Taufgottesdienst am Pfingstmontag; Apg 2,22-23.32-33.36-39
Liebe Gemeinde,
können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal begeistert waren? Was begeistert Sie? Ich nehme an, dass es ganz unterschiedliche Ereignisse sind.
Manches begeistert vorwiegend Männer: z.B. ein Fußballspiel - besonders dann, wenn ihr Lieblingsverein am vorletzten Spieltag der Bundesliga gegen den größten Rivalen gewinnt und dadurch die Meisterschaft entschieden wird. Begeisterung pur - auf Seiten der Gewinner!
Manche Ereignisse begeistern vorwiegend Frauen: eine Mutter, die erlebt, wie ihr neugeborenes Kind heranwächst und auf einmal „Mama“ sagt. Wer sich begeistern kann, zeigt damit, dass er lebt, dass er Gefühle und Emotionen hat. –
Es gibt aber auch Momente, in denen wir nicht begeistert sind, sondern betroffen. Und von der Begeisterung zur Betroffenheit ist es oft nur ein schmaler Grad: Im Fußball kann ein einziges Spiel oder ein Tor diesen Unterschied ausmachen. Und wenn ein neugeborenes Kind nicht gesund, sondern mit einer Behinderung zur Welt kommt, dann sind wir tief betroffen; erschüttert.
In anderen Situationen wissen wir vielleicht nicht, ob wir lachen oder weinen sollen: sind wir begeistert oder betroffen oder beides zugleich? Wir feiern heute Pfingsten: ein Fest an dem Begeisterung und Betroffenheit eng beieinander liegen. Denn Gottes Wirken in Jesus ruft bei vielen Menschen Begeisterung und Betroffenheit zugleich hervor.
Der heutige Predigttext ist bereits selbst eine Predigt bzw. ein Ausschnitt aus der ersten christlichen Predigt. Petrus, der Apostel, hat sie vor vielen tausend Menschen in Jerusalem am Pfingstfest gehalten. Zuvor hatten alle Anwesenden auf eindruckvolle Weise Gottes Heiligen Geist gespürt.
Gott schenkte Ihnen einen gemeinsam erlebten Moment der Begeisterung!
Ich kann mir vorstellen, dass sich Ihre Begeisterung, eine Predigt über eine alte Predigt zu hören, heute in Grenzen hält. Aber auch bekannte und sich wiederholende Ereignisse können sehr spannend sein: sowohl die Geburt des 2. oder 3. Kindes als auch das 129. Revierderby oder auch eine Neuauflage der ersten christlichen Predigt.
Ich lese den Predigttext aus der Apostelgeschichte, Kapitel 2, 22-23.32-33.36-39
22) Hört her, ihr Männer Israels! Wie ihr alle wisst, hat Jesus von Nazareth in Gottes Auftrag mitten unter euch mächtige Taten, Zeichen und Wunder gewirkt. Ja, Gott selbst hat durch ihn gehandelt und so seinen Auftrag bestätigt.
23) Aber Jesus wurde durch Verrat an euch ausgeliefert, und ihr habt ihn mit Hilfe der heidnischen Römer ans Kreuz genagelt und umgebracht. Doch genau so war es von Gott vorausbestimmt.
32) Das ist mit Jesus geschehen: Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Wir alle können es bezeugen.
33) Nun hat Gott ihn zum Herrscher eingesetzt und ihm den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gegeben. Jesus empfing vom Vater den Heiligen Geist, wie es vorausgesagt war, und gab ihn uns. Ihr seht und hört jetzt selbst, dass es in Erfüllung gegangen ist.
36) Ganz Israel soll wissen: Gott hat Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Retter gemacht.»
37) Als die Leute das hörten, waren sie von dieser Botschaft tief betroffen. Sie fragten Petrus und die anderen Apostel: «Brüder, was sollen wir tun?»
