1.Mose 12,1-4 Und der Herr sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde...
Stichworte: Abraham, Loslassen, Zumutung
1 Und der Herr sprach zu Abraham:
Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
3 Ich will segnen, die dich segnen,
und verfluchen, die dich verfluchen;
und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
4 Da zog Abraham aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abraham aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
…………..
Predigtgedanken:
Loslassen kann Gewinn sein.
Zumutung und Zusage.
Geschenkt, und nicht geraubt.
…………..
„Lieber Abraham, ich muss dich am Anfang gleich beiseite nehmen und dir kräftig in Gewissen reden: Hast du dir das wirklich reiflich überlegt?
In deinem Alter macht man nicht mehr so große Sprünge.
Einen alten Baum verpflanzt man nicht, schließlich bist du 75.
Das ist doch die Zeit, wo man sich zur Ruhe setzt.
Das ist die Zeit des Ruhestandes, da genießt man die Früchte des bisherigen Lebens,
da werden die Geburtstage gefeiert, da sitzt man behaglich im Garten, sieht beim Spiel der Enkel zu.
Ach – halt, Enkel hast du ja nicht, richtig. Ich weiß, Sarah – sie scheint unfruchtbar zu sein. Tut mir leid, dass ich das nicht mehr wusste.
Abraham, ich will dir nicht zu nahe treten, aber überleg deinen Schritt bitte dreimal, bevor du ihn tust. Wo hat es das schon gegeben, dass einer seine schöne Heimat so plötzlich zurücklässt?
Andere Leute sehnen sich nach einem Stückchen Geborgenheit, - und du hast sie und willst das aufgeben?
Die Sicherheit deiner Sippe lässt du zurück.
Deine vertraute Sprache wirst du nicht mehr hören.
Wie willst du dich in Zukunft verständigen?
Stell dir vor, du willst als herumziehender Ausländer dich irgendwo niederlassen, wo es die Ausländer doch besonders schwer haben? Wie willst du dich integrieren?
Abraham, bitte: du willst doch nicht alles, was du erworben hast, deinen ganzen Wohlstand aufs Spiel setzen?
Du weißt doch nicht mal wohin! Ohne genaues Ziel willst du alle Zelte abbrechen – einfach so ins Blaue?
Wer hat dir diese Flausen in den Kopf gesetzt?
Gott etwa? Du redest von einem Gott, der dich so gepackt hat!? Was ist das für ein Gott? Ist dir unsere Religion nichts mehr wert?“
Liebe Gemeinde, so oder ähnlich werden die Zeitgenossen vor 3 ½ Tausend Jahren auf ihren Nachbarn, Freund, Verwandten oder Kollegen eingeredet haben.
Abrahams Vorhaben war ja verrückt.
Es ist völlig unverständlich:
- Würden Sie mit 75 Jahren fortgehen von Burgaltendorf, ins Ungewisse - einfach, weil sie eine äußere oder innere Stimme gehört haben?
- Sie lassen die nächste Verwandtschaft, Freunde und Gemeinde zurück – auf Nimmerwiedersehen, die Brücken zurück werden abgerissen.
Und doch, so verrückt es auch war: Abraham ging.
Und das war auch sein Glück, biblisch gesprochen: sein Segen!
Das war der Beginn der Heilsgeschichte, die Gott mit den Menschen ging.
Liebe Gemeinde,
die Geschichte Gottes mit seinen Menschen, mit den Urvätern, dann mit dem Volk Israel, dann mit der christlichen Gemeinde – diese Geschichte muss von rückwärts her gelesen werden.
Dann wird Vieles verständlich.
Da erkennt man, wie die Fäden Gottes in die Geschichte hineingewoben wurden, und wie alles, mit Abstand gesehen, ein schönes göttliches Muster ergibt und zum Segen führt.
Aber was wäre gewesen, wenn Abraham anders entschieden hätte?
- er hätte auf das Bewährte und Gewohnte setzen können: ‚Ich bleibe hier, keine Experimente, was ich habe, das habe ich.’ Das ist ein gutes Argument.
- Er hätte auf die anerzogene Frömmigkeit setzen können: ‚Ich bleib dabei, wie ich erzogen wurde.’
