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Predigttext

Doppelte Maßstäbe
15-10-06 10:00
Alter: 4 yrs


VON: TH.ENZNER



Jakobus 2, 1-13


Doppelte Maßstäbe

 

1 Liebe Brüder! Wenn ihr wirklich an Jesus Christus glaubt, den Herrn aller Herrlichkeit, dann lasst euch nicht vom Rang und Ansehen der Menschen beeindrucken! 2 Stellt euch einmal vor, in eure Gemeinde kommt ein vornehm gekleideter Mann mit dicken, goldenen Ringen an den Fingern. Zur selben Zeit kommt einer, der arm und schäbig gekleidet ist.

3 Wie würdet ihr euch verhalten? Ihr würdet euch von dem Reichen beeindrucken lassen und ihm eilfertig anbieten: «Hier ist noch ein guter Platz für Sie!» Aber zu dem Armen würdet ihr sicherlich sagen: «Bleib stehen, oder setze dich da hinten auf den Fußboden.» 4 Dürft ihr als Christen solche Unterschiede machen? Dann wären doch menschliche Eitelkeit und Geltungssucht euer Maßstab!

5 Hört mir einmal gut zu, liebe Brüder: Hat Gott nicht gerade die erwählt, die vor der Welt arm, aber im Glauben reich sind? Sie wird Gott in sein Reich aufnehmen, das er allen zugesagt hat, die ihn lieben. 6 Wie töricht also von euch, dass ihr die Armen verachtet und geringschätzig behandelt. Habt ihr denn noch nicht gemerkt, dass es gerade die Reichen sind, die euch unterdrücken und vor die Gerichte schleppen? 7 Wie oft sind gerade sie es, die Jesus Christus verhöhnen, den Namen, auf den ihr getauft seid.

8 Lebt nach dem wichtigsten Gebot, das Gott uns gegeben hat: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!» Wenn ihr das in die Tat umsetzt, handelt ihr richtig. 9 Beurteilt ihr dagegen Arme und Reiche nach unterschiedlichen Maßstäben, dann verstoßt ihr gegen Gottes Gebot und werdet schuldig. 10 Es hilft dann nichts, wenn ihr alle anderen Gebote Gottes genau einhaltet. Wer nämlich auch nur gegen ein einziges seiner Gebote verstößt, der hat das ganze Gesetz übertreten. 11 Denn Gott, der gesagt hat: «Du sollst nicht ehebrechen!», der hat auch bestimmt: «Du sollst nicht töten!» Wenn du nun zwar keine Ehe zerstörst, aber einen Menschen tötest, so hast du Gottes Gesetz übertreten und bist damit schuldig vor ihm. 12 Maßstab eures Redens und Handelns soll das Gesetz Gottes sein, das euch zur Liebe verpflichtet und euch Freiheit schenkt. Danach werdet ihr einmal gerichtet. 13 Ohne Gnade wird dann über den das Urteil gesprochen, der selbst kein Erbarmen gehabt hat. Wer aber barmherzig ist, braucht das Gericht nicht zu fürchten.

………..

 

1. ‚Nächstenliebe’ – leicht gesagt, schwer getan.

2. Gott hat ein Herz für die ‚Armen’

3. Machs wie Gott- sei barmherzig zum Schwachen.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

eine kleine Anekdote erzählt von einer Mutter, die nach langer Zeit eines Tage eine gute Schulfreundin wieder trifft. Sie erzählen sich viel und dann fragt die Freundin nach den Kindern – und es kommt Überraschendes zu Tage:

„Wie geht es deiner Tochter?“, fragt sie.

„O, meine Tochter, der geht es gut. Sie hat einen wunderbaren Mann gefunden. Er hat ihr ein eigenes Auto gekauft und extra einige Leute für das große Haus eingestellt. Sie bekommt allen Schmuck, den sie sich wünscht, und ihr Mann liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Denk dir, sie steht vor Mittag nicht auf, und ihr Mann bringt ihr sogar das Frühstück ans Bett. Meine Tochter ist richtig glücklich!“

 

„Und wie geht es deinem Sohn?“, fragt die Freundin dann zurück.

„Ja, mein Sohn, der hat etwas Pech gehabt. Stell dir vor, was der für eine Schlampe von Frau hat. Obwohl er ihr ein eigenes Auto gekauft und für das große Haus einige Leute eingestellt hat, hat sie immer neue Wünsche und will teuren Schmuck. Und als Dank liegt sie bis Mittag im Bett, und mein Sohn soll ihr sogar noch das Frühstück ans Bett bringen. So eine Unverschämtheit. Mein Sohn ist so unglücklich!“

 

So verschieden ist die Wahrnehmung! Je nach Lage der Dinge ist es herrlich oder unverschämt, fühlt man sich glücklich oder vom Pech verfolgt.

