Lukas 14, 25-30
Liebe Gemeinde,
Wenn man im Internet nach Bildern von Jesus sucht, dann findet man vor allem eine bestimmte Kategorie von Bildern. Jesus ist dargestellt mit weichen braunen Locken, in einem blendendschneeweißen Gewandt, um seinen Kopf ein strahlender Lichtkranz, er hat unglaublich glatte Haut und lächelt milde in die Kamera, durch sein Gewand schimmert ein rotes strahlendes Herz, er hält ein süßes kleines Lämmchen im Arm...Jesus ist einfach ein unglaublich netter Kerl!
Der Predigttext schlägt da ganz andere Töne an. Es sind Töne, die man weniger oft und weniger gerne hört. Töne, die zum Widerstand anregen. Wo man sich fragt: Ist das wirklich derselbe Jesus?
Ich lese Lukas 14,25-30
Text (Gute Nachricht)
Ist das derselbe Jesus? Das werden sich auch die Menschen gefragt haben, die mit ihm gegangen sind. Sie waren schockiert! Eben hatte Jesus noch von dem großen Festmahl gesprochen, davon, dass an Gottes Tisch alle willkommen sind, sie hatten erlebt, wie er Kranke heilt. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“! hatte er gesagt. Und jetzt das hier!
Und ich glaube, auch wenn wir Jesus nicht live erlebt haben, geht es uns doch ähnlich wie den Menschen um Jesus. Wir stehen etwas ratlos vor dem Text und sagen: Jesus, was willst du uns damit sagen? Warum musst du nur so furchtbar radikal sein?
Eins steht fest: Dieser Text geht ans Eingemachte!
Der Jesus, der uns hier begegnet, ist radikal und leidenschaftlich, er nimmt kein Blatt vor den Mund und macht keine Kompromisse, sondern sagt den Leuten klar und deutlich, wo sie bei ihm dran sind. Und das ist nicht unbedingt das, was die Menschen von Jesus hören wollten. Sie waren mit ihm gegangen – vielleicht mit der Erwartung, mit ihm was Spannendes zu erleben. Vielleicht mit der Erwartung, geheilt zu werden oder praktische Lebensweisheiten zu erfahren, oder vielleicht auch einfach aus Neugier. Sie alle wollte etwas von Jesus und deshalb liefen sie mit – aber, dass es sie etwas kosten würde, dass hatten sie bestimmt nicht erwartet. Mit seinen harten Worten durchbricht Jesus ihre Erwartungen. Er sagt, was es kostet, ihm nachzufolgen.
Und auch wenn der Text wirklich nicht der einfachste ist, tut es auch uns vielleicht ganz gut, ihn zu hören, und zu versuchen zu verstehen, was Jesus damit meint. Vielleicht rückt er ein wenig das Bild zurecht, das wir von Gott haben, oder die Vorstellung von dem, was wir von ihm erwarten.
Was erwarten die Menschen im Allgemeinen von Gott? Um das herauszufinden, muss man nur mal die Fernsehzeitung aufschlagen: Zumindest in der Zeitung, die ich gelegentlich in die Finger bekomme, finden sich fast wöchentlich Tipps, wie man sich mithilfe allerlei verschiedener religiöser Praktiken ein schöneres Leben machen kann: Ein bisschen Buddhismus für mehr Ausgeglichenheit, Yoga gegen Stress, Gebet für bessere Konzentration, ein bisschen Kirche gegen das schlechte Gewissen, Meditation zum Sich-selbst-finden usw.
Also: Was erwarten wir von Gott? Ist unsere Religion nur dazu da, dass es uns besser geht? Damit wir entspannter und zufriedener und stressfreier sind?
Jesus sagt nein.
Nachfolge ist kein Wellness-Programm.
Aber – was genau ist es dann?