38) «Kehrt um zu Gott!», forderte Petrus sie auf. «Jeder von euch soll sich auf den Namen Jesu Christi taufen, damit euch Gott eure Sünden vergibt und ihr den Heiligen Geist empfangt.
39) Das alles ist euch, euern Nachkommen und den Menschen in aller Welt zugesagt, die der Herr, unser Gott, in seinen Dienst berufen wird.»
Liebe Gemeinde, mit seiner Predigt rief Petrus den jüdischen Männern (und auch den nicht genannten Frauen) wichtige Gedanken in Erinnerung. Denn wichtige Dinge sollten wiederholt gesagt werden, auch wenn Sie schon gesagt worden sind.
1. Erinnern! Jesu Wirken, sein Tod und seine Auferstehung: kein Zufall, sondern Gottes guter Plan
Ich erinnere mich an meinen Griechisch-Unterricht zu Beginn meines Studiums. Ich hatte eine grammatische Regel vergessen, so dass ich falsch übersetzte. Da rief unser Dozent entsetzt: „Aber Herr Vorländer, das habe ich Ihnen doch schon einmal gesagt!“ Ja, das stimmte wohl, aber ich hatte es nicht behalten.
Was wichtig ist, sollte mehr als einmal gesagt werden, oder nicht? Wie sieht es aus mit einer Liebeserklärung unter Ehepartnern? Wenn sie ihn fragt: „Liebst du mich?“ ist es dann nicht durchaus angebracht, die Liebeserklärung auch nach der Hochzeit zu wiederholen, anstatt zu antworten: „Aber das habe ich dir doch schon einmal gesagt!“
Petrus spricht zu den versammelten Menschen: „Wie ihr alle wisst“ - und wiederholt damit, was die Leute eigentlich schon wissen müssten: dass Jesus vor kurzer Zeit mitten unter ihnen gewirkt hat! Es ist erstaunlich, wie schnell wir manchmal gute Erlebnisse vergessen! Gott selbst hat in Jesus viel Gutes gewirkt: zuerst in Jesu Taten, Heilungen und Wundern wie es uns die Bibel bezeugt; danach durch seinen Kreuzestod, um stellvertretend für die Schuld aller Menschen einzutreten. Das ist nichts Neues für uns. Aber wir vergessen vieles schnell wieder, vor allem das, was uns eher nur am Rande interessiert.
Ein bekannter früherer Fernseh-Pfarrer hat bereits vor zwei Jahren geäußert, dass er mit dem Kreuzestod Christi als Sühne für die Sünden der Menschen nichts anfangen könne. Die Vorstellung eines Sühnetodes Christi wird plötzlich als Auslaufmodell gehandelt, als nicht mehr zeitgemäß. Sie entspricht nicht mehr unserem Zeitgeist, der nur noch dann nach der Wahrheit fragt, wenn sie auf uns positiv stimulierend, wenn sie begeisternd wirkt. Wahrheit, die uns betroffen macht, ist uns unangenehm und deshalb immer seltener gefragt, man könnte sagen, ziemlich „out“.
Die Erinnerung an Jesu Kreuzigung aber macht Menschen seit fast 2000 Jahren betroffen. Der Kinofilm „Die Passion Christi“ hat viele Menschen neu betroffen gemacht. Und andere haben sich den Film gar nicht erst angeschaut. Warum sollte ich mich freiwillig mit dieser Leidensgeschichte konfrontieren? Das erspare ich mir doch wohl lieber! Petrus erspart es seinen Zuhörern nicht, sie an die Kreuzigung zu erinnern, an der sie direkt oder indirekt mitgewirkt haben.
