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Predigttext

Eine Chance auf neue Vorfreude u. Vorbereitung im Advent
03-12-06 14:57
Alter: 4 yrs


VON: J.VORLÄNDER



Lukas 1, 67-79 - Lobgesang des Zacharias - 1.Advent


 

Liebe Gemeinde,

 

in den letzten Tagen habe ich mich an die Adventszeit in meiner Kindheit erinnert: Ich habe mich immer wahnsinnig gefreut und dafür gab es mehrere gute Gründe:

 

Ein Grund war der Schokoladen-Adventskalender, den meine Eltern für mich und meine zwei jüngeren Geschwister kaufen mussten. Das war ein ungeschriebenes Gesetz. Und ich meine bis heute, dass die Schokolade aus diesen Adventskalendern besser als jede andere Schokolade geschmeckt hat. Manche Leute behaupten zwar, dass es ganz normale Schokolade sei, aber für mich war es die leckerste Schokolade der Welt: Vorgeschmack auf Weihnachten!

 

Dann gab es noch einen zweiten Adventskalender: kleine Säckchen waren mit Süßigkeiten und mit allerlei anderen nützlichen Dingen gefüllt und an einem Adventskranz aufgehängt. Bei drei Kindern war leider nur jeden 3. Tag ein Säckchen für mich bestimmt, aber immerhin – eine gerechte Aufteilung.

 

Wenn ich mich recht erinnere, gab es noch einen dritten Adventskalender: für jeden Abend gab es eine besinnliche Geschichte, die unser Vater abends in der Familienrunde vorlas. Eine Freude war es mir auch immer, einen ellenlangen Wunschzettel zusammenzuschreiben: zum Entsetzten meiner Eltern. Ich wusste: alles werde ich zwar nicht bekommen, aber der ein oder andere Wunsch wird mir ganz bestimmt erfüllt werden. Und obwohl ich mein Zimmer bis Heiligabend aufgeräumt haben musste, war die Adventszeit für mich eine Zeit der Vorfreude, denn ich wusste ganz sicher: Weihnachten ist nicht mehr aufzuhalten! Weihnachten wird kommen: wir werden Jesu Geburt feiern mit allen schönen Begleiterscheinungen: angefangen beim Öffnen des größten Adventskalendertores, dann das leckere Essen, die Bescherung, bis hin zum Verwandtschaftstreffen mit Singen und einem Krippenspiel.

 

Das war früher. - Und heute? Ich gebe zu: meine adventliche Vorfreude hat in den letzten Jahren stark abgenommen. Die früheren schönen Begleiterscheinungen der Advents- und Weihnachtszeit sind immer mehr zu „Risiken und Nebenwirkungen“ mutiert. Ich erspare Ihnen Ausführungen zu aller vorweihnachtlichen Hektik, von der ich mich oft viel zu schnell anstecken und mir die Vorfreude nehmen lasse.

 

Erfreulicherweise ist für diesen 1. Adventssonntag ein Predigttext vorgesehen, der genau von dieser - mir etwas abhanden gekommenen - Vorfreude erzählt.

„Der Lobgesang des Zacharias“ lautet die Überschrift, oder in Latein auch bekannt als „Benedictus“, was auf Deutsch „gepriesen“ bedeutet.

 

Ich lese den Predigttext, Lukas 1,67-79, nach der Lutherübersetzung:

 

67) Und sein Vater Zacharias wurde vom heiligen Geist erfüllt, weissagte und sprach: 68) Gelobt sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat besucht und erlöst sein Volk

69) und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David

70) - wie er vorzeiten geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten -,

71) dass er uns errettete von unsern Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen,

72) und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern und gedächte an seinen heiligen Bund

73) und an den Eid, den er geschworen hat unserm Vater Abraham, uns zu geben,

74) dass wir, erlöst aus der Hand unsrer Feinde, 75) ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.

76) Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, daß du seinen Weg bereitest,

77) und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden,

78) durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,

79) damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.

