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Predigttext

Wer wirklich Gottes Willen tut
07-08-05 10:00
Alter: 5 yrs


VON: TH.ENZNER



Matthäus 21, 28-32


Stichworte: Worte und Taten, Gottes Willen tun, Corrie ten Boom

 

28 «Was sagt ihr dazu: Ein Mann hatte zwei Söhne. Er sagte zu dem ersten: 'Mein Sohn, arbeite heute in unserem Weinberg!' 29 'Ja, Vater', antwortete er. Doch er hatte keine Lust und ging nicht hin. 30 Auch den zweiten Sohn forderte der Vater auf, die Arbeit zu erledigen. 'Ich will aber nicht!' entgegnete dieser. Später tat es ihm leid, und er ging doch an die Arbeit.

31 Wer von den beiden Söhnen hat nun getan, was der Vater wollte?» Sie antworteten: «Der zweite natürlich!»

Da erklärte ihnen Jesus, was er meinte: «Das ist sicher: Betrüger und Dirnen werden eher in Gottes Reich kommen als ihr. 32 Johannes der Täufer zeigte euch den Weg zu Gott und forderte euch zur Buße auf. Aber ihr wolltet nichts von ihm wissen. Die Betrüger und Dirnen aber folgten seinem Ruf. Und obwohl ihr das gesehen habt, wolltet ihr ihm nicht glauben und euer Leben nicht ändern.» (Hoffnung für alle)

1. Das Übliche: ungedeckte Versprechen

2. Das Überraschende: unvermutete Täterschaft

3. Das Herausfordernde: ungeteiltes Leben

 

Liebe Gemeinde,

 

ein Politiker verlässt mit wichtiger Miene die beendete Sitzung.

„Was haben Sie gesagt?“, fragt ein Reporter interessiert.

Die unwirsche Reaktion: „Nichts!“

Der Reporter verständnisvoll: „Das ist mir klar. Aber wie haben Sie es heute formuliert?“

 

Dieser Witz zeigt: Man kann nichts sagen, und doch etwas formulieren..

Das ist nicht nur eine Krankheit von Politikern, das ist in vielen Berufen zu finden.

Von Adenauer kommt das berühmte Wort: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?

Man kann also viele Worte machen – und doch nichts bewirken.

 

Im kommenden Wahlkampf werden wir Bundesbürger mit Worten, Begriffen, Slogans und vielen Reden überschüttet – und der Hörer wird herausfinden müssen, was Worthülsen und schöne Sprechblasen sind, - und was wirklich Inhalt vermittelt.

Und dann werden wir noch herausfinden müssen, welche Inhalte auch umgesetzt werden.

 

Die große Frage für Politiker ist: Tun sie denn auch, was sie versprechen!?

Wenn das stimmt, was alles so versprochen wird, dann müsste nach der Wahl ein fast messianisches Reich anbrechen, mit Gerechtigkeit, Frieden, Arbeit, Wohlstand, Aufschwung usw…

Aber wir wissen, es ist nicht so.

 

Noch eine andere Erfahrung: Stichwort ‚Handwerker’. Fast jeder kann ein Lied darauf singen. Wenn die Heizung defekt ist, rufen Sie bei der Firma an. Dann heißt es: „Ja, machen wir, kein Problem. Ihre Heizung wird in den nächsten Tagen repariert. Sie sind fest eingeplant.“

Nach 2 Wochen fragen Sie zurück: „Wann kommen denn ihre Leute?“

„Ja, es ist jemand krank geworden, wir kommen nächste Woche.“

In der nächsten Woche fragen sie wieder nach: „Ja, wir verstehen ihr Problem, aber es musste ein dringender anderer Auftrag abgewickelt werden.“

Geduldig melden sie sich zum wiederholten Male. Sie sprechen ihr Anliegen auf den Anrufbeantworter, der einen sofortigen Rückruf verspricht….Aber es kommt auch kein Rückruf…Dann fragen sie sich, ob das Versprechen am Anfang auch wirklich so gemeint war.

 

Politiker, Handwerker, - und auch bei uns in der Kirche gibt es das:

Es wird viel versprochen – aber nicht alles wird eingehalten.

