Matth. 6, 12-15; Matth. 18,21-35; Luk. 23,34; Kolosser 3,12-14
9 Ihr sollt deshalb so beten: 'Unser Vater im Himmel! Dein heiliger Name soll geehrt werden.10 Richte bald deine Herrschaft bei uns auf. Lass deinen Willen hier auf der Erde geschehen, wie er im Himmel geschieht.
11 Gib uns auch heute wieder, was wir zum Leben brauchen. 12 Vergib uns unsere Schuld, wie wir denen vergeben, die uns Unrecht getan haben. 13 Bewahre uns davor, dass wir dir untreu werden, und befreie uns vom Bösen. Denn dir gehören Herrschaft, Macht und Ehre für alle Zeiten. Amen!' 14-15 Euer Vater im Himmel wird euch vergeben, wenn ihr den Menschen vergebt, die euch Unrecht getan haben. Wenn ihr ihnen aber nicht vergeben wollt, dann wird euch Gott eure Schuld auch nicht vergeben.» Matthäus 6
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21 Da fragte Petrus: «Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er mir Unrecht tut? Ist siebenmal denn nicht genug?» 22 «Nein», antwortete Jesus. «Nicht nur siebenmal. Es gibt gar keine Grenze. Du musst bereit sein, ihm immer wieder zu vergeben.»23 «Man kann das Reich Gottes mit einem König vergleichen, der mit seinen Verwaltern abrechnen wollte. 24 Zu ihnen gehörte ein Mann, der ihm einen Millionenbetrag schuldete. 25 Aber er konnte diese Schuld nicht bezahlen. Deshalb wollte der König ihn, seine Frau, seine Kinder und seinen gesamten Besitz verkaufen lassen, um wenigstens einen Teil seines Geldes zu bekommen. 26 Doch der Mann fiel vor dem König nieder und flehte ihn an: 'Herr, hab noch etwas Geduld! Ich will ja alles bezahlen.' 27 Da hatte der König Mitleid. Er gab ihn frei und erließ ihm seine Schulden. 28 Kaum war der Mann frei, ging er zu einem Mitarbeiter, der ihm einen kleinen Betrag schuldete, packte ihn und schrie: 'Bezahle jetzt endlich deine Schulden!' 29 Da fiel dieser Arbeiter vor ihm nieder und bettelte: 'Hab noch etwas Geduld! Ich will ja alles bezahlen!' 30 Aber der Verwalter wollte nicht warten und ließ ihn ins Gefängnis bringen, bis er alles bezahlt hätte. 31 Als nun die anderen sahen, was sich da ereignet hatte, waren sie empört und berichteten es dem König. 32 Der König ließ den Mann, dem er die Schulden erlassen hatte, zu sich kommen und sagte: 'Was bist du doch für ein hartherziger Mensch! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich darum gebeten hast. 33 Hättest du da nicht auch mit deinem Mitarbeiter Erbarmen haben können, so wie ich mit dir?' 34 Zornig übergab er ihn den Folterknechten. Sie sollten ihn erst dann wieder freilassen, wenn er alle seine Schulden zurückgezahlt hätte. 35 Das gleiche wird mit euch geschehen, wenn ihr euch weigert, eurem Bruder wirklich zu vergeben.» Matthäus 18, 21-35
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Jesus am Kreuz: ’Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!’ Lukas 23,34
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12 Weil ihr von Gott auserwählt und seine geliebten Kinder seid, die zu ihm gehören, sollt ihr euch untereinander auch herzlich lieben in Barmherzigkeit, Güte, Demut, Nachsicht und Geduld.13 Streitet nicht miteinander, und seid bereit, einander zu vergeben, selbst wenn ihr glaubt, im Recht zu sein. Denn auch Christus hat euch vergeben. 14 Das Wichtigste ist die Liebe. Wenn ihr sie habt, wird euch nichts fehlen. Kolosser 3
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4 Schritte zur Heilung: 1. Verletzung benennen / 2. Gefühle eingestehen /
3. Heilung durch Vergebenkönnen / 4. Versöhnung
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Liebe Gemeinde, - liebe Sünder, liebe Täter und Opfer der Sünde,
‚Wer A sagt, der soll auch B sagen!’, sagt man.
Letzten Sonntag ging es um das Thema: ‚Vergebung bekommen’ heute die Fortsetzung: Vergebung gewähren!
In der Vaterunserbitte ist es aufeinander bezogen: „..vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Jesus hat diese Bitte den Jüngern als Doppelpack zugemutet, wie zwei Seiten einer Münze.
