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Predigttext

Der König auf dem Thron
27-11-05 10:00
Alter: 5 yrs


VON: M.CLAUSEN



Offenbarung 5, 1-5; 1.Advent


 

 

1 Ich sah, dass der auf dem Thron in seiner rechten Hand eine Buchrolle hielt. Sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln verschlossen.

2 Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit gewaltiger Stimme rief:

"Wer ist würdig, dieses Buch zu öffnen und seine Siegel zu brechen?"

3 Doch es war niemand da, der es öffnen und hineinsehen konnte;

niemand im Himmel, niemand auf der Erde und auch niemand im Totenreich.

4 Da weinte ich sehr, weil niemand da war, der würdig gewesen wäre, das Buch zu öffnen und hineinzusehen.

5 Doch einer von den Ältesten sagte zu mir: "Weine nicht! Einer hat gesiegt; er kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel brechen. Es ist der Löwe aus dem Stamm Juda, der Nachkomme König Davids."

 

Liebe Gemeinde,

da gab es einmal einen Prediger, zu dem kam nach dem Ende des Gottesdienstes ein Mann und sagte: "Sie sind klüger als Albert Einstein." - "Oh, danke!", sagte der Prediger und ging nach Hause, und freute sich eine Woche lang über diesen Satz. Am folgenden Sonntag traf er den Mann wieder und sagte: "Ich wollte mich noch mal für das schöne Kompliment bedanken - und nur mal fragen: Wie genau kommen Sie darauf, ich sei klüger als Einstein?" - "Naja," sagte der Mann, "über Einstein habe ich gehört, dass es zu seinen Lebzeiten nur eine Handvoll Menschen gab, die ihn wirklich verstehen konnten. Und als ich letzte Woche Ihre Predigt hörte, dachte ich: Es gibt niemanden, der Sie versteht..."

 

Vielleicht geht es uns mit dem heutigen Predigttext ja ähnlich: Dass wir ihn schwer verständlich finden. Wenn das so ist, kann ich nur empfehlen nachzubohren. Nachbohren lohnt sich, denn in diesem Text bekommen wir Einblick in Gottes Geheimnisse - in das, was Gott mit der Welt vorhat. Sozusagen Einblick in Gottes Staatsgeheimnisse. Und ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber: Ich finde das immer ein bisschen aufregend, wenn man in große und wichtige Geheimnisse eingeweiht wird. Ich stelle mir vor, das ist ein ähnliches Gefühl, wie wenn man zum ersten Mal am Schreibtisch im Bundeskanzleramt Platz nimmt. Genau das tut eine uns allen bekannte Dame ja in diesen Tagen. Wie ist das wohl, zum ersten Mal an diesem Schreibtisch zu sitzen? "Schöner Schreibtisch... und was ist das da, ein Telefon? Was steht da drauf, 'Washington'? Dann hebe ich mal ab." - "Bush" - "Huch!" (und legt wieder auf).

 

Ganz ernsthaft: Ich könnte mir vorstellen, dass hier heute einige sind, die die Weltlage verwirrend finden. Die die Nachrichten einschalten und denken: 'Ich weiß beim besten Willen nicht, wo das alles enden soll. Wie das noch einmal in Ordnung kommen soll. Und ich sehe auch keinerlei Richtung, keinen Plan dabei.' Das könnte ich verstehen, wenn man so empfindet.

Vielleicht sind hier heute ja auch einige, die ihr eigenes Leben verwirrend finden. Und denken: 'Ich kann beim besten Willen keine Richtung darin erkennen. Ich weiß nicht, wie die einzelnen Teile zusammen passen.'

 

Wenn das so ist, dann stellen wir uns doch mal vor, dass das stimmt, was wir Christen immer behaupten: Dass wir in der Bibel das Wort Gottes vor uns haben. Das heißt, dass wir in der Bibel direkten Zugang zu dem haben, was Gott denkt, über die Welt und über uns. Das behaupten wir ja immer - aber stellen wir uns doch einmal - und wenn nur testweise - vor, dass das wirklich stimmt. Dann ist die Bibel hochinteressant. Und dann ist gerade das letzte Buch der Bibel, das Buch der Offenbarung, hochinteressant. Weil wir in diesem Buch einen Blick hinter die Kulissen der Weltgeschichte bekommen.