 

Zur Vorgeschichte:

Zacharias hatte ein ereignisreiches Jahr hinter sich: erst war ihm während seines Priesterdienstes ein Engel erschienen, der ihm und seiner Frau trotz ihres hohen Alters einen Sohn versprochen hatte. Johannes sollte er heißen – nicht nach dem Vater Zacharias benannt, wie es damals Tradition war. Und damit nicht genug: erfüllt vom heiligen Geist sollte dieses Kind der ausgewählte Prophet sein, um dem lang ersehnten Messias den Weg zu bereiten. Zacharias traute Gott einiges zu; aber dass ER Vater des Propheten und Wegbereiter für den Messias werden sollte, welcher vom Propheten Maleachi (Mal 3,1) vor 500 Jahren angekündigt worden war und auf den über Jahrhunderte hinweg Generationen gehofft hatten? -

Das hatte Zacharias im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlagen. Während seine Frau Elisabeth schwanger war, hatte Zacharias nicht sprechen können. Und nach 9 Monaten kam tatsächlich ein kleines gesundes Kerlchen auf die Welt. Nach jüdischem Brauch wurden die Jungen am 8. Tag nach ihrer Geburt beschnitten und den Nachbarn vorgestellt: aber der immer noch stumme Zacharias hatte eine Tafel nehmen müssen, um den Namen des neu geborenen Kindes aufzuschreiben.

 

1. „Gott gedenkt“ nicht nur, sondern „Gott ist gnädig“

 

„Johannes“, hatte Zacharias auf die Tafel geschrieben. Und von diesem Augenblick an konnte er wieder sprechen. Und nun? Beklagt er sich bei Gott über neun verlorene Monate seines Lebens; darüber, dass er sich von Gott ungerecht behandelt fühle, obwohl er ihm doch immer treu gedient hätte? - Nein.

Zacharias erkennt, dass ihm mit seinem Sohn ein ganz besonderes Geschenk zuteil geworden ist. Johannes heißt sein Sohn, so wie der Engel es gefordert hat, nicht Zacharias, was auf Deutsch heißt „Gott gedenkt“. Der Name Johannes bedeutet: „Gott ist gnädig“, nicht „Gott ist vielleicht gnädig“ oder „Gott war früher einmal gnädig“.

 

Im HIER und JETZT erfährt Zacharias die Gnade Gottes, indem er

1.) tatsächlich noch Vater wird: im hohen Alter, nach jahrelangen unerhörten Gebeten,

2.) einen ganz besonderen Sohn bekommt: den Wegbereiter für den Messias - und

3.) seine Sprachfähigkeit wieder zurückgewinnt.

Gottes Gnade war, ist und bleibt für Zacharias ein Faktum, kein unerfüllter Wunsch.

 

Erfüllt vom heiligen Geist lässt er seiner Freude freien Lauf: „Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!“ ruft oder singt er, wie es auch in alten Psalmen heißt (Ps 72,18f; 106,48; 111,9). Zacharias erinnert mit Freude und Dankbarkeit an Gottes befreiendes Handeln, an Gottes Treue gegenüber seinem Volk Israel seit den Tagen Abrahams. Treue, die angesichts der Sünde des Volkes nicht selbstverständlich zu erwarten gewesen wäre.

 

Und dann prophezeit er voller Freude die von Gott bestimmte Aufgabe seines Sohnes Johannes: als Wegbereiter des Höchsten, des Messias, wird er die Menschen vorbereiten. Er wird sie zum Nachdenken über ihr falsches Verhalten gegenüber Gott und den Mitmenschen bringen, viele taufen und ihnen die Barmherzigkeit Gottes und Vergebung der Sünden zusprechen.

 

Und obwohl Johannes erst ein kleines Baby und Jesus noch gar nicht geboren ist, ist Zacharias davon überzeugt, dass Gott sich den Menschen liebevoll zuwenden wird: Als ein „Licht aus der Höhe“ (vgl. Num 24,17; Jes 60,1; Mt 2,2; Joh 8,12) wird Gott so kommen, wie er es verheißen hat: als ein Gerechter und ein Helfer (Sach 9,9).

 

Das, was Gott bis jetzt getan hat, bewirkt in Zacharias diese innere Überzeugung: die Überzeugung, dass Gott seinen Heilsplan mit den Menschen sehr bald vollenden wird.

 

Die Geburt von Johannes hatte für Zacharias die gleiche Wirkung wie für mich ein Adventskalender in meiner Kindheit: mit ihm bricht die Zeit der Vorfreude an und das lang ersehnte Ziel, das große Tor, kommt in greifbare Nähe.