Diese doppelte Wahrnehmung kommt von einer Doppelmoral, von doppelten Maßstäben.

 

Wenn jeder nur darauf schaut, was ihm allein zugute kommt, dann ergeben sich ziemliche Unterschiede in der Bewertung, die hart nebeneinander stehen bleiben. Wenn man aber die Aufforderung zur ‚Nächstenliebe’ ernst nehmen will, wenn man also den Nächsten in den Blick nimmt, dann erkennt man Unterschiede, die unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen, und auch die Schwierigkeit, diese Unterschiede zu überwinden.

 

Es gibt schmerzliche Unterschiede, die gesellschaftlich gängig sind, ab und an für Aufsehen und Ärger sorgen, aber im Großen und Ganzen hingenommen werden:

 

Beim Arzt werden sie oft erleben, dass Privatpatienten bevorzugt werden.

Sind sie selbst Privatpatient, werden sie die Vorteile gerne annehmen, sind sie Kassenpatient, werden sie sich öfter ärgern müssen. Doppelte Maßstäbe.

 

In der Wirtschaft ärgern wir uns, dass Angestellte im großen Maßstab entlassen werden, während Vorstandsgehälter locker um 20-30% erhöht werden. Der kleine Mann hat die Opfer zu bringen, und die Reichen bekommen noch mehr? Doppelte Maßstäbe.

 

In der Kindererziehung haben die Eltern immer das letzte Wort, klar. Aber wenn der Sohnemann wirklich gute Gründe vorbringt, die aber nicht gehört werden, - und das letzte elterliche Wort immer ist: ‚Schluss jetzt, noch ein Wort, dann kriegst du was hinter die Löffel..!’, dann merkt sich das Kind, dass heimlich doppelte Maßstäbe gelten.

 

Und wenn es um unsere Gemeinde geht? Haben wir im Hinblick auf reiche Leute, VIPs und öffentliche Personen ein anderes Verhalten als gegenüber normal Sterblichen oder den einfachen, schlichten und schwachen Menschen?

Ich sage es gleich: Wir sind nicht frei von einem doppelten Maßstab.

Jakobus stellt seinen Hörern eine Frage – und er sagt (V.3):

 

Wie würdet ihr euch verhalten? Ihr würdet euch von dem Reichen beeindrucken lassen und ihm eilfertig anbieten: ‚Hier ist noch ein guter Platz für Sie!’ Aber zu dem Armen würdet ihr sicherlich sagen: ‚Bleib stehen, oder setze dich da hinten auf den Fußboden.’

 

Und bei uns hier im Gottesdienst – wenn es mal randvoll besetzt ist und es kommt noch eine wichtige Persönlichkeit?

 

Würden wir sagen: ‚Hier Herr Dr. Reiniger, schön, dass sie hier sind. Nehmen sie doch so einen Klappstuhl, im Foyer ist noch Platz, oder setzen sie sich hier auf den Boden..?!’

Nein, wir würden sagen: ‚Gehen sie doch nach vorne, ich werde notfalls einen Konfi bitten, aufzustehen..’

Es ist zutiefst menschlich, dass wir bestimmte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ehren wollen – aber wenn es dann so weit geht, dass die anderen ‚Normalsterblichen’ deutlich weniger beachtet, ja sogar geringschätzt werden, dann ist da ein doppelter Maßstab.

 

Der Unterschied zwischen Reich und Arm war nach Apostelgeschichte in der ersten Zeit und der ersten Liebe zu Jesus, dem Herrn, ziemlich aufgehoben. Es wurde geteilt, Reich und Arm, Groß und Klein sind füreinander eingestanden..

Aber im Lauf der Zeit bildete sich wieder das typisch Menschliche, der Standes-Dünkel, heraus. Wenn die Gottesliebe weniger wird, dann werden die menschlichen Unterschiede wieder größer. In den mittelalterlichen Kirchen ist es bis in die Architektur sichtbar, wo der Adel, die Reichen, die Fürsten und Ratsherren zu sitzen hatten – nämlich auf den besonderen Plätzen im Chorgestühl.