 

Vier Punkte zum Text, die alle mit den gleichen Anfangsbuchstaben beginnen. (Ich mag solche Alliterationen, also Wortfolgen, in denen jedes Wort mit dem gleichen Buchstaben beginnt; ich mag z.B. so Sätze wie: 'Du, denkst du denn durchaus, dass dir demnächst dramatische Dinge drohen?') Vier Gedanken zum Text:

 

1) Klare Verhältnisse (V.1)

 

Wenn Sie sich schon immer einmal gewünscht haben, das Buch der Offenbarung zu verstehen, dann brauchen Sie sich eigentlich nur zwei Worte zu merken. Die zwei Worte, mit denen auch unser Predigttext beginnt: "Ich sah." Die Offenbarung ist eine Vision von Gott, eine besondere Schau, die Gott dem Seher Johannes schenkt. Das heißt, sie kommt von Gott, sie ist keine menschliche Erfindung. In einer Vision werden Dinge gesehen, die mit unserem begrenzten menschlichen Verstand nicht vollständig erfasst werden können - deswegen werden sie in Bildern beschrieben. Der Inhalt der Vision bezieht sich auf die Gegenwart und auf die Zukunft. So heißt es in Offb 4,1: "Ich will dir zeigen, was in Zukunft geschehen wird." Was also sieht der Seher Johannes?

 

V.1: "Ich sah, dass der auf dem Thron in seiner rechten Hand eine Buchrolle hielt." Mit anderen Worten, ganz grundsätzlich: Der Thron dieser Welt ist nicht leer. Da sitzt jemand. Gott sitzt auf dem Thron der Welt. Es ist nicht so, dass das Schiff dieser Welt richtungslos und führungslos wäre. Gott hat die Kontrolle. Es ist also auch nicht so, wie einmal ein Kabarettist gesagt hat, der sich über das Gebet lustig gemacht hat. Er hat gesagt, wenn er betet, hat er das Gefühl, dass da als Antwort erstmal Schweigen kommt, und dann eine leise Stimme, die sagt: "The person you have called is temporarily not available." - 'Ihr Gesprächspartner ist vorübergehend nicht erreichbar.' Das stimmt nicht! Gott ist erreichbar, er sitzt auf dem Thron und ist ansprechbar.

 

Und weiter: "Ich sah, dass der auf dem Thron in seiner rechten Hand eine Buchrolle hielt." Der auf dem Thron hält eine Buchrolle, das ist das Bild eines antiken Herrschers. Antike Könige, z.B. die römischen Kaiser, ließen sich gerne so abbilden. Der König hält eine Buchrolle, das heißt: Er hat einen Plan, er hat ein Regierungsprogramm. Er weiß, wo es langgeht. Gott hält eine Buchrolle, wie ein Baumeister seinen Bauplan hält.

 

"Sie war innen und außen beschrieben und mit sieben Siegeln verschlossen." Mit sieben Siegeln verschlossen, das war nach römischem Recht ein Testament. Das heißt, was Gott da in der Hand hält, das ist sein Testament, sein Vermächtnis an die Welt. Das gilt. Natürlich nicht so wie bei einem menschlichem Testament, das gilt ja erst, wenn sein Autor verstorben ist. Aber doch genauso wie der letzte Wille eines uns wichtigen Menschen: Das gilt. Das ist eindeutig. Das ist Gottes Wille für die Welt.

 

Es sind klare Verhältnisse, die hier beschrieben werden. Der Thron der Welt ist nicht leer, Gott sitzt darauf und hat einen Plan. Es ist wichtig, diese grundsätzlichen Dinge hin und wieder klarzustellen - weil uns unser Umfeld relativ häufig das Gegenteil vermittelt. Unser Umfeld vermittelt uns häufig: 'Gott ist nicht wichtig. Vielleicht gibt es ihn gar nicht, auf jeden Fall hat er keinen Einfluss auf unsern Alltag.' Wenn Sie das nicht glauben, dass das so vermittelt wird, dann überlegen Sie mal: Welche Sitzung in einem Betrieb, in einem Unternehmen oder einer Schule, wird schon mit den Worten eröffnet: "Wir kommen zu TOP 1: Gott liebt uns und hat einen wunderbaren Plan für unser Leben." Warum eigentlich nicht? Das ist doch Tatsache. Aber kaum jemand würde das so sagen. Bei Kirchens vielleicht, manchmal, aber auch da keineswegs immer.

 

Solche Klarstellung ist nötig auch deswegen, weil dadurch klar wird, auf wen wir uns eigentlich verlassen können.