2. Nachdenken! Wäre Christus nicht auferstanden, hätte unser Glaube keine Grundlage
Petrus bleibt nicht bei der Erinnerung an die Kreuzigung stehen, sondern er verkündigt auch die Auferstehung Jesu. An Pfingsten waren 50 Tage nach Ostern vergangen. Und so erklärt sich auch das Wort: „Pfingsten“, es ist aus dem griechischen Wort „Pentecoste“ = der fünfzigste (Tag), entstanden. Und die frohe Botschaft, dass Jesus wahrhaftig auferstanden ist und nach seiner Himmelfahrt zum Herrscher und Retter erhoben worden ist – die haben wir vielleicht schon wieder vergessen.
Viele Menschen erinnern sich selbst an den christlichen Feiertagen nicht mehr, wem sie die freien Tage eigentlich verdanken. Jesus! Auch die Vorstellung von „Christi Himmelfahrt“ wirkt heute, in einer Zeit, in der wir Raketen ins Weltall schießen, für viele seltsam bis belustigend. Viele feiern lieber sich an Christi Himmelfahrt lieber selber, ihren eigenen „Vatertag“. Und wie sagte auch der Russe Gagarin, als er aus dem Weltraum zurückkam: „Den lieben Gott habe ich auf meiner Weltraumreise leider nicht angetroffen.“
In unserer Zeit suchen sich viele Menschen ihre eigene Wahrheit, die möglichst gut verträglich mit ihrem gewohnten Lebensalltag sein soll. Gottes Wahrheit aber passt sich nicht der Zeit und unseren Gewohnheiten an. Wenn Jesus nicht für uns gestorben und auferstanden wäre – es gäbe überhaupt keine christliche Gemeinde! So sagt auch Paulus im 1. Kor. „Wäre aber Christus nicht auferstanden, so hätte unsere ganze Predigt keinen Sinn, und euer Glaube hätte keine Grundlage.“ (1. Kor 15,14)
Wäre Jesus nicht auferstanden, wir würden hier und heute auch keinen christlichen Taufgottesdienst feiern!
Gottes Plan war es aber nicht, seine Menschen allein, aufgekratzt und betroffen zurückzulassen. Sondern Gottes Plan war und ist es, uns seine unendlich große Liebe neu vor Augen zu führen, uns neu zu entflammen, zu begeistern! Gerechterweise wurde Jesus zuerst be-GEIST-ert. In Vers 33 heißt es: „Jesus empfing vom Vater den Heiligen Geist, wie es vorausgesagt war, und gab ihn uns. Ihr seht und hört jetzt selbst, dass es in Erfüllung gegangen ist.“ Und tatsächlich spürten die versammelten Menschen am Pfingstfest den Heiligen Geist. Sie spürten alle gemeinsam Gottes Kraft, seine Liebe und seinen Frieden in sich. Dieses Empfinden ließ ihr Herz und ihre Gefühle überlaufen - sie waren begeistert, sie waren im wahrsten Sinne des Wortes „Feuer und Flamme“. Sie spürten: Gottes Plan geht heute einen Schritt weiter – und zwar mit uns! Jesus lebt und wirkt in uns. –
Und heute an Pfingsten schenkt Gott auch uns diese Chance, neu mit Jesus zu planen; denn er ist nicht länger der Gekreuzigte, sondern der Herr über Leben und Tod für alle Zeit; d.h. auch der Herr über mein Leben und meinen Tod. Damals ging den versammelten Menschen plötzlich ein Licht auf: Nachdem sie zuerst begeistert waren, waren sie danach auch so stark betroffen, dass sie unbedingt handeln wollten. Sofort handeln, um ja nicht wieder zu vergessen! Also fragten sie Petrus und die anderen Apostel: „Was sollen wir tun?“
3. Handeln! Was sollen wir tun? – „Kehrt um zu Gott und lasst euch taufen!“
«Kehrt um zu Gott!», forderte Petrus sie auf. «Jeder von euch soll sich auf den Namen Jesu Christi taufen, damit euch Gott eure Sünden vergibt und ihr den Heiligen Geist empfangt - nicht nur einmalig, sondern immer wieder neu.