Eine Zumutung: ‚..wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!’ Das ist die schwerste Vaterunserbitte!
Es ist leicht, um das tägliche Brot zu bitten. Es ist leicht, zu sagen: Dein Name werde geheiligt. Es ist leicht, zu bitten: ‚Führe uns nicht in Versuchung’, aber zu bitten: Vergib mir wie ich auch vergebe meinen Schuldigern!, - das ist schwer.
Richtig gehört: meinen Schuldigern!
-Denen, die sich neulich doch so scheußlich benommen haben.
-Dem einen Kollegen, der mich vor allen so bloßgestellt hat.
-Dem Ehepartner, der mich mit seinem kalten lieblosen Blick verletzt hat.
-Dem Freund, der das weitergeplappert hat, was ich ihm allein anvertraut habe…
-Dem Vater, der mich immer klein gemacht hat.
-Dem Partner, der mich verlassen hat.
Es gibt viele Schuldiger..!
Vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!
Das eine zieht das andere nach sich. Das eine ist auch nicht ohne das andere zu haben.
-Wer für sich Vergebung und damit Freiheit haben will, der soll sie auch weitergeben.
-Wer für sich Lasten los werden will und sie Gott gibt, der soll nicht andere belasten.
Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Vergebung bekommen und gewähren.
Und es ist uns im Kopf klar, dass beides miteinander verstrickt ist, auch in unserer Person: einmal sind wir Täter, ein andermal Opfer.
Einmal tun wir andern weh, und ein andermal werden wir verletzt.
- Im harten Berufsleben: oft beschreibt man diese Erfahrungen mit Radfahren: nach oben hin buckeln, nach unten hin treten. Der Chef übt Druck auf einen aus, und man selbst gibt Druck und Aggression nach unten weiter. Der Schwächste bekommt am meisten ab.
- Auch unter Kollegen und im Team ist es so: Sticheln und gestichelt werden
- In Ehe und Familie auch: Das unbarmherzige Gesetz von ‚Wie du mir, so ich dir!’
Und wenn wir verletzt wurden, dann müssen wir entscheiden:
Entweder lassen wir es laufen – und fast natürlicherweise geht das Gefälle hin zur Vergeltung - oder wir steuern dagegen, indem wir uns für die Vergebung entscheiden.
Vor Jahren fand ein schreckliches Unglück am Bodensee statt. Zwei Flugzeuge kollidierten nachts über dem See, ein Frachtflugzeug und ein Charterflugzeug aus Russland mit Schülern auf dem Weg in die Ferien. Alle Passagiere starben. Schuld war eine Verkettung von Umständen, an denen auch ein Schweizer Fluglotse beteiligt war. Das Unglück war schrecklich und bitter für die hinterbliebenen Familien in Russland.
Ein Familienvater litt sehr darunter – und hat sich immer mehr in seinen Schmerz verbissen. Er wurde damit nicht mehr fertig – und sah nur noch einen Weg. Er reiste in die Schweiz, suchte den betreffenden Flutlotsen in seinem Haus auf, klingelte und - nachdem die Tür aufgemacht wurde -, richtete er ein schreckliches Blutbad an. Trauer und Bitterkeit haben ihn aufgefressen. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Ein furchtbarer Schmerz führte zu einem weiteren furchtbaren Schmerz. Weil die Bitterkeit nicht besiegt wurde.
Wer nicht vergibt, der wird von Bitterkeit gefangen genommen.
Er ist irgendwann nicht mehr Herr seiner Lage, er wird innerlich aufgefressen und muss das tun, wozu die Bitterkeit ihn anstachelt.
Die Lesung vom unbarmherzigen Mann,- der selber um Vergebung bittet, sie auch erfährt, aber diese Vergebung andern nicht gewährt,- sagt genau das, dass nämlich die Hartherzigkeit, das Nicht-Vergeben-Wollen, fatale Folgen hat. Wie ein Bumerang fällt das Böse wieder auf einen zurück.
Was im Gleichnis der König ist, das ist im echten Leben die Bitterkeit. Eine Frau sagte:
„Verbitterung ist: du trinkst das Gift und wartest darauf, dass der andere stirbt.“
Jesus will aber nicht, dass wir daran zugrunde gehen. Darum empfiehlt er diese Bitte: „..wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!“
Wenn wir den Schuldigern vergeben, tun wir uns etwas Gutes!