 

2) Keine Alternative (V.2-3)

 

Ich weiß nicht, was für ein Bild Sie im Kopf haben, wenn Sie das Wort "Engel" hören. Ich vermute aber mal: Dieses Bild ist eher ein bisschen wolkig, luftig, weiß, weich, sanft, mit Flügeln. Ganz anders das Bild eines Engels, das in V.2 gezeichnet wird:

 

"Und ich sah einen mächtigen Engel, der mit gewaltiger Stimme rief:"

Ein mächtiger, ein großer Engel (anscheinend gibt es Engel in verschiedenen Größen). Er ruft mit gewaltiger, mit lauter Stimme, die alles übertönt - weil das, was er sagt, wichtiger ist als alles andere. Die Frage, die er stellt, ist wichtiger als all das Gerede, das jeden Tag von dieser Welt aufsteigt. Wichtiger als jede Pressemitteilung, als jede Regierungserklärung, wichtiger als jede Rede von George Bush und übrigens auch wichtiger als die Meinung Ihres Nachbarn. Die Frage lautet:

 

"Wer ist würdig, dieses Buch zu öffnen und seine Siegel zu brechen?"

Mit anderen Worten: Wer kann Gottes Plan umsetzen? Wer kann die Probleme der Welt lösen, wirklich lösen? Die Antwort ist ernüchternd:

 

V.3: "Doch es war niemand da, der es öffnen und hineinsehen konnte;

niemand im Himmel, niemand auf der Erde und auch niemand im Totenreich."

Das heißt: Niemand. Keine überweltliche Macht, kein Engel, kann Gottes Plan umsetzen. Auch kein menschliches Bemühen, keine noch so großen kulturellen und pädagogischen Anstrengungen. Und erst recht keine bösen, widergöttlichen Mächte. Niemand kann es.

 

Das ist ernüchternd: Wir kriegen's nicht hin. Wir kriegen eine ganze Menge hin, wir können in der Welt und in der Gesellschaft eine ganze Menge bewegen. Wir können auch in unserm Leben eine ganze Menge bewegen. Aber wir kriegen es nicht hin, die Welt und unser Leben wirklich und vollständig nach Gottes Willen zu gestalten.

 

Wir kriegen's nicht hin - auf der globalen Ebene. Schauen wir uns nur die Geschichte des 20.Jahrhunderts an - eines der blutigsten Jahrhunderte der Geschichte, in dem Tausende, Millionen von Menschen umgebracht wurden für ein bemaltes Stück Stoff, eine Nationalflagge. Man könnte doch meinen, dass wir daraus gelernt hätten. Aber wenn wir uns heute umschauen, sehen wir überall in der Welt neue nationale Konflikte schwelen.

 

Wir kriegen's noch nicht mal auf der persönlichen Ebene hin. Sondern wir ertappen uns dabei, dass wir sagen: 'Ich dachte, ich hätte diese Verhaltensweise wirklich in den Griff gekriegt. Aber ich rutsche immer wieder rein.' Vor einigen Jahren habe ich kurz vor Silvester in einer Zeitschrift ein Cartoon gesehen. Da war ein Mann abgebildet, der in seiner Wohnung saß. Auf einmal klingelt es an der Tür, er macht die Tür auf, und davor stehen mehrere kleine Wesen. Und er fragt sie: "Wer seid denn ihr?" Darauf sagen sie: "Wir sind deine guten Vorsätze vom letzten Jahr. Wir wollten fragen, was jetzt ist!"

 

Natürlich ist es gut, sich zu engagieren! Sich einzusetzen für gesellschaftliche Veränderung, sich zu engagieren dafür, dass es auch in unserm eigenen Leben vorangeht. Da können wir eine ganze Menge bewirken. Aber wir werden niemals eine vollständige Lösung erreichen. Wie gehen wir damit um?

 

3) Konstruktive Unzufriedenheit (V.4)

 

Es gibt ja eine verlockende Möglichkeit, damit umzugehen, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte: Man gibt sich zufrieden. Man lehnt sich zurück und sagt: So ist es eben. Dann kann man z.B. das rheinische Grundgesetz zitieren. Das lautet: "Et is, wie't is. Et kütt, wie't kütt. Und: Et hätt noch immer jut gegangen." Ich übersetze, für alle Westfalen: 'Es ist, wie es ist. Es kommt, wie es kommt. Es ist noch immer gut gegangen." Nichts gegen rheinische Fröhlichkeit, aber: Das ist keine Lösung. Sich einfach zufrieden zu geben.

 

Ganz anders die Reaktion des Sehers Johannes, wie sie in V.4 geschildert wird:

"Da weinte ich sehr, weil niemand da war, der würdig gewesen wäre, das Buch zu öffnen und hineinzusehen."