Der guten Zusagen und Versprechungen sind viele – aber die guten Taten lassen auf sich warten…

 

1. Das ist das Übliche: ungedeckte Versprechungen.

 

Es gibt so viele Ja-Sager und Nein-Tuer!

 

Und wenn einer mich erinnert: Du wolltest doch damals das und das in die Wege leiten!, und es wird mir bewusst, ist es mir peinlich und ich ärgere mich über mich selbst…

Das Schlimmste, was einem Mitarbeiter passieren kann, wenn er den Ruf bekommt, dass er gut reden kann, aber nichts tut… „Der tut nur so!“

 

Wir hatten in der Schule zwei Lehrer, die Kraus hießen. Um sie auseinander zu halten, haben wir Schüler sie genauer bezeichnet: Der eine hieß der ‚faule Kraus’, der andere hieß der ‚scharfe Kraus’. Von dem einen wussten wir, der Unterricht ist zwar interessant, aber er lässt es schleifen, er zieht Nichts konsequent durch. Wenn er droht, dann ‚tut er nur so’ – der andere war scharf, d.h. er war konsequent, man riskierte schlechte Noten, man musste mitmachen. Was er sagte, das zog er auch durch.

 

Noch ein Beispiel: die Kinder in der Familie.

„Jochen, könntest du bitte Rasenmähen, es wird wieder Zeit!“

„Natürlich, mach ich gleich..“ Und sie sind beruhigt.

Aber am nächsten Tag ist immer noch nichts getan..und er redet sich raus, der liebe Jochen. Der Rasen wächst und wächst..

Sie haben ja noch ein Kind: „Tobias, würdest du den Rasen machen, er wurde schon lange Zeit nicht gemäht. Tobias hat die Dreistigkeit, und sagt rundheraus: „Nö, kein Bock! Warum soll ich das machen?..“ Und er sitzt weiter an seinem Computer. Über so ne Dreistigkeit kommt Ihnen die Galle hoch… Sie gehen zur Arbeit und denken, na wartet nur… die machen ja den Hampelmann aus dir… Sie kommen nach Hause: Der Rasen ist gemacht, o Wunder! Am Gesicht von Tobias sehen sie, dass er seine Meinung geändert hat, und ganz beiläufig sagte er: Jou, hab ich gemacht..

Damit sind wir beim 2.Gedanken:

 

2. Das Überraschende: unvermutete Täterschaft

 

Die Geschichte, die Jesus den Pharisäern erzählt, ist pikant. Es geht nicht ums Rasenmähen, es geht um den Weinberg. ‚Weinberg’ ist der Begriff für das Volk Israel. Dieser Weinberg wird von Gott fleißig bearbeitet. Gott bittet um Mitarbeit in seinem Reich.

Und die Arbeit im Weinberg wurde getan, der Wille des Vaters erfüllt, aber sie wurde vom Nein-Sager getan, und nicht vom Ja-Sager. Jesus lässt seine Hörer die Antwort geben: Richtig, der zweite Sohn hat den Willen des Vaters getan. Damit ist die Überraschung perfekt.

 

Im Klartext meint Jesus die Zöllner (Betrüger) und die Dirnen – die Berufsgruppen, die aus frommer Sicht so schlecht abschneiden, dass die im untersten moralischen Minus-Bereich anzusiedeln sind.

Zolleinnehmer, igitt, so viel Unmoral im Herzen, machen mit den Feinden gemeinsame Sache und wirtschaften sich nicht schlecht in die Taschen.

Prostituierte, igitt, die sich nicht zu schade sind, ihren Körper zu verkaufen

 

Jesus erzählte dieses Gleichnis wahrscheinlich im Tempel. Unter seiner Hörerschaft waren bestimmt auch die angesehenen Pharisäer.. das war brisant.. genauso wie bei der Erzählung von dem Pharisäer und dem Zöllner, die gemeinsam im Tempel beten (Lesung: Lukas 18, 9-14).

