Kolosser 4, 2-4; Predigt von W.Tiedeck zum Sonntag Rogate (Betet!)
2 Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!
3 Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin,
4 damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
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Liebe Gemeinde!
Ein kleiner Junge kommt aus dem Kindergottesdienst nach Hause und der Vater fragt ihn, was sie denn heute dort gelernt hätten. - Wir haben etwas über Henoch gelernt. - Als guter Vater belässt er es nicht bei dieser Antwort, sondern er fragt weiter nach: Was hast du über Henoch gelernt? Und der kleine Junge sagt folgendes: Ich habe gelernt, dass er mit Gott gewandert ist und sich mit Gott unterhalten hat. Und dann ist er weiter mit Gott gewandert und hat sich weiter mit ihm unterhalten. Und dann ist er noch weiter mit Gott gegangen und hat sich noch länger mit ihm unterhalten. Und er wanderte und sprach mit Gott eine so lange Zeit, dass Gott eines Tages sagte: Weißt du, Henoch, wir sind jetzt so lange miteinander gewandert und haben uns so gut unterhalten, dass wir inzwischen näher an meinem Haus als an deinem sind. Warum kommst du nicht einfach zu mir nach Hause?
Nachzulesen in "etwas verkürzter" Form in 1.Mo 5,22. Und Henoch wandelte mit Gott. Und nachdem er Metuschelach gezeugt hatte, lebte er 300 Jahre und zeugte Söhne und Töchter, dass sein ganzes Alter 365 Jahre war. Und weil er mit Gott wandelte, nahm ihn Gott hinweg, und er ward nicht mehr gesehen.
Ich weiß nicht, was Paulus über Henoch wusste, aber das Bild, das diese kleine Geschichte von Henoch und Gott malt, passt gut zu unserem heutigen Predigttext aus Kol. 2,2-4.
Seid beharrlich im Gebet... Man könnte auch übersetzen: bleibt am Beten dran, beschäftigt euch eifrig damit, seid dauernd darauf bedacht.
Es geht um Gebet als einen Lebensstil.
Dabei ist es ein Missverständnis, wenn wir jetzt nur an ein Ritual denken, an bestimmte Formen und Zeiten des Gebetes.
Es geht um eine Lebensbeziehung zwischen mir und Gott.
Und das Problem in dieser Beziehung ist, wie bleiben Gott und ich in Verbindung.
Dass dieses Gehen und Reden mit Gott keine Selbstverständlichkeit ist, oder immer auch wieder verloren gehen kann, zeigt sich daran, dass Paulus es für notwendig hielt, dies der Gemeinde ans Herz zu legen.
Ich höre hier das Wort auch für mich persönlich und predige mir selber, weil ich das gut kenne, dass der Alltag das vertraute Gespräch mit Gott zu ersticken droht.
Es gibt ein kleines Buch über einen Mönch aus dem 17. Jh. Bruder Lawrence: The practice of the presence of God (auf deutsch "Allzeit in Gottes Gegenwart") [1]. Der Titel hat mich fasziniert: Die Gegenwart Gottes praktizieren.
In der Theorie wissen wir es ja, Gott ist durch seinen Geist jetzt bei uns. Er lebt in mir, in Ihnen. Er sitzt quasi neben Ihnen gerade. Er steht neben mir. Sie könnten ihm die Hand geben, so wie sie Ihrem Nachbarn die Hand geben können.
Bruder Lawrence, der als Koch im Kloster arbeitete, lernte bei seiner Aufgabe den einfachsten Dienst in eine Art Gottesdienst zu verwandeln. Er sagte: "Wir können die kleinen Dinge für Gott tun. Ich drehe den Pfannkuchen in der Pfanne um aus Liebe zu Gott. Und wenn das getan ist und es nichts anderes für mich mehr zu tun gibt, lege ich mich lang ausgestreckt in Anbetung vor Ihn, der mir die Gnade gegeben hat zu arbeiten. Anschließend erhebe ich mich glücklicher als ein König."
Er sagte über seine Küchenarbeit: "Diese Arbeitszeiten sind für mich nicht anders als die Gebetszeiten. Im Lärm und Klappern meiner Küche, während mehrere Leute verschiedene Wünsche haben, genieße ich Gott genau so friedlich, wie wenn ich am Altar kniete, bereit, das Abendmahl zu nehmen."
Es ist gut, wenn wir bestimmte Zeiten und Freiräume haben, um vor Gott still zu werden. Aber wissen wir und praktizieren wir noch, dass wir überall und jederzeit mit Gott reden können? Wir brauchen keine Pause von Gott in unserem Alltag zu machen.