 

Manchmal ist es gut, darüber zu weinen, dass diese Welt noch nicht erlöst ist. Manchmal ist das die angemessene Reaktion. Eine gute Bekannte von mir ist eine sehr begabte Seelsorgerin, und sie hat jahrelang mit jungen Menschen gearbeitet und viele von ihnen begleitet. Sie hat mir mal erzählt, dass sie manchmal in einem solchen Gespräch jemandem gegenüber sitzt, bei dem sie fast körperlich spüren kann, dass da noch etwas unter der Oberfläche brodelt. Irgendein Problem, dem er sich nicht stellt, das er nicht herauslässt. Und sie empfindet, dass dieser Mensch eigentlich weinen müsste. Und weil er das nicht kann, sind ihr schon ein, zwei Mal selbst die Tränen gekommen, und sie hat stellvertretend geweint. Manchmal ist es gut, darüber zu weinen, dass diese Welt noch nicht erlöst ist.

 

Die Welt ist nicht so, wie sie ursprünglich einmal gedacht war. Wenn das Ihr Empfinden ist, dann haben Sie schon fast verstanden, was 'Advent' bedeutet, was freudige Erwartung bedeutet.

 

4) Künftiger König (V.5)

 

Ich lese V.5: "Doch einer von den Ältesten sagte zu mir: 'Weine nicht! Einer hat gesiegt; er kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel brechen. Es ist der Löwe aus dem Stamm Juda, der Nachkomme König Davids.'"

 

Es gibt Grund zu weinen; und es gibt auch einen Grund damit aufzuhören. Dieser Grund besteht in einem einzigen Wort, einem Namen: Jesus. Er kann es - er kann Gottes Plan umsetzen. Er ist der Grund unserer Hoffnung.

 

Wie wird er hier beschrieben? "Es ist der Löwe..." - das ist ein anderes Bild von Jesus, als wir in der Adventszeit gewohnt sind. In der Adventszeit denken wir ja sonst eher an das Jesuskind, das in der Krippe liegt, klein und lieb. Das ist auch Jesus - aber Jesus ist mehr als das. Jesus ist auch stark.

 

In ein paar Wochen, am 8.Dezember, läuft in den Kinos der Film "Der König von Narnia" an. Das ist die Verfilmung eines Kinderbuchs des englischen Schriftstellers C.S.Lewis. Dessen Kinderbücher über Narnia sind in der angelsächsischen Welt sehr bekannt und werden von vielen Kindern heiß und innig geliebt. In diesen Büchern werden Kinder beschrieben, die Zugang zu einer fremden, wunderbaren  Fantasiewelt bekommen. C.S.Lewis hat ausdrücklich gesagt, dass die Figuren und Ereignisse dieser Fantasiewelt Veranschaulichungen sein sollen, für die Kerninhalte des christlichen Glaubens. Sie stehen also für etwas anderes, für den Glauben. Die zentrale Gestalt in den Narnia-Büchern ist der Löwe Aslan, von dem C.S.Lewis ebenfalls ausdrücklich gesagt hat, dass dieser Löwe für Christus steht. Gute Kinderbücher sind ja immer auch für Erwachsene interessant, und deswegen lohnt es sich, mal nachzulesen, wie dieser Aslan dort beschrieben wird: Unendlich stark und unendlich vertrauenswürdig, unendlich machtvoll und unendlich sanft, freundlich und wild, alles zugleich. So ist auch Jesus.

 

Dieser Jesus kommt "aus dem Stamm Juda" und ist "Nachkomme König Davids". Das heißt, er ist Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen. Er ist selbst ein Mensch, derjenige, in dem Gott Mensch wird.

 

Und er kann es: Er kann Gottes Plan ausführen, er kann Gottes Willen umsetzen. In ihm kommt Gott selbst in die Welt hinein. Der, der auf dem Thron der Welt sitzt, kommt in die Welt hinein, er lässt die Welt nicht allein, weil sie ihm nicht egal ist. Weil er sich nicht damit zufrieden gibt, dass sie ist, wie sie ist. Er kommt in die Welt hinein, wird selbst Mensch, und lädt Menschen zu sich ein. Und sagt: "Kommt zurück zu mir! Ich will wieder mit euch in Kontakt sein, ich lade euch ein, zu Gott zurückzukehren. Und ich fange mit euch neu an; ich werde die ganze Welt erneuern."

 

Das ist Jesus. Wenn wir ihn an uns ranlassen, dann beginnt schon damit unsere ganz persönliche Adventsfeier. Amen.

 








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