- Er hätte im Blick auf seine liebe Sara bleiben können, sie hatte es eh schon schwer genug und war durch die Kinderlosigkeit gestraft. Dieser Kummer würde noch größer, wenn er so eine Nomandenexistenz anfangen würde.
Er setzt aber nicht auf diese Argumente, er setzt allein auf das eine Wort, das er deutlich gehört hat: Geh aus deinem Vaterland….. in das Land, das ich dir zeigen werde.
Gott macht keine genauen Angaben über die Zukunft, über das Was, Wie und Wohin. Er legt keine Landkarte vor, sondern er selbst will der Weg-führer sein.
Dieses Wort in V.1 ist eine Zumutung, aber es folgt dann auch ein großer Zuspruch:
V.2 Und ich will dich zum großen Volk machen, und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
Der Zuspruch ist nicht zu greifen, nicht zu sehen, nicht einmal zu ahnen. Das Versprochene liegt jenseits des persönlich Vorstellbaren.
Was zu greifen ist, die Gegenwart, die Verwandtschaft, die Wohnungen, der Besitz: alles das soll er loslassen.
Das ist typisch Glauben: etwas loslassen und noch nichts Verlässliches in der Hand zu haben.
Liebe Gemeinde, die Geschichte, die Gott mit den Menschen, mit uns schreibt, vollzieht sich oft nach dem Prinzip: Loslassen, um zu gewinnen.
Vertrautes aufgeben, um Neues geschenkt zu bekommen.
Wer nichts loslässt, der kann auch nichts gewinnen.
Wer alles, was er hat, halten will, der bewegt sich auch nicht mehr von der Stelle.
Gott verheißt sein Heil durch die Leute, die beweglich sind.
Vielleicht kennen sie die Geschichte, wie manche Affen gefangen werden:
In eine große bauchige Flasche wird etwas Leckeres gelegt – eine Banane, Orange oder ähnliches. Der Affe sieht das und greift mit seiner Hand durch den engen Flaschenhals, greift seine Beute und will mit seiner Faust, die die Beute umklammert, wieder heraus. Er kann es aber nicht, weil jetzt die Hand mit Beute dicker ist als der Flaschenhals. So bleibt er in seiner Situation gefangen, weil er lieber die Beute festhält als rechtzeitig flüchtet, wenn die Menschen ihn dann sehen und fangen wollen.
Gottes Volk ist unterwegs, weil es Altes loslassen kann und der Verheißung traut.
Ein Amerikaner sagte einmal, das wichtigste Wort der Bibel bestehe nur aus zwei Buchstaben, nämlich ‚Go’, zu deutsch: ‚Geh!’.
Die Schaltstellen der Verheißungslinie sind durchs Gehen (Herausgehen, Weitergehen) charakterisiert. Den Christen haftet eine Mobilität an:
- Abraham ging.
- Das Volk Israel ging aus Ägypten.
- Mose ging durch die Wüste.
- Josua ging, um das verheißende Land einzunehmen.
- Die Propheten mussten in die Öffentlichkeit gehen, zum Königspalast, obwohl es ihnen höchst unangenehm war.
- Jesus ging weg von Nazareth Richtung Jerusalem, obwohl ihn dort Leiden erwartete.
- die Jünger gingen, denn Jesus sagte: Gehet hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern.
Glaube ist nichts für Sesshafte. Der Glaube, der nur noch in Sitzungen und Ausschüssen vorkommt, der verkümmert. Unser Glaube hat zuviel Sitzfleisch. ‚Das war schon immer so’- das ist ein hammerstarkes erzkonservatives Argument in jeder Gemeinschaft, die sich nicht bewegen will.
Statt Sitzungen müssten viel mehr Gehungen stattfinden, symbolisch und zeichenhaft in Wallfahrten, Jesus-Märschen u.a., aber auch in vielen, vielen Besuchen hin zu den Menschen.
Das bedeutet fast immer: etwas wagen.
Das Wort Gottes beinhaltet immer ein Risiko, weil es ja verändern will. Und alles in uns will sich nicht verändern. Nur kein Aufstand. Am besten soll es so bleiben, wie es ist. Das ist das Gesetz der Trägheit – aber auch des Ungehorsams.