 

2. Erinnerungen, Erlebnisse und Vorausblicke als Quellen neuer Vorfreude

 

Wie kommt Zacharias aber zu der großen Vorfreude, die sich als Lobgesang äußert? Natürlich bewirkt der Heilige Geist neben der Befähigung zur Prophetie auch Freude. Aber ich denke, an dieser Stelle ist die Vorfreude auch ganz natürlich erklärbar:

Vorfreude entsteht da, wo sich ein Mensch an schöne Erlebnisse erinnert und auch gegenwärtig etwas erlebt, was zukünftige Freude erwarten oder erhoffen lässt.

 

So eine Vorfreude ist in den letzten Tagen z.B. in und um Köln entstanden; dabei hatte sich eigentlich nichts am grauen Novemberalltag geändert! Lediglich die Nachricht, dass ein in Köln ehemals erfolgreicher Fußballtrainer nach vielen Jahren erneut das Traineramt des 1. FC Köln übernehmen würde, bewirkte eine unglaubliche Vorfreude und Euphorie bei den Fans! Der in Zweifel geratene Aufstieg aus der 2. Bundesliga erscheint allein durch diese Nachricht plötzlich so gut wie gesichert. Auf die Kölner Fans wirkte diese Nachricht wie die Ankündigung des Messias.

 

Als Christ frage ich mich jedoch: wenn Fußballfans so eine Vorfreude entwickeln können – nur weil ein erfolgreicher Trainer zurückkehrt, eine „Lichtgestalt“ wie man zu sagen pflegt, sollte es mir als Christ nicht möglich sein, in mir eine neue Vorfreude und Neubesinnung auf Weihnachten zu wecken?

Eine Vorfreude darauf, dass Gott selbst in mein Leben kommt und in unsere oft doch so hoffnungslos und elend erscheinende Welt?

Eine neue Dankbarkeit dafür, dass Gott sein Volk besucht und erlöst hat und wir - wie es Zacharias gesagt hat - an der Macht des Heils teilhaben dürfen?

 

Natürlich sind wir in einer ganz anderen Situation als Zacharias. Der Überraschungseffekt ist nach ca. 1700 Jahren - seit dieser langen Zeit feiern Menschen schon Weihnachten - etwas verloren gegangen. Aber es gibt ja auch viele andere Dinge, die uns immer wichtig bleiben und auf die wir uns immer wieder freuen. Zum Beispiel auf Geschenke, die von Herzen kommen oder einen Adventskalender in der Adventszeit. Ich habe jedenfalls noch kein Kind kennengerlernt, das von sich aus gesagt hätte: „Adventskalender? Nein, will ich nicht. Ich hatte schon letztes Jahr einen.“

 

Vorfreude lässt sich nicht erzwingen, aber sie wird uns geschenkt, wenn wir uns an Zacharias orientieren:

 

1) wenn wir uns Zeit nehmen und uns an die guten und schönen Begegnungen mit Gott in unserem Leben erinnern,

2) wenn wir dankbar werden für ein besonderes Erlebnis oder etwas, was uns oft selbstverständlich erscheint, z.B. dass wir sprechen und uns verständigen können,

3) wenn wir vorausblicken auf das Gute, das Gott für uns bereithält: Vergebung, neues Licht in unserem Leben, Frieden und Wohlergehen.

Erinnerungen, Erlebnisse und Vorausblicke können für uns deshalb zu Quellen neuer Vorfreude werden, denn damit öffnen wir uns neu für Gott.

 

3. Alle Jahre wieder: Advent, die Chance zum Aufräumen!

 

Der Begriff Advent bedeutet Ankunft. Es ist eine Zeit der Vorfreude, aber auch der Vorbereitung auf die Ankunft des Königs, auf den Besuch Gottes bei uns Menschen.

Vorfreude und Vorbereitung in der Adventszeit lassen sich konkret auf Jesus und Johannes beziehen: Vorfreude ist das Ziel: Die Vorfreude auf Jesus. Und Vorbereitung ist der Weg dorthin: Eine Vorbereitung mit Johannes. Die Menschen auf das Kommen Jesu vorzubereiten. Das war der Auftrag des Johannes.