Werfen wir einen Blick auf den Text:
„Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen, ebenso mit Frau und Kindern, mit Brüdern und Schwestern;“
Wer Jesus nachfolgen will, zahlt einen hohen Preis. In den Evangelien finden wir immer wieder Berichte, in denen Jesus Menschen auffordert, ihre Heimat zu verlassen und ihm nachzufolgen – und das im wörtlichsten Sinne: In der Lebensgemeinschaft mit Jesus. Und auch im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Personen, die mit ihrer Familie brechen mussten, weil sie Christen waren – denken wir nur an den Widerstand der bekennenden Kirche im Dritten Reich oder auch an die Situation in der ehemaligen DDR.
Für uns heute in unserer Situation ist es eher unwahrscheinlich, dass wir unserer Familie verlassen müssen um Jesus nachzufolgen. Viele von uns sind in einem Elternhaus aufgewachsen, das in irgendeiner Form christlich geprägt war, wir sind oft schon als Babys getauft worden und in unsere Religion hineingewachsen – für viele wäre es in der Familie wahrscheinlicher sogar problematischer gewesen, sich gegen das Christentum zu entscheiden, also z.B. sich nicht konfirmieren zu lassen oder aus der Kirche auszutreten.
Und trotzdem ist die Erfahrung des Bruchs mit denen, die uns lieb sind, immer wieder zu spüren.
Da kommt es z.B. in der Ehe immer wieder zum Streit, weil einer der Partner sich in der Kirche engagiert und viel Zeit dort verbringt. Der andere fühlt sich vernachlässigt.
Oder da ist ein Mädchen, das in der Schule von ihren Freundinnen gehänselt wird, weil sie in der vermeintlich uncoolen Jugendgruppe der Gemeinde mitmacht.
Sind wir bereit, in solchen Situationen hinter unserem Glauben zu stehen, auch wenn es etwas kostet?
Jesus geht es hier nicht darum, dass man seine eigene Familie aus egoistischen Motiven vernachlässigt – so wie zum Beispiel im Gleichnis mit dem verlorenen Sohn der Sohn nur um seiner selbst willen seine Familie im Stich lässt. Wenn man die Worte Jesu in ihrer Gesamtheit betrachtet, wird sehr deutlich, dass er ganz und gar dafür ist, sich um seine Verwandten zu kümmern, Verantwortung zu übernehmen und seine Nächsten zu lieben.
Aber hier wird klar, dass die Nachfolge noch wichtiger ist, die gelebte Beziehung zu Gott. Die soll Priorität haben.
Also: Sind wir bereit, hinter unserem Glauben zu stehen, auch wenn es was kostet?
„Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, sogar das eigene Leben aufzugeben, sonst kann er nicht mein Jünger sein.“
Diese Forderung geht noch weiter. Das eigene Leben soll man aufgeben, um Jesus nachzufolgen. Nimmt man sie wörtlich, kommen mir wieder die türkischen Christen ins Gedächtnis, die wegen ihres Glaubens vor einiger Zeit ihr Leben gelassen haben. So weit hergeholt dieser Satz also für uns klingt – er wird leider immer wieder Realität.
Gleichzeitig muss ich an Petrus denken, der Jesus felsenfest versprochen hatte, alles für ihn zu geben, selbst wenn er sterben müsste – und dann im entscheidenden Moment abgehauen ist. Das Leben geben – wer kann schon wissen, ob er im entscheidenden Moment dazu fähig wäre? Ob er es könnte, wollte, oder überhaupt eine Wahl hätte, sich diese Frage zu stellen?
Aber, es gibt noch eine andere Seite, die in unserer Situation wesentlich aktueller ist: Das Leben geben muss nicht unbedingt heißen, für Jesus zu sterben – es kann auch heißen, für Jesus zu leben. Und ich denke, es ist gut, sich auf diese Seite zu konzentrieren, denn schließlich hat Gott uns das Leben als ein wunderbares Geschenk gegeben, und wir haben die Verantwortung, dieses Leben zu gestalten und etwas daraus zu machen!
Was bedeutet es nun in diesem Sinne, sein Leben aufzugeben?