Wenn man Leute nach langer Zeit wieder sieht, und sie sagen spontan zu einem: ‚Ach, du bist ja noch ganz der Alte!’ – dann finde ich das nicht unbedingt ein Kompliment, sondern es könnte auch heißen: da hat sich nichts zum Positiven verändert.
Abraham würde vielleicht uns zurückfragen:
- Was bist du bereit, für das Wort Gottes zu riskieren?
- Kannst du dir vorstellen, etwas deinem Gott zuliebe aufzugeben?
Später würde Abraham vielleicht auch von seinen Erfahrungen reden, die er unterwegs gemacht hat:
- er würde von den drei Boten reden, die an sein Zelt kamen, und einen Sohn ankündigten, sodass die Sara laut lachen musste. Sie dachte, das sei ein Witz. Und sie gebar doch einen Sohn.
- er würde von der Zumutung reden, diesen geschenkten Sohn wieder aus der Hand zu geben, in dem er ihn opfern sollte.
- Er würde von dem wieder geschenkten Sohn Isaak reden, der wunderbar verschont worden ist.
Abraham erkannte in seinem Leben den lebendigen Gott, der nichts anderes als seinen Segen wollte.
Dieser Gott wurde dann der Gott Abrahams genannt, - noch etwas später der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. So stark waren die Glaubenserfahrungen dieser Urväter.
Und dieser Gott ist kein anderer als der Vater Jesu Christi.
V.3b: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“
Die Segenslinie ging von Abraham aus, über das Volk Israel, über David, über Jesus hin zu den vielen Christen, die in dem Namen Jesu zum gesegneten Gottesvolk dazugehören.
Wir sind nicht Abraham. Wir können nichts kopieren. Dennoch ist es gut, die Geschichte dieses besonderen Mannes, dieses Vaters des Glaubens zu hören.
Es ist eine Modellgeschichte für das Glaubenswagnis schlechthin.
An seinem Glauben besticht das Einfache und Mutige. Er hört das persönliche Wort Gottes und tut danach.
Hören und Tun, Horchen und Gehorchen.
Liebe Gemeinde! Mit dem Hören haben wir Schwierigkeiten. Wir beklagen die Reizüberflutung, sodass wir die eine Stimme gar nicht mehr richtig hören. Wir sollen wieder das einfache Hören einüben: „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“
Unsre Landschaft ist mit einer Unmenge von aufragenden Antennenmasten überzogen worden. Die totale drahtlose Kommunikation aus jeder Ecke zu jeder Ecke Deutschlands wird angestrebt. Überall die stählernen Finger, die zum Himmel zeigen. Und auch überall die Satelliten-Schüsseln, die den so fraglichen Genuss auf allen Kanälen versprechen. Was für ein technischer Erfindungsreichtum, um alles zu hören und zu sehen!
Würden wir doch auch solche Anstrengungen unternehmen, um in den Himmel zu hören nach einem Wort für uns persönlich.
Und wenn dann ein Wort da ist, das persönlich gilt?
- Der Denkspruch, der plötzlich zu leuchten und zu wirken anfängt?
- Die Ermutigung, die auf einer Karte uns persönlich geschrieben wurde.
- Das Wort im Gottesdienst, das genau mich in meiner Situation trifft?
Dann – liebe Gemeinde – würde uns Abraham raten -, dass wir uns darin ‚festmachen’ sollen. Denn das Tun kommt aus dem ‚Festmachen’ im persönlichen Wort, das zu einem ‚Macht-Wort’ wird.
Wie sich ein Schiff im Hafen an einem Poller fest vertäut, so kann man sein Leben, sein Wagnis an einem guten Wort Gottes vertäuen.
So einen Glauben, der sich festmachen kann, könnte man „Amen-Glauben“ nennen. Das Wort ‚Amen’ kommt vom Hebräischen ‚Hä Ämin’ – im Ursinn heißt das : sich festmachen.
