freut sich mehr?

 

Klare Sache, jeder Konfirmand, jeder Rabbi, jeder Pharisäer weiß das:

Je größer der Schuldenerlass, desto größer die Freude.

 

Und? Merkst du was, Simon? Es dauert, bis Simon was merkt.

Darum noch eine kleine Nachhilfe:

- Meine Füße hast du als Gastgeber nicht waschen lassen, aber diese Frau hier hat sie gewaschen - mit Tränen.

- Du hast mich nicht mit einem Willkommenskuss begrüßt, aber diese Frau. Sie küsst sogar meine Füße.

- Du hast mich nicht geehrt – mit Öl oder Salbe auf Kopf und Stirn -, aber diese Frau hat ein wahnsinnsteures Öl für meine schmutzigen Füße übrig gehabt.

Wer freut sich also mehr über mich – du oder diese Frau?

Simon sagt nichts mehr. Beschämt und stumm schaut er verlegen auf den Boden.

 

Wer freut sich mehr über mich?

Natürlich die Frau, weil ihr viel Schuld erlassen wurde.

 

-Die Frau freut sich, dass Gott sie nicht verstoßen hat.

-Sie freut sich, dass ihre große Schuld nicht mehr zwischen uns steht.

-Ihr wurde viel vergeben, und sie nimmt das Geschenk vertrauensvoll an.

-Sie ist gern in meiner Nähe, - warum wohl?

 

Ich hätte in diesem Moment gerne den Adrenalinpegel von Simon gemessen – oder sein Gesicht beobachtet. Ich glaub, es war abwechselnd rot, grün, blass, gelb und dann wieder rot. Zunächst vor Zorn, Wut, Empörung über Jesus, dann aber vor Scham und Peinlichkeit über sich selbst.

Eine Sünderin hat ihn beschämt.

Die Frau hat sich klein vor Jesus gemacht, er aber hat sich über sie erhoben.

Diese Frau hatte eine große Portion Glauben.

Dies Vertrauen hat sie gerettet, so sagt es Jesus...

 

Die Geschichte von Simon bleibt in der Bibel offen.

Wir wissen nicht, was weiter geschehen ist.

Ob Simon ein Anhänger Jesu wurde, oder ob er sich noch mehr in seiner selbstgerechten Welt eingeigelt hat, wir wissen es nicht.

 

Für uns lehrt diese Begegnung eine Menge. Jesus bringt das auf den Punkt.

Er spricht eine geistliche Wahrheit aus:

V.47: Ihre große Schuld ist ihr vergeben; und darum hat sie mir so viel Liebe gezeigt. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.

Es gibt einen Zusammenhang von Liebe und Vergebung.

 

D.h. nun:

-Je weniger Liebe, je stärker die Abgrenzung zu den schlechteren Menschen.

-Je weniger bedürftig nach Gott, umso selbstgerechter schätzen wir uns und die andern ein.

-Je weniger wir unsre Schuld erkennen, umso giftiger schauen wir auf die andern Menschen der anderen Welt – die Schlimmen und Bösen und Unmoralischen.

 

-Aber je intensiver und dankbarer Vergebung erlebt wird, umso mehr Gottesliebe.

-Je stärker die Befreiung u. Erlösung ins Herz geht, umso dankbarer die Hingabe an Gott.

-Je stärker Gottes Annahme erlebt wird, umso frischer, zarter, romantischer die Liebe zu Jesus.

 

(‚Liebeslieder’ im EG z.B. Nr. 400:

V.1 Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

V.2 Ich will dich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund; ich will dich lieben und erheben, solange mich dein Glanz bescheint; ich will dich lieben, Gottes Lamm, als meinen Bräutigam... Johann Scheffler 1657)

 

- Je stärker Vergebung, Befreiung, Erlösung erlebt wird, umso unkonventioneller, un-vernünftiger, verschwenderischer wird die Gottesliebe.

 

Beispiel: der Lobpreis – etwa vor dem Gottesdienst:

Manche sagen, das ist nicht nötig.

Verschwendete Zeit – aber es ist nicht umsonst. Es ist für Gott eine Freude.

 

Einmal sah ich bei einem Lobpreisabend jemand während eines Liedes knien. Ich dachte: nanu? Komisch… schließlich bewunderte ich diese Person – ich würde vielleicht auch gern mal knien, aber …

 

Manchmal sieht man bei Anbetungsliedern jemand hingegeben die Hände heben – komisch – befremdend – setzt sich da jemand in Szene? – nein, es ist oft der Ausdruck von Innigkeit und erwartungsvoller Hingegebenheit!

 

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte stellt uns in Frage.

Auf welcher Seite sind wir denn?

Welche Person ist uns ähnlich, Simon oder die Frau?

 

Sind wir eher auf der Seite des anständigen, frommen, gebildeten und auch großherzigen Menschen – oder sind wir eher die, die unkonventionell Jesus die Füße küssen – auch wenn die anderen nur den Kopf schütteln?

……..

Was mich betrifft, ich finde mich eher auf der Seite des Simons wieder … diejenigen, die so schnell sind mit dem Urteilen und Einteilen und Sortieren: ‚Nein, nicht jetzt – dieser Mensch, so ganz anders…

…..

Diese scham-lose Frau wurde durch Jesus beglückt und beschämt.. Er stößt sie nicht weg. Eine völlig andere Liebe, als die, die sie von Männern gewohnt ist. Jesus sieht ihr verwundetes und sehnsüchtiges Herz.

Ein irisches Sprichwort sagt: „Wenn Gott den Menschen misst, legt er das Maßband nicht um den Kopf, sondern immer nur um das Herz“

 

Und der Maßstab – der Bergpredigt – ist Vollkommenheit: ‚Darum sollt ihr vollkommen sein, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist!’

Wieweit sind wir von dem Maßstab entfernt – und doch wendet sich Jesus von uns nicht ab!

 

Diese Frau würde uns vielleicht fragen:

 

- Wisst ihr eigentlich, was ihr an dem Geschenk der Vergebung habt?

- Seid ihr eigentlich noch betroffen oder traurig über eure Schuld?

Ich gebe weiter: Sind Sie noch betroffen oder traurig über ihre Schuld?

 

Wissen Sie zwar noch von Vergebung, sie erleben aber nicht das Köstliche und Schöne der Befreiung? Sind Sie bei einem Schuldenerlass von 1000 Euro ganz aus dem Häuschen - aber ein Vergebungszuspruch lässt Sie vielleicht kalt?

 

Oder glauben sie an die Vergebung durch Jesus, aber es wird routinemäßig erwartet, einkalkuliert, sonntäglich abgespeichert?

 

………

 

Stille und Gebet…

 

 

 

Herr, wir sind es ja nicht wert, dass du dich mit uns abgibst,

dass du dich zu uns an einen Tisch setzt,

wo wir äußerlich so gut dastehen, fromm, gewissenhaft, guten willens sind,

aber doch innerlich bluten, verschlossen sind, urteilen, abschätzig den anderen bewerten… Das siehst du ja alles.

 

Wir möchten dich lieben lernen, frisch, unkonventionell, entschlossen, mutig..

Wir möchten uns belehren lassen…

Lehre uns deine Vergebung .. dass wir sie schätzen, wie kostbar sie ist.

Wie Schuldner, denen das Geld geschenkt wird.

Deine Vergebung ist einmalig, nicht übertragbar und berechenbar – nur für mich – dein Geschenk.

Und wenn du uns beschenkst, dann wollen wir wieder lieben lernen – dich und den Nächsten. Auch den, über den wir jetzt nur den Kopf schütteln...

 

..

 

 

 

 








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