Paulus gibt noch zwei Hinweise über das Wie unseres Betens:
- wacht in ihm oder seid mit wachem Sinn dabei
Jesus sagte: Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach. (Mk 14,38)
Wir fallen leicht auf die Nase oder werden zu einer leichten Beute für den, der uns von Gott wegziehen will, wenn wir nicht mit Gott im Gespräch bleiben.
- mit Danken, dankbarem Herzen
Wenn ich Danke sage, dann erinnere ich mich an den Geber aller Dinge und das ich beschenkt bin. Es bewahrt mich vor Unzufriedenheit und Murren.
Diese Gemeinde hat wahrscheinlich schon sehr viel über das Beten gehört. Trotzdem können wir Schwierigkeiten damit haben. Hilft da ein weiterer Appell? Wird das ganze Beten dann nicht leicht zu einem Krampf und man tut es noch weniger?
Was mache ich beim Sport, wenn ich merke, ich bekomme einen Muskelkrampf? Ich reduziere sofort die entsprechende Tätigkeit und lasse den Muskel sich ausruhen.
Wenn Gebet ein Krampf wird - jeden Morgen eine Viertelstunde beten, o Graus - dann lässt man es besser einmal bleiben.
Die Aufforderung nun mach mal weiter, bete mehr, das gehört zu einem guten Christsein dazu, hilft nicht. Damit macht man den Krampf nur schlimmer.
Wir vermeidet man im Sport einen Krampf der aus Überanstrengung resultiert? Indem man trainiert und sich fitter macht. Das geht Schritt für Schritt. Nicht alles auf einmal.
Beim Beten nicht anders. Klein anfangen und sich dann steigern. Wenn wir von Jesus lesen, dass er allein auf einen Berg stieg, um zu beten (Mt 14,23), ist er dabei nicht etwas außer Atem gekommen, ist ihm warm geworden von der Anstrengung? Aus Liebe zu seinem Vater nahm er die Anstrengung auf sich und war dann in der Lage sich den Jüngern und den Menschen in ihren Nöten zuzuwenden.
Aus einer einzelnen Tat, regelmäßig getan, wird eine Gewohnheit. Aus guten Gewohnheiten ergibt sich ein Lebensstil. Ein Lebensstil des Gebetes beginnt mit einem einzelnen Gebet. Eines, das sie vielleicht auf dem Weg nach Hause sprechen.
Das war die Einleitung :-) (Heute ist die Einleitung ausnahmsweise länger als der Hauptteil.)
Aber sie war wichtig, weil sonst aus dem Hauptteil nämlich nichts wird.
Paulus, jeder Missionar und jeder Pastor, hat ein großes Anliegen: dass für ihn gebetet wird.
Betet zugleich auch für uns... Wenn ihr im Gespräch mit Gott seid, denkt
zugleich auch an uns.
...dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue
Paulus macht die Kolosser zu seinen Partnern.
Es ist wie eine Klammer: Am Anfang des Briefes versichert er die Gemeinde seiner Fürbitte:
1,3 Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, allezeit, wenn wir für euch beten.
Und jetzt sagt er: Bittet für mich. Ohne eure Fürbitte kann ich nicht wirklich predigen, das Evangelium verkündigen. Es würde wirkungslos bleiben.
Paulus bittet um eine offene Tür für das Wort, obwohl er sich doch eine offene Tür für sich selber wünschen würde.
Die verschlossene Zellentür, die er ständig vor sich hat, wird ihm zu einem Bild: So wie er eingesperrt ist, so ist das Wort Gottes, das Heil, ausgesperrt von den Menschen.
Wie kann es zu ihnen gelangen? Nicht durch unsere Anstrengung. Wir können fähige Leute aus unseren Reihen zu den Menschen in aller Welt senden. Wir können sie ausbilden, was wir an der WEC Missionsbibelschule in Holland tun wollen. Aber das alles reicht nicht.
Mission braucht Beter. Ohne Beter geht's nicht.
Das Evangelium soll heimisch werden in anderen Kulturen. Da sind Barrieren zu überwinden.
Gott allein öffnet Türen.
Off 3,7.8 Dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf: Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan, und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.
Gesucht werden Mit-Türöffner. Gott will uns beteiligen an dem, was er tut. Wir können das nicht bestimmen, doch wo immer es Erweckungen gegeben hat, haben Christen vorher intensiv gebetet.
Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime - nur ein Zufall der Weltgeschichte? Oder haben Christen durch ihre Gebete mitgewirkt? Jetzt ist Missionsarbeit möglich in Albanien, in der Mongolei, die vorher so verschlossen waren.
Beobachten Sie einmal mit, was mit dem Regime in China passieren wird. Wann wird sich die dortige Grenze öffnen?
Ist das Gebet für Mission nicht ziemlich langweilig? Auch hier kann jeder mit kleinen Schritten anfangen.
- Da ist der Missionsgebetskreis in der Gemeinde, der sich über mehr Teilnehmer freuen würde. Aber es können ja noch ein, zwei mehr entstehen, die zu anderen Zeiten sich treffen.
- Da sind die Projekte, die diese Gemeinde unterstützt.
- Es gibt Missionszeitschriften wie Weltweit vom WEC, die viele Gebetsanliegen enthalten.
- Und es gibt "Gebet für die Welt" und "Du kannst die Welt verändern" für Kinder und Erwachsene. Umfangreiche Informationsquellen in Buchform. Hier kann man zuhause für sich allein oder zu zweit für die Länder und Völker dieser Erde beten.
Heike, meine Frau, hat mit einer Freundin dies gemacht. Dadurch hat sie von Gott den Anstoß bekommen, selber in die Mission zu gehen.
In der Schriftlesung haben wir gehört, dass es Gottes Wille ist, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Das ist die Verheißung, die wir von Gott haben, dass unsere Gebete für andere Menschen nicht vergeblich sind.
Amen.
Anmerkung:
[1] Bruder Lawrence wurde 1614 als Nicols Herman in Herimenil, Lorraine, nahe Lunville in Frankreich geboren. Er hatte gläubige aber wahrscheinlich arme Eltern, die ihm nur eine schulische Grundausbildung ermöglichen konnten, obwohl er sehr intelligent war.
Mit 18 hatte er hatte er eine Erfahrung, in der er die Gegenwart Gottes spürbar erlebte.
Danach ging er jedoch erstmal zur Armee und kämpfte im 30-jährigen Krieg. Dabei wurde er 1635 verwundet und kehrte nach Hause zurück.
Nun begann er mit seinem Onkel Jean Majeur, ein Mönch des Karmeliterordens, über seine Zukunft nachzudenken. Daraufhin ging er mit einem anderen Mann in eine Einsiedlerklause, vielleicht, um mit seinen Gefühlen und Wunden des Krieges fertig zu werden, doch dauerte diese Zeit nur kurz, denn kurz darauf ging er in den Dienst des Monsieur de Frebet, einem bekanntem Pariser Bankier.
1649, im Alter von 26 Jahren trat er als Laienbruder in den Pariser Karmeliterorden ein. Er nahm den Namen "Lawrence von der Auferstehung" an.
Den Rest seines Lebens arbeitete er in der Küche und später, als seine Gesundheit abnahm, als Schuster, wobei er bis auf zwei kleine Reisen die gesamte Zeit innerhalb des Klosters verbrachte. Als Laienbruder hatte er wenig Zeit zum Nachdenken, da er den ganzen Tag für verschiedene Arbeiten eingespannt war.
Zehn Jahre lang durchlebt er eine Zeit geistlicher Anfechtung, da er sich der Gegenwart Gottes nicht für würdig hielt. Schließlich fügte er sich der Aussicht, den Rest seines Lebens in diesem Zustand zubringen zu müssen und übergab sich der Gnade und Versorgung Gottes. Daraufhin erfüllte ihn ein ungeheuer tiefer Friede, der ihn bis zum Ende seines Lebens nie wieder verließ. Er wurde oft als geistlicher Ratgeber angefragt, und verfasst viele hilfreiche und ermutigende Briefe, von denen jedoch nur wenige erhalten geblieben sind.
Am 12. Februar 1691 starb Bruder Lawrence im Alter von 77 Jahren, nachdem er einige schmerzhafte Krankheiten durchstehen musste. Er starb friedlich und war bis zum Ende in voller geistlicher und geistiger Kraft.
Einer seiner geistlichen Kinder, Fr. Joseph de Beaufort hat nach seinem Tod einige Gespräche, Briefe und Maxime von Bruder Lawrence zusammengestellt und schuf damit ein kleines Buch - "Leben in der Gegenwart Gottes"
http://www.pray.de/pray/lidgg--inhalt.htm (20.5.06)
Auf Englisch: www.PracticeGodsPresence.com