 

Wenn sich ein König angekündigt hat, möchte man bei seiner Ankunft vorbereitet sein, um ihm einen ehrwürdigen Empfang zu bereiten.

Wer Besuch erwartet, kann sich meist nur dann darauf freuen, wenn er sein Haus vorher aufgeräumt hat. Ja, es soll tatsächlich Menschen geben, denen es peinlich ist, wenn sie Gäste im größten Chaos empfangen müssen.

Wenn ich als Kind ein neues Geschenk zu Weihnachten erwarten durfte, war es mir zwar weniger, aber meinen Eltern sehr wichtig, dass ich dem neuen Spielzeug einen ehrwürdigen Empfang im Kinderzimmer bereitete: es hatte schon einen guten Grund, dass ich und meine Geschwister unsere Zimmer vor Weihnachten aufräumen mussten.

 

Vielleicht gehören Sie zu den stets ordentlichen Menschen, die ihr Haus und ihr gesamtes Leben das ganze Jahr in einem tadellosen Vorzeigezustand halten. - Dann freue ich mich für Sie und beneide Sie sogar etwas.

Vielleicht geht es Ihnen aber auch so, dass sie spüren: bevor ich mich auf das Kommen Jesu freuen kann, möchte ich vorher gerne noch einiges in meinem Leben aufräumen. Und genau dazu bietet die Adventszeit eine große Chance: über das eigene Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen nachzudenken und verschlossene Türen und Herzen neu zu öffnen:

 

Vielleicht ist ein Gebet hilfreich, um eine Sache zwischen mir und Gott zu klären. Oder vielleicht würde mir ein Gespräch mit einer Kollegin oder einem Kollegen gut tun, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und eine neue Basis für die Zukunft zu schaffen. Vielleicht ist auch eine Entschuldigung bei einer Freundin, einem Freund oder innerhalb der Familie wichtig, um ein Gefühl von innerem Frieden und neuer Freude auf Weihnachten zu ermöglichen.

 

Auch wenn wir uns noch nicht wirklich gut auf Weihnachten vorbereitet fühlen sollten, dürfen wir sicher sein, dass Gott uns mit seinem bevorstehenden Besuch nicht unter Druck setzen will. Ganz im Gegenteil: Im Wochenspruch bei Sacharja heißt es (wie schon gehört): Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer! (Sach 9,9) Und auch Zacharias singt von der „herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes“ und dem Licht, das Jesus Christus in unsere Welt bringen wird.

 

Mit anderen Worten könnte man auch sagen:

Advent ist und bleibt die von Gott geöffnete Tür zu einem Weg der Liebe!

Zu diesen Gedanken lese ich einen Text vor, der zur Besinnung über die Bedeutung der Adventszeit einlädt:

„Eine Tür steht offen. Es geht weiter. Der Weg ist nicht zu Ende.

Advent ist die Zeit geöffneter Türen. Ein lange herausgeschobenes Gespräch findet endlich statt. Klärung entsteht. Die Blicke werden wieder frei füreinander.

Advent ist die Zeit geöffneter Türen. Der ewige Gott öffnet die Tür. Er macht sich auf den Weg zu uns. Nicht für jeden haben offene Türen etwas Verlockendes. Angst vor dem Unbekannten können sie wachrufen, Furcht vor dem Neuen wecken.

Advent aber ist und bleibt die geöffnete Tür zu einem Weg der Liebe.

Geöffnet für uns. Geöffnet von ihm. Durch sie tritt er bei uns ein, durch sie kommt er zu uns.“

 

Diese neue Gewissheit dürfen wir mit nach Hause und mit in die neue Adventszeit nehmen. Gott kommt als barmherziger Gott zu ALLEN Menschen. Er ist es, der uns die Tür aufmacht und unsere Füße auf den Weg des Friedens, des Wohlergehens und gelingenden Lebens stellt.

Und in diesem Sinn kann es vielleicht auch ihnen als Erwachsenen wie mir eine Hilfe sein, einen Adventskalender zu haben und Tag für Tag aus einer geöffneten Tür ein kleines Geschenk als Besinnung auf Weihnachten zu bekommen. Amen.

 








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