Umkehren bedeutet eine Richtungsänderung um 180 Grad. Viele der Menschen, die Petrus’ Predigt hörten, wollten nicht lebenslänglich mit ihrer Schuld hadern; sie wollten sich nicht lebenslänglich betroffen fühlen. Nein, sie wollten ihre Schuld loswerden und sich neu begeistern lassen. Nicht alle, aber sage und schreibe 3000 Menschen ließen sich an Pfingsten taufen, um sich damit selber ein klares Zeichen zu setzen, um sich zu Jesus zu bekennen.
Umkehren, so wie es im griechischen Text heißt, bedeutet auch, seinen Sinn verändern, indem man etwas nochmals bedenkt. Und wer ehrlich ist, weiß, dass eine Sinnesänderung auch ein verändertes Verhalten nach sich ziehen sollte, denn sonst ist sie nichts Wert. Damals stand bei der Taufe vor allem die Umkehr im Mittelpunkt. Wer plötzlich eine 180 Grad Kehrtwende macht, ist sich bewusst geworden, dass er vorher in die falsche Richtung unterwegs war.
Die Menschen, die Petrus hörten, merkten, dass sie falsch gedacht und gehandelt hatten. Und sie wollten sich nicht nur vornehmen, zukünftig besser zu handeln, sondern sie wollten sofort damit beginnen. Sie wollten sich mit Gott versöhnen lassen, um wieder ein gutes Verhältnis zu Gott zu bekommen. Sie sehnten sich nach einem Leben in Frieden mit Gott. Und damit sie nicht doch über Nacht wieder in ihre alte Gewohnheiten zurückfielen, deshalb ließen sie sich taufen und in der Taufe die Kraft des Heiligen Geistes mit auf ihren Lebensweg gegeben: als Unterstützung, als Kompass – oder heute könnte man auch moderner sagen: als eine Art Navigationssystem hin zu Gott.
Unsere heute getauften Kinder haben ihren Lebensweg erst begonnen. Aber in unserer heutigen Welt, inmitten unseres Zeitgeistes, ist es schwierig, sich zu orientieren und die richtige Richtung zu finden! Deshalb ist es gut, dass Sie sich als Eltern stellvertretend für Ihre Kinder entschieden haben, ihnen eine gute Ausgangsposition zu verschaffen. Mit der Taufe ist das Ziel noch nicht erreicht, aber ein erster Schritt in die richtige Richtung ist gemacht. Mit der Taufe bekennen wir:
„Gott, wir wollen deine guten Pläne annehmen, die du für uns und unsere Kinder bereithältst. Wir wollen zu deiner Gemeinde gehören und wollen dich jeden Tag neu in unser Leben einladen: als verlässlichen Freund, dem wir voll vertrauen.“
In der Taufe erhält ein Mensch nicht nur eine Art „göttliches“ Navigationssystem, sondern wir erbitten für ihn auch Gottes lebensspendenden Heiligen Geist als Wegbegleiter.
Und doch braucht jeder Mensch auch menschliche Begleitung und Unterstützung. Seine Eltern, seine Paten und auch andere Menschen, die in Gottes Richtung unterwegs sind, christliche Gemeinschaft.
Die Taufe bedeutet, ebenso wie das Pfingstfest, Betroffenheit und Begeisterung! In der Taufe sind wir betroffen, weil wir darin Jesu Leiden und seinen Tod unverdient für uns beanspruchen, um so mit Gott versöhnt zu werden.
In der Taufe werden wir aber auch befreit von allen lebensfeindlichen Mächten und von einer uns erdrückenden Betroffenheit. Wir werden befreit und gestärkt durch den Heiligen Geist, der uns nicht nur an Pfingsten begegnet. Er wird uns und unseren Kindern in der Taufe zugesprochen und wir dürfen uns in christlicher Gemeinschaft immer wieder neu von ihm begeistern lassen. Amen.