 

Von Rabbi Eleazar (um 270) kommt das Wort: „Hieraus erhellt, dass die Gerechten wenig sagen (versprechen) und viel tun. Die Gottlosen aber sagen viel und tun gar nichts!“ .

Die Zöllner und Dirnen waren gute Zuhörer der Bußpredigt des Täufers am Jordan. Es ging ihnen zu Herzen. Die Zöllner fragten sogar nach: Was sollen wir tun? (Lukas 3,12). Sie wollten einen neuen Anfang machen und ließen sich taufen.

Die Pharisäer allerdings, die wälzten in Gedanken die Argumente, sie waren skeptisch – sie beriefen Ausschüsse und Kommissionen, um diese Bußbewegung bewerten zu lassen – und änderten sich in ihrem Herzen kein bisschen. Sie waren sich mit ihrem frommem Denken genug.

 

Vor Gott ist aber wichtig, was wir tun, nicht, was wir sagen oder denken. Sicher darf man Worte und fromme Worte grundsätzlich nicht gleich verdächtigen, sie müssen aber zur Tat werden.

 

Unsere evangelische Kirche versteht sich – von der Reformation herkommend – als eine Kirche des Wortes. Aber wenn sie nur beim Wort bleibt, und wenn Worte nicht zur Tat werden, wird alles schlecht. Jesus mahnt in Matthäus 7,21: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel.

 

Das Gefährliche unter uns Frommen ist die Haltung, dass man denkt, wenn man richtig in der Bibel Bescheid weiß, richtig betet, im Gottesdienst zuhört…dann wäre schon alles getan.

Es geht nicht um die Tatsache der Schwäche, dass wir auf dem Weg des Gehorsams merken, wie schwach wir sind, und dass die Tat viel schwerer ist, als man oft denkt. (vgl. Paulus in Römer 7, 18-19.24)

Es geht um die gefährliche Einstellung, dass man denkt, mit dem Reden, Denken, mit der frommen Haltung wäre schon alles getan..

-Die Forderung der Nächstenliebe nur gut zu finden, und sich nicht wirklich dem Nächsten, der mir in der Familie Nöte macht, aktiv hinzuwenden – das ist übel.

-Das Glaubensbekenntnis in der Kirche mitzusprechen, aber es im Alltag völlig in Ordnung zu finden, den Glauben zu verstecken, das ist nicht in Ordnung.

-Das Ja und Amen auf Gebete und Gebote zu sagen, aber am Montag die gleichen Tricks anwenden, um Wahrheit zu verschleiern, das ist nicht der Wille Gottes.

 

Sie merken schon, der wirkliche Adressat des Gleichnisses sind wir.

 

Beide Söhne sind zusagen in mir selber drin:

Es ist der Ja-Sager in mir, der so schnell und unbedacht und gefällig zusagt, aber dann, wenn es Überwindung oder Mut kostet, einfach kneift.

Es ist der Nein-Sager in mir, - denn manchmal schlägt mir das Gewissen, und eine einmal erteilte Abfuhr überdenke ich noch mal, und ich tue schließlich doch das Gute, was ich zuvor abgelehnt habe.

 

Das Gleichnis zielt darauf ab, dass wir wahrhaftig werden, dass wir Ja-Sagen und auch Ja-Tun, dass unser Leben nicht mehr geteilt ist in einen frommen und einen Alltagsbereich.

Das Schönste Lob für einen Mitarbeiter ist der Ruf, wenn andere sagen: Der tut, was er sagt!

Damit sind wir beim 3. Punkt:

 

3. Das Herausfordernde: wahrhaftiges, ungeteiltes Leben

 

Jesus kam deshalb eine solche Vollmacht zu, weil er das tat, was er sagte.

Er hätte sich selbst in das Gleichnis als 3. Sohn einbauen können, ein Sohn, der Ja-sagt und Ja-tut.

 

Die Bergpredigt schließt mit der Reaktion von Jesu Zuhörer:

Es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten.

Denn Jesu Rede wurde von Taten begleitet – Kranke wurden geheilt, dem Bösen wurde Einhalt geboten, den Heuchlern hat er den Mund gestopft, den Armen und Schwachen stand er zur Seite.