Es bedeutet, seine eigenen Wünsche, Träume, Ziele, ja sein ganzes Leben unter Gottes Willen zu stellen, sich ganz an Jesus zu binden. Das ist Nachfolge.
Das ist Nachfolge - Und ich glaube, das hört sich für die meisten Menschen ziemlich merkwürdig oder vielleicht sogar ein bisschen schrecklich an. Es kommen Fragen auf:
Wenn Gott alles von mir hat, komme ich dann nicht viel zu kurz? Wenn ich an Jesus gebunden bin, was ist mit meiner Freiheit? Macht mich ein Leben in der Nachfolge nicht unfrei? – berechtigte Fragen! Und angesichts dieser Fragen: Lassen sie uns einen Moment über Freiheit nachdenken.
Die ungebundene Freiheit des Menschen ist fast schon als Dogma unserer Zeit.
Jeder ist frei zu tun und zu lassen, was er oder sie will: Von der Berufs- und Partnerwahl, über die Wahl des Einrichtungsstils und der Kleidung bis hin zur kunterbunten Vielfalt der Lebensmittel im Supermarkt haben wir die freie Wahl. Wir dürfen selbst aussuchen, welches Auto wir fahren, wir dürfen unsere politische Meinung zum Ausdruck bringen, demonstrieren oder es sein lassen, wir dürfen unsere Religion frei ausüben. Wir dürfen! Sogar im Supermarkt auf der Margarine steht „du darfst“!
Wir dürfen! Wir dürfen selbst bestimmen, wer wir sind, was wir aus unserem Leben machen. Aber - macht uns das frei?
Oft wird aus der Freiheit der Wahl die Qual der Wahl. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, dass man sich am Ende gar nicht mehr entscheiden kann, was man tun oder besser lassen sollte, welchem Trends oder Lebensphilosophien man folgt.
Der Essener Sänger Stefan Stoppok hat mal ein Lied über die Qual der Wahl geschrieben, ich lese eine Strophe daraus vor:
Ich hab den neusten Trend wieder mal verpennt
kann mir einer helfen, gibt’s ein der sich noch auskennt?
Kerl ich weiß nicht was gerade dran ist
Folk Rock, Reggae, Tango, Acid oder Twist
muss ich ganz in Schwarz gehen oder trägt man was mit Farben
steht man mehr auf Schönheit oder zeigt man seine Narben
und wenn Farben: Welche denn? grün rot blau?
geh ich lieber solo oder brauch ich eine Frau
bin ganz durcheinander, was war denn gestern los?
war wohl doch'n bisschen spät ja was mach ich jetzt bloß?
Welche Hose soll ich anziehen oben eng unten weit
oder unten eng oben weit ich weiß nicht bescheid
versteht noch einer Deutsch oder geht’s nur noch in Englisch?
oder ist es besser wenn ich beide sprachen misch
ich weiß es nisch...
Die Freiheit der Wahl wird zur Qual der Wahl und dadurch ziemlich anstrengend.
Ständig wird man dazu aufgefordert, sich zu entscheiden, welchem Trend man folgt oder nicht, und dazu, sich durch seine Entscheidungen selbst zu definieren, sich selbst zu verwirklichen.
Diese Art von Freiheit macht zwar einerseits wunderbar ungebunden und unabhängig – aber auf der anderen Seite gibt sie auch keinen Halt und keine Orientierung. Sie bietet nichts Dauerhaftes, woran man sein Leben festmachen kann. Und weil man in seiner Freiheit keinen Halt von außen mehr findet, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich selbst zu tragen.
Jesus sagt dagegen: Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, kann nicht mein Jünger sein.
Was Jesus verspricht, ist das Gegenteil zu dieser ungebundenen Freiheit.
Er lässt uns nicht tun, was wir wollen – er fordert Gehorsam.
Es bleiben nicht alle Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens offen – Eine Karriere als Drogendealer kommt zum Beispiel nicht mehr in Frage.