 

Der Liebedienerei nach oben entspricht auf der anderen Seite eine Geringschätzung nach unten: Ein Pfarrer hatte einmal einen Mann zu bestatten, der über 60 Jahre keine Kirche mehr betreten hatte. Von den Angehörigen erfährt er eine traurige Geschichte.

Der Mann war eins von vielen Kindern einer armen Familie. Nur mit Mühe und Not konnten die Eltern die zahlreichen Kinder durchbringen. Als Zehnjähriger wurde der Junge zum Kindergottesdienst eingeladen. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er biblische Geschichten und fröhliche Glaubenslieder. Er sang begeistert mit und hörte gebannt auf die Erzählungen von Jesus. Nach dem Gottesdienst nahm ihn die Leiterin beiseite: „Junge, komm bitte mit diesen zerrissenen Alltagskleidern nicht wieder. Wir sind doch hier im Hause Gottes!“ Der Junge blickte verschämt an seinen geflickten Sachen herunter auf seine nackten, dreckigen Füße und antwortete leise:

„Nie wieder will ich es tun, nie wieder…!“

Und das hat der Mann durchgehalten, bis er nun aufgebahrt in der Kirche lag.

 

Das also zu unserem ersten Gedanken:

1. Nächstenliebe ist leicht gesagt – und schwer getan!

 

Ein zweiter Gedanke: 2. Gott hat ein Herz für die ‚Armen’

 

V.5-6a: Hört mir einmal gut zu, liebe Brüder: Hat Gott nicht gerade die erwählt, die vor der Welt arm, aber im Glauben reich sind? Sie wird Gott in sein Reich aufnehmen, das er allen zugesagt hat, die ihn lieben. 6 Wie töricht also von euch, dass ihr die Armen verachtet und geringschätzig behandelt.

 

Wir verkennen, dass die Kraft des Evangeliums besonders an den Armen, den Schwachen und Zukurzgekommenen wirksam ist. Nicht die Gerechten – besser gesagt: die, die sich für gerecht und anständig halten - brauchen den Arzt, sondern die Kranken!, sagt Jesus.

 

Und diese Gruppe von schwachen und geringen Menschen ist sogar der Schatz der Kirche!

 

Als der Bischof von Rom unter Kaiser Valerianus (ca.250 nach Chr.) verhaftet wurde, übernahm der Diakon Laurentius die Führung der Gemeinde. Zwei Tage später wurde auch er festgenommen. Der Kaiser forderte von ihm, den Kirchenschatz herauszugeben; Laurentius erbat drei Tage Hafturlaub. Er sammelte alle Armen, Kranken und Krüppel und meldete Valerianus: ‚Siehe, die Vorhalle steht voll güldener Gefäße. Das Gold, nach dem dich gelüstet, ist Ursache vieler Verbrechen, und sein Glanz trügt. Christus ist das Licht der Welt und der Abglanz göttlicher Herrlichkeit; dies aber sind des Lichtes Kinder und der wahre Schatz der Kirche.’

 

( Da fühlte sich der Kaiser genarrt und befahl in großem Zorn: ‚Opfere den Göttern, oder diese Nacht wird mit Martern deinen Leib verzehren!’ Da sich der Diakon weigerte, ließ Valerian ihn auf einen glühenden Rost binden und weidete sich an der Marter des Bekenners. Der aber rief ihm zu: ‚Wisse, du armer Mensch, mir ist dieses Feuer eine Kühle; dir aber bringt es ewige Pein.’ Mit den Worten: ‚Herr, ich danke dir, dass ich zum Himmel eingehen darf!’ gab er seinen Geist auf. )

 

Im Philipperbrief steht der berühmte sog. Christushymnus, ein Lied auf Christus, der sich seiner Privilegien und göttlichen Reichtums entledigt hat – und Mensch geworden ist: Orientiert euch an Jesus Christus: Obwohl er Gott in allem gleich war und Anteil an Gottes Herrschaft hatte, bestand er nicht auf seinen Vorrechten. Nein, er verzichtete darauf und wurde rechtlos wie ein Sklave. Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und lebte als Mensch unter uns Menschen. Er erniedrigte sich selbst und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum schändlichen Tod am Kreuz. (2, 5-8 )

 

Jesus hat sich nach unten orientiert, an uns Menschen.

Er ist den Menschen auf Augenhöhe begegnet und hat nicht auf seinen Stand gepocht.

Er hatte Barmherzigkeit mit den Schwachen.