Verbitterte Menschen machen ihr Leben kaputt.
Verbitterte Menschen verseuchen ihre Umgebung.
In ihrer Nähe halten es Menschen nicht lange aus. Sie erleben Zynismus, Spott, völlig überschießende und unerwartete Reaktionen, - man hat ständig das Gefühl, dass da jemand unter Strom steht, noch Rechnungen offen sind. Man wird leicht angesteckt, ärgert sich, schimpft mit – oder man will schnell weg.
In Hebräer (12,14) wir hingewiesen, dass man besonders in der Gemeinde deswegen aufpassen soll: Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, … und seht darauf, dass nicht jemand Gottes Gnade versäume, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwachse und Unfrieden anrichte und viele durch sie unrein werden.
Wie werden wir von Bitterkeit frei? Wie können wir Vergebung gewähren?
Eigentlich ist der Weg zur Heilung ‚unnatürlich’, es widerspricht unserer Natur, denn alles in uns schreit nach Genugtuung, Vergeltung, Schadenfreude, Rückzug, Einigeln, Gewalt.
Der Akt der Vergebung hat etwas Göttliches in sich, fast etwas Übernatürliches.
Es ist etwas Schöpferisches. Es wird in der Tat etwas Neues geschaffen – und das mit der Hilfe Gottes. Gott schafft Neues (Jahreslosung) und mit seiner Hilfe können wir den Weg der Heilung gehen.
4 Phasen:
1. Verletzung benennen
Mit diesem ersten Schritt fängt alles an. „Ja, das und das hat weh getan!“
Ich spreche es aus. Ich stelle es fest. Ich schreibe es auf.. egal wie, aber es muss benannt werden.
Nur nicht zu schnell christlich glatt bügeln oder im Unklaren lassen.
Als ob Christen sich nicht ärgern dürften, oder traurig oder wütend sein dürften.
Also benennen sie es:
So ein Schuft! –Und das nennt sich Freund. Ich bin verletzt.
So ein feiner Kollege! – Und hintenherum schwärzt er mich an. Ich bin wütend.
So ein Geschäftspartner! – Zuerst verspricht er Aufträge, dann lässt er mich hängen. Ich bin traurig.
So ein Lügner! – Tönt herum und tritt in alle Fettnäpfchen, und dann will er’s nicht gewesen sein. Ich bin enttäuscht.
Wenn wir die Sache nicht benennen, kann die Wunde nicht heilen.
Je deutlicher der Schmerz benannt wird, umso wirksamer kann Heilung greifen und Vergebung ausgesprochen werden.
Wenn wir’s unterdrücken, es wurmt doch – unter der Oberfläche – und irgendwann macht es sich sowieso Luft.
Manchmal merken wir sehr wohl den Schmerz, aber können es nur schlecht benennen. Dann ist ein Gespräch gut. Der andere ist ein Helfer, um den wunden Punkt zu finden.
2. Gefühle eingestehen
Man könnte diese Phase in die erste reindenken, ich hebe sie extra hervor.
Mit jeder Verletzung gehen starke Gefühle einher: Enttäuschung, Trauer, Lähmung, Durcheinander, Wut, Hass..
Das sind unangenehme Gefühle. Und sie denken vielleicht:
‚Ich muss doch nur gute Gefühle haben, wie schlimm, aggressiv zu empfinden..’
Aber Gott hat uns schließlich mit Gefühlen erschaffen. Sie sind ja da.
Wir können sie nicht wegretuschieren.
Unser Selbstwert wurde getroffen. Bin ich nicht mehr wichtig!?..
Wir müssen zumindest durch dieses unangenehme Tal der schlechten Gefühle durch. Wir sind ja schon mitten drin.
„Ja, ich bin jetzt wütend! Ja, ich könnte meinen Chef…. Ich hasse diesen fiesen Typ!“ „Meine Frau, ich könnte ihr…könnte ihr… irgendwas antun, was ihr dann noch leid tun wird!“
Es ist wichtig, dass ich zwischen Wut und Hass unterscheiden kann.
Wut ist eine natürliche Reaktion, eine Dynamik, die vom Unrecht ausgelöst wird.
Die Wut will Gerechtigkeit oder faire Bedingungen erreichen.
Der Hass zielt weiter. Er achtet nicht mehr auf die Verhältnismäßigkeit, auf das Augenmass, auf die Sache .. er zielt nur noch auf Zerstörung.