Ihm nachzufolgen bedeutet nicht Selbstverwirklichung – das, was viele Menschen von Religion erwarten,
sondern, dass wir sein Reich verwirklichen, seinen Willen tun, Lebensentscheidungen mit ihm treffen.
Wir sind dann nicht mehr Träger unserer Selbst – sondern Träger des Kreuzes.
Ihm nachzufolgen bedeutet, sich unter allen Möglichkeiten, die wir die wir zu Gestaltung unseres Leben haben, immer wieder Tag für Tag für ihn zu entscheiden.
Und - ihm nachzufolgen bedeutet Freiheit.
Eine Freiheit, die uns befreit von dem Druck uns selbst verwirklichen zu müssen,
eine Freiheit, die Halt gibt, weil sie an etwas gebunden ist, das außerhalb von uns Selbst liegt. Sie ist gebunden an Gott, der uns bedingungslos liebt.
Sie ist ein Fundament, auf dem das Leben gebaut werden kann, sie macht uns frei, um unser Leben auszukosten und zu verschenken. Jesus sagt: „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“
Jeder Mensch muss sich für eine Möglichkeit entscheiden, sein Leben zu gestalten, keiner kann verschiedene Leben gleichzeitig leben – oder wie Jesus sagen würde: „Man kann nicht zwei Herren dienen“. Wer es deshalb in Erwägung zieht, Jesus nachzufolgen, sollte es sich gut überlegen, denn es ist eine Entscheidung, die das ganze Leben prägt.
Nachfolge hat ihren Preis.
Jesus lässt uns nicht im unklaren über die Kosten, er sagt klar und deutlich: Es kostet dich dein Leben.
Wenn man sich etwas Teures kaufen will, überschlägt man vorher sie Kosten. Stellen sie sich vor, sie wollen, wie der Mann in dem Text, ein Haus bauen. Sie machen Pläne, lesen Architekturzeitschriften, überarbeiten die Pläne, suchen sich eine Gegend aus, ein passendes Grundstück – stellen sich Fragen: Wo kann man einkaufen, wie weit ist der Weg zur Arbeit, gibt es hier nette Leute in der Nachbarschaft. Sie machen sich richtig viele Gedanken, alles wird mehrfach durchdacht, verworfen, überschlafen, denn sie wissen: in dem Haus, das sie bauen, werden sie viel Zeit verbringen, es wird ein Teil ihres Lebens werden. Es soll nicht nur ein Wohnplatz sein, sondern ein zuhause. Und dann setzten sie sich mit ihrem Finanzberater zusammen und überschlagen die Kosten: Wird das Geld reichen, wie lange müssen wir den Kredit abbezahlen, können wir das überhaupt schaffen?
An der Entscheidung zum Hausbau hängt Vieles. Es ist notwendig, sich vorher darüber im klaren zu sein, was es kosten wird.
Nachfolge kostet etwas – das Leben wird in der Nachfolge ein anderes sein als vorher. Deshalb ist es wichtig, dass man keine leichtfertige Entscheidungen trifft, sondern sich über die Konsequenzen im Klaren ist und dann bewusst losgeht.
Natürlich darf man Fehler machen. Kein Mensch kann perfekt Jesus nachfolgen. Aber wenn wir Fehler machen, vergibt er - das ist eben auch eine Seite von Gott, eine, die uns sogar vertrauter ist: Dass er Ja zu uns sagt und uns liebt, hat nichts damit zu tun, wie toll wir ihm nachfolgen. Er ist jederzeit bereit, einen neuen Anfang mit uns zu wagen.
Eins ist sicher: Jesus braucht Jüngerinnen und Jünger, er braucht Nachfolger! Er braucht Menschen, die sich radikal für ihn entscheiden, die auf seinen Wegen weitergehen, denn ohne Nachfolger kann seine gute Nachricht nicht weitergesagt werden. Sind wir bereit zu gehen?
Amen