Wenn ich bewusst Amen sage, dann will ich ausdrücken: Ja, ich mache mich daran fest. Ich nehme dieses Wort, diesen Zuspruch, wie eine persönliche Beute mit nach Hause. Ich werde es Gott vorhalten und mich und ihn erinnern an sein Wort.
Also: sagen sie nicht so leichtfertig in der Kirche ‚Amen’…
Abraham hatte nichts als ein Wort – und das genügte ihm zum Weggehen.
V.1 Geh aus deinem Vaterland, und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Vor 9 Jahren, als wir uns mit dem Wegzug nach Burgaltendorf beschäftigt haben, habe ich ein
Plakat gesehen: Man sah ein Boot am Ufer, dahinter ein großer See. Darunter sinngemäß der Spruch: Nur wer das Ufer verlässt, kann neues Land gewinnen.
Wenn Gott redet, ist sein Wort oft eine starke Zumutung, die mich ‚heraus’-lockt aus dem gewohnten Trott.
Aber das Wort ‚ Zumutung’ ist auch positiv: Gott spricht uns Mut zu.
Gott hat Abraham nicht nur herausgerufen, sondern er hat ihm auch etwas versprochen, eine Zusage, in der sich Abraham festmachen konnte. Gottes Rede ist beides: Zumutung und Zusage.
Und die Zusage in V.2 ist gewaltig: großes Volk, großen Namen.. .
Das sind übrigens die Dinge, die sich jeder Mensch wünscht, die als Sehnsucht in jedem Volk liegt.
Ich denke an die Geschichte vom Turmbau von Babel: die Menschen wollten sich einen großen Namen machen, sie wollten als Volk stark werden, sie wollten sich selber zum Segen ein Denkmal setzen.
Aber weil das von Menschen geraubt wurde, hatte es keine Zukunft. Der grandiose Turm wird zerstört. Das Volk zerstreut. Aber wer zuerst auf Gottes Willen hört – tut, was er sagt – der wird ganz nebenbei mit Ehre und gutem Namen beschenkt.
Ich glaube, liebe Gemeinde, dass Gott den Völkern in Abraham ein Modell des Glaubens vorgeführt hat, damit an diesem Beispiel alle Welt den lebendigen Gott erkennen und unterscheiden kann.
Nicht gerade das alltägliche Verhalten des Abraham ist großartig, - es hat auch manche schwarze Flecken -, sondern sein schlichter, einfacher Glaube. Darum wird er in der Bibel der ‚Vater des Glaubens’ genannt.
Ein Mann, 75 Jahre, frisch und jung genug, für Gott ein großes Abenteuer zu riskieren.
Im hohen Alter stand er am Anfang seines aufregendsten Lebensabschnittes:
So einen Glauben, liebe Gemeinde, möchte ich auch haben!
Zum Schluss einen Text, der mich selber einmal sehr berührt hat:
Wer, ich?
Und der Herr sagte: Geh!
Und ich sagte: Wer, ich?
Und er sagte: Ja, du!
Und ich sagte: Aber ich bin noch nicht fertig,
und es kommt noch Besuch,
und ich kann die Kinder nicht alleine lassen,
und du weißt, es gibt niemanden,
der mich ersetzen könnte.
Und er sagte: Du übertreibst.
Wieder sagte der Herr. Geh!
Und ich sagte: Aber ich möchte nicht.
Und er sagte: Ich habe dich nicht gefragt, ob du möchtest.
Und ich sagte: Höre, ich zähle nicht zu den Leuten,
die sich in Kontroversen verwickeln lassen.
Im Übrigen, meine Familie möchte es nicht.
Und was werden die Nachbarn denken?
Und er sagte: Quatsch!
Und ein drittes Mal sagte der Herr: Geh!
Und ich sagte: Muss ich?
Und er sagte: Liebst du mich?
Und ich sagte: Sieh, ich habe Angst.
Die Leute werden sich ärgern an mir
und sie werden mich anfeinden,
und ich kann nicht alles selbst übernehmen.
Und er sagte: Wo glaubst du, werde ich sein?
Und der Herr sagte: Geh!
Und ich seufzte: Hier bin ich, sende mich.
….
Gebet EG 395,1-2: Vertraut den neuen Wegen..