Je mehr Schaden, umso besser. Recht geschieht es ihm. Er ist ja auch so gemein. Soll er doch… soll er doch… soll er doch einfach sterben…
Der Hass ist das, was uns selber in einen Strudel mitreißt. Jemand schrieb mal:
„Lass den Hass eine Weile setzen, lass ihn den besten Platz in der Seele übernehmen, und er wird ein unliebsamer Gast, der nicht geht, auch wenn die Party zu Ende ist“
Wenn der Hass hereingebeten wurde, dann lässt er sich nicht so einfach wieder hinausbefördern.
Der Hass krallt sich fest, und frisst innen unsern Seelenfrieden auf.
Die Gedanken macht er düster, das Herz macht er schwer, die Magenschleimhäute greift er an, den Adrenalinpegel treibt er hoch, den Tiefschlaf sabotiert er durch Albträume usw..
Wut kann aber konstruktive Energie auslösen, Wut bewegt etwas in die richtige Richtung – aber Hass zementiert, ringt um die Oberherrschaft im Kopf, lässt nicht los, setzt sich richtig fest. Und wenn er sich eingenistet hat, dann gibt er langsam sein Gift ab…
Soweit können es viele Menschen nachvollziehen.
Jesus fordert nun von denen, die sich auf ihn berufen – von den Christen – dass sie den nächsten Schritt der Heilung gehen.
3. Heilung durch Vergeben-Können.
Vergeben heißt hier nicht ein Vorgang aus menschlicher Kraft, das würde nicht reichen.
Es ist vergeben aus der Kraft Gottes: Ich vergebe um Gottes Willen. Ich vergebe um Jesu willen. Ich vergebe, weil Jesus mir auch vergeben hat.
‚Vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern!’
Dazu einige Erläuterungen, was Vergeben nicht ist:
-Vergeben heißt nicht etwas ungeschehen machen. Lüge bleibt Lüge. Betrug bleibt Betrug.
-Vergeben heißt nicht, das Unrecht beschönigen.
-Vergeben ist schon gar nicht ‚Schwamm drüber’ und einfach Vergessen.
-Vergeben ist auch nicht klein beigeben oder kuschen (weil man anders nicht kann oder darf), vielleicht aus falschverstandener christlicher Demut.
-Vergeben ist keine Einladung für den andern, dass ich bereit bin, alles hinzunehmen und sein Fußabtreter zu werden. Luther karikiert einmal den ‚verrückten Heiligen’, der das Wort von dem ‚Wange hinhalten’ missversteht und alles Böse aushalten will. Er beschreibt einen Menschen, der „die Läuse an sich knabbern lässt und sich … weigert, auch nur eine von ihnen zu töten, weil er behauptet, er müsse das Böse ertragen statt sich ihm zu widersetzen.“
-Vergeben ist auch nicht Versöhnung, auch wenn es wichtiger Schritt in diese Richtung ist.
Vergeben ist etwas so Kostbares und Starkes – eine Schöpfungstat, dass sie nicht so verramscht werden darf. Das zeigt sich z.B. an der Frage, wann wir vergeben sollen.
Antwort: Nicht zu früh – aber auch nicht zu spät.
Manchmal ist das so ein netter, vielleicht christlicher, Reflex, zu sagen:
Ist schon gut!. sagt man leichthin. Aber nichts ist gut, der Schmerz sitzt.
Eine ‚Heile, heile Segen – Mentalität’ nimmt das Problem nicht ernst.
Es wird oberflächlich und scheinbar vergeben, aber nichts heilt, es schwelt doch noch weiter. Darum nicht zu unbedacht und zu schnell vergeben.
Aber auch das ‚Zu spät’ ist nicht gut: Manchmal ist es richtig schön, im Schmollwinkel zu sitzen, am warmen Kachelofen, der mit Holzscheiten der stillen Vorwürfe gefüttert wird. Ach wie schön ist es in diesen Ecken, wo ich mich selbst bedauern kann. Aber das ist kein Dauersitzplatz. Ich muss mich aufmachen und Vergebung riskieren – sonst sitze ich bald im Schosse von Hass und Verbitterung.
Liebe Gemeinde, es gibt keine Alternative zur Vergebung!
Nicht vergeben ist langfristig der Weg des Verderbens.
Es gibt keine ernstzunehmende Alternative. Wir haben nicht die Wahl zwischen Aspirin, Paracetamol, Akupunktur und Vergebung. Die medizinischen Mittelchen verschieben zwar das Problem, aber sie lösen es nicht auf. Auch die psychologischen Mittel ersetzen nicht die Vergebung.