 

Vielleicht ist es auch gut, wenn der Institution Kirche der finanzielle Reichtum (das öffentliche gesellschaftliche Ansehen) dahinschwindet, damit der Schatz der Armen und Geringen wieder zum Vorschein kommt.

 

(Was niedrig und gering und schwach ist in der Welt, das hat Gott erwählt!.... 1.Korinther 1,27-29)

 

3. Was heißt das für uns? Machs wie Gott – sei barmherzig zu den Schwachen!

 

Für Jakobus war dieser Punkt der Bevorzugung die Nagelprobe darauf, ob die ganze Gemeinde glaubwürdig ist. Er stellt das Problem der doppelten Moral in eine Reihe mit den anderen Geboten. Es ist kein Nebenthema. Wer hier nicht acht hat, der muss sich genauso verantworten vor Gott wie ein Ehebrecher oder ein Totschläger. Es ist immer so: Wer an einem Punkt schuldig wird, der wird schuldig an dem ganzen Willen Gottes.

 

Liebe Gemeinde, wir wollen eine Gemeinschaft sein, wo Gottes Barmherzigkeit unterschiedslos allen gilt und dabei besonders darauf achten, dass die Schwachen, Kleinen, Armen gesehen und an-gesehen werden. Wir sollten für jeden, der hier in den Gottesdienst und in unsre Gemeinschaft kommt, den ‚roten Teppich’ ausrollen – zumindest in Gedanken. Jeder ist willkommen, - gerade die, die durch nichts beeindrucken können.

 

Aus den chassidischen Geschichten wird folgende Begebenheit erzählt:

 

Als der berühmte Rabbi Jizchak sich in einer Stadt aufhielt, wurde er von einem sehr reichen Mann der Stadt in sein Haus eingeladen. Der Gastgeber bereitete voller Stolz für den hohen Gast einen besonderen Empfang.

 

Er ließ Teppiche auf den Treppenstufen auslegen und eine Festbeleuchtung installieren. Als Rabbi Jizchak das alles sah, wollte er nur in das Haus des reichen Mannes eintreten, wenn der ihm verspreche, fortan jeden anderen Gast, wie unangesehen er auch sei, mit dem gleichen Prunk zu empfangen. Das aber konnte und wollte der nicht versprechen, und so musste er wohl oder übel sein Haus wieder in den alltäglichen Zustand versetzen, um den Rabbi als Gast empfangen zu können.

 

Hier noch mal der Satz, den der 10-jährige Junge mit den dreckigen Füßen und den zerrissenen Kleidern von der Mitarbeiterin hören musste: „..Wir sind doch hier im Hause Gottes!“ Das ist es ja: Wir sind im Hause Gottes. Und da gelten die Regeln und Maßstäbe Gottes, und nicht die Regeln der Menschen. Also: Machs wie Gott und ehre den Schwachen und den Nächsten! Empfehlend wird in V. 8 gesagt: Liebe deinen Nächsten wie die selbst! Es heißt: ‚wie die selbst’, nicht mehr als dich selbst oder weniger als dich selbst, sondern ‚wie dich selbst!’. D.h.: dem Nächsten auf gleicher Augenhöhe begegnen und ihn darin ehren. Das Gebot der Nächstenliebe geht von der Gleichwertigkeit der Menschen aus. Also ehre den Armen genauso wie den Reichen, die Jungen genauso wie die Alten, die Frauen genauso wie die Männer, die Starken genauso wie die Schwachen, die hauptamtlichen Mitarbeiter genauso wie die freiwilligen Mitarbeiter.

 

Wir haben in der Gemeinde zwar sehr verschiedene Aufgaben, Gaben und Funktionen, aber von Gott her sind wir gleich an-gesehen, gleich-wertig. Wir sind gleichermaßen notorische Sünder, die permanent der göttlichen Gnade bedürftig sind. (Sabines Taufspruch: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin!).

Gottes Liebe macht keine Unterschiede zwischen uns. Wir sollen sie annehmen, gelten lassen und dadurch leben. Unsre Zuwendung zu anderen soll darum auch keine Unterschiede machen.

Im jetzt folgenden Lied (Keiner ist wie du, niemand sonst berührt mein Herz so wie du..) wird die einzigartige Barmherzigkeit Gottes gepriesen, die groß ist wie ein weiter Strom, die Heilung bringt für verwundete Menschen. Eine solche Barmherzigkeit soll unser Maßstab zu anderen sein. Darum: Machs wie Gott – sei barmherzig zum Schwachen und zu deinem Nächsten. Amen.

 

 

 

 








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