Manche von uns denken sich: Ich will warten, bis der andere auf mich zukommt – bis er erkennt, was er Schlechtes gemacht hat und mich um Vergebung bittet – ja, dann will ich gern vergeben! Wie gefährlich dieses Denken!
Das ist das Denken, dass meine Vergebung etwas Gönnerhaftes wäre, von einem freien Menschen ausgesprochen, der die Freiheit hat, zu vergeben oder auch nicht.
So ist es aber nicht. Wenn wir nicht vergeben, gehen wir kaputt. Weil wir etwas nachtragen. Einen Koffer voller Klagen und Vorwürfe. Je länger wir den Koffer tragen, umso schwerer.
Die Zeit läuft. Je länger wir warten, umso gefährlicher.
Wer auf den andern wartet, kann auf den SanktNimmerleinsTag warten. Es ist gefährlich, das Gesetz des Handelns, unseren Seelenfrieden, dem andern in die Hand zu geben.
Damit liefert man sich ja ein zweites Mal dem aus, der einen schon verletzt hat.
Wir geben dem Menschen, der uns weh getan hat, das Recht zu entscheiden, wann wir wieder frei und glücklich sein werden.
Wir geben ihm eine Macht, die ihm nicht zusteht.
Es ist zwar ein Glück, wenn der andere seine Schuld einsieht, - das ist aber oft nicht der Fall.
Darum ist Vergebung zunächst eine einseitige Sache.
Vergebung ist auch eine langwierige Sache, ein Weg, ein langer, mühsamer Prozess.
Die Jünger von Jesus wollten es genau wissen, und fragten (Matthäus 18,22):
Wie oft sollen wir vergeben? Reicht sieben Mal? Aber Jesus sagt dann das berühmte Wort von 77-mal!, d.h. ohne Grenze, immer wieder, sollen und müssen wir vergeben.
Und dann erzählt Jesus die Kontrastgeschichte vom unbarmherzigen Mann (dem Schalksknecht). Dieser heimst die Gnade seines Chefs mühelos ein – aber gibt sie nicht weiter.
Wer noch nicht pauschal und alles vergeben kann, der kann zumindest Gott die Bereitschaft zu sagen: „Herr, ich bin bereit, diesen Weg der Vergebung zu gehen.“ Diese Bereitschaftserklärung wäre dann zumindest ein erster Schritt auf einem langen Weg.
Jesus selbst hat am Kreuz das schlimmste Unrecht, was an ihm geschehen ist, vergeben:
Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun! (Lukas 23,34)
Paulus mahnt an einer Stelle die Christen, eine Weisung an die Gemeinde in Kolossä (3,13):
..Seid bereit einander zu vergeben, selbst wenn ihr glaubt, im Recht zu sein. Denn auch Christus hat euch vergeben..
Weil wir pausenlos von Gott mit Gnade versorgt werden, darum können und müssen wir auch vergeben – sonst ist das Gott gegenüber nicht fair, oder wir nehmen seine Güte nicht ernst, und wir rauben uns die Heilung.
Das ist aber so leicht gesagt. Ich bin z.Z. nicht traumatisiert…
Daher einige Worte von einer Frau, Eva Moses Kor, die in den Zwillingsexperimenten schlimmstes Grauen in Auschwitz erlebt hatte und vor einiger Zeit in Essen auf Einladung des Kulturwissenschaftlichen Instituts sprach (WAZ vom 15.06.2005):
„..Und diese Frau vergibt nicht nur Mengele, sie vergibt allen Nazis. Bei der Gedenkveranstaltung zum 50.Jahrestag derer Befreiung des KZ Auschwitz erklärte sie dies in aller Öffentlichkeit. Ein ungeheuerlicher Vorgang. …
“ Ich bemerkte, ich hatte die Macht zu vergeben“, erklärt die 71-jährige ihre Gründe, die nicht überall und von jedem verstanden werden. „Ich, da kleine Mädchen, das schwache Opfer, habe di Macht, dem Todesengel von Auschwitz zu vergeben.“
Von diesem Moment an habe sie sich nicht mehr als Oper gefühlt, … und ihre Seele (war) geheilt. Seither verbreitet sie ihr Erlebnis. „Es ist meine große Hoffnung, dass die Opfer von Gewalt in aller Welt lernen werden, ihre Seele zu heilen und frei zu werden.“
Nun ist auch klar – dass die Frucht der Vergebung im Namen Gottes – nicht immer sofort spürbar wird. Es braucht eine Zeit, bis man sich zu diesem Vergebungsakt durchringt – vielleicht keine guten Gefühle,( man muss sich schrecklich überwinden) sondern einfach nur Gehorsam: „Ich vergebe in deinem Namen diesem Menschen das Unrecht, was er an mir getan hat.“
C.S.Lewis war als Schüler schwer traumatisiert durch einen Lehrer.
Lewis hatte einen ausführlichen Briefwechsel mit einer Amerikanerin. Ungefähr drei Monate vor seinem Tod schrieb er ihr: „Ich glaube, ich habe endlich diesem grausamen Lehrer vergeben, der mir meine Jugend so schwer gemacht hat. Ich dachte schon oft, dass ich ihm vergeben hätte, aber jetzt habe ich es wirklich getan.“
Vergebung ist ein langer Weg. Aber wenn ein erster Schritt gemacht wurde – ein bewusstes Vergeben, nicht ‚Ich möchte vergeben’, sondern ein bewusstes Wollen: ‚Ich vergebe dem und dem..’ – dann wird es leichter und leichter. Und schließlich wittert man die Morgenluft von neuer Freude und Freiheit.
Diese drei Phasen sind jedem einzelnen zugänglich. Darüber kann jeder von uns alleine entscheiden.
Bei der 4. Phase der Heilung gehören aber zwei dazu.
Manchmal geschieht diese 4. Phase, manchmal nicht. Wichtig ist aber, dass die 3 Phasen vorher durchlaufen wurden, sonst wird es nichts mit der 4.Phase.
4. Phase: Versöhnung
Versöhnung ist eine zweiseitige Sache.
Nur wenn auch der andere, der Täter, eine veränderte Sicht bekommen hat.
Er ist ein-sichtig und bedauert seine Tat. Er bittet seinerseits um Vergebung.
Es ist ihm ein echtes Anliegen. Er tut nicht einfach so.
Er will wieder Frieden haben – auf einem besseren Fundament.
Dem Fundament der Vergebungsbitte und des Vergebens.
Diese Phase der Versöhnung ist aber nicht zum Nulltarif zu bekommen.
Es kostet etwas.
Das schwere Unrecht muss noch mal genannt werden – wenn es zu zweit nicht geht, mit einem vertrauten Menschen als Seelsorger und Helfer.
Man muss vielleicht darüber reden, wie man erneutes Unrecht verhindern kann.
Man muss vielleicht Dinge wieder in Ordnung bringen, soweit es geht.
Wiedergutmachung ist geboten – soweit nicht erneut Wunden aufgerissen werden.
Auch das ist ein Prozess und ein langer Weg, aber ein heilsamer und beglückender.
Ich möchte zum Schluss ein Beispiel von dramatischer Versöhnung vorlesen:
Ideaspektrum- Artikel von Juni 1990:
Nach einem Mordanschlag: Opfer verzeiht den Tätern
Überschrift: „Wie auch wir vergeben..“
Der praktische Glaube eines Neunkirchener Unternehmers
Was die meisten Menschen nur im Film erleben, wurde für den Unternehmer Manfred Beel aus Neunkirchen bei Siegen grausame Wirklichkeit. Zwei Verbrecher streckten den 51jährigen Fabrikanten mit zwei Schüssen nieder. Lebensgefahr. Die Täter wurden einen Monat später gefasst und vor Gericht gestellt. Was dort geschah, gehört für viele Menschen in den Bereich der Phantasie: Die beiden Angeklagten baten ihr Oper um Verzeihung – und Manfred Beel gewährte sie ihnen. Nach der Verhandlung vor einem Bonner Schwurgericht ging er auf die beiden Verbrecher zu und gab ihnen die Hand: „Ich freue mich, dass sie ihre Tat bereuen und ich vergebe ihnen.“ Die Motivation für diese unerwartete Geste der Versöhnung: Manfred Beel ist evangelischer Christ, Sohn eines Sumatra-Missionars. „Ich kann doch nicht im Vaterunser beten, ‚wie auch wir vergeben unsern Schuldigern’, und dies im tatsächlichen Leben nicht praktizieren“, begründet das langjährige CVJM-Mitglied sein Vorgehen. Keiner der Prozeßbeteiligten konnte sich daran erinnern, jemals eine solche Versöhnung im Gerichtssaal miterlebt zu haben.
Diese Kraft der Vergebung wünsche ich uns allen. Amen.