 

Die Pharisäer dagegen lebten gern in ihrer Welt der unverbindlichen Worte, sie redeten sich die Köpfe heiß über manche Spitzfindigkeiten, sie polierten ihr theologisches Ego auf und daher kam das Doppel-bödige in ihr Leben hinein, dass nämlich das Eigentliche das fromme Reden ist - davon getrennt der Alltag.

 

Ihr Leben war gespalten:

-Im Beruf sozial-verbindlich, in der Familie jähzornig

-In der Kirche dienend, zuhause fordernd und drohend.

 

Weil wir nie stimmig sind in Reden und Tun, will Jesus, dass wir bußfertig werden.

 

Wodurch bekommt man Vollmacht? Indem man Buße tut!

 

Vollmacht wächst einem nicht zu durch immer mehr Wissen, Reden, Verstehen – sondern dass dieses Wissen mit dem Tun verbunden wird und dass wir unsere Fehler eingestehen:

 

-Herr, ich habe groß getönt von Vergebung, aber ich schaffe das Zuhause so schlecht. Gib mir die Kraft zum Verzeihen.

-Herr, ich lebe von deiner Großherzigkeit, ich bin im Alltag so geizig. Gib, dass ich andern gegenüber auch großherzig sein kann.

 

Sicher ist das sehr schwer…Aber es ist die Überwindung wert..

Und wir werden merken, dass ein doppeltes Leben wieder zusammen kommt, heil wird, richtig ‚fromm wird’. Fromm sein, heißt von der Bedeutung, wieder ganz und heil werden.

 

Corrie ten Boom erzählt in ihrem Buch ‚Das Versteck’ folgende Begebenheit – als sie ihrem früheren KZ-Aufseher begegnete (gekürzt vorlesen) : Ich lerne immer noch zu vergeben.

 

… Es war in einer Kirche in München wo ich ihn traf: einen hageren, hellblonden Mann in einem grauen Mantel, in der Hand einen Filzhut fest umklammert. Die Menschen verließen den Raum im Kellergeschoß, in dem ich soeben gesprochen hatte. Langsam gingen sie an den Holzstühlen entlang dem Hinterausgang zu. Es war 1947, und ich war vor kurzem von Holland in das besiegte Deutschland mit der Botschaft gekommen, dass Gott vergibt.

Es war die Botschaft, die in diesem grauen, zerbombten Land am meisten gebraucht wurde, und ich gab ihnen meine Lieblingsillustration. Vielleicht liegt es daran, dass das Meer den Holländern immer sehr nahe liegt, und ich mochte den Gedanken, dass dies der Platz ist, wohin unsere Sünden geworfen werden. »Wenn wir unsere Sünden bekennen«, sagte ich, »wirft Gott sie in den tiefsten Ozean, sie sind für immer verschwunden.«

Die ernsten Gesichter starrten mich an und wagten kaum dies zu glauben. Schweigend standen die Menschen auf, schweigend zogen sie sich ihre Mäntel an, schweigend verließen sie den Raum.

Das war, als ich ihn sah. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. Einen Augenblick lang sah ich seinen Mantel und den braunen Hut, im nächsten Augenblick die blaue Uniform und eine Schirmmütze mit dem Totenkopf und den gekreuzten Knochen darauf. Die Erinnerung kam wie ein Blitz: der riesige Raum mit seinem kalten Oberlicht, der traurige Haufen der Kleider und der Schuhe in der Mitte des Fußbodens, eine nackte Schande, an diesem Mann vorbeizulaufen zu müssen. Vor mir konnte ich die zierliche Gestalt meiner Schwester erkennen, die Rippen stachen scharf durch die dünne Haut. Betsie, wie abgemagert du warst.

Betsie und ich waren verhaftet worden, weil wir während der Besatzung Hollands durch die Nazis in unserem Zuhause Juden versteckt hatten. Dieser Mann war Aufseher im Konzentrationslager Ravensbrück gewesen, wo wir hingeschickt wurden.

Nun stand er mit ausgestreckter Hand vor mir: »Eine wunderbare Botschaft, Fräulein. Wie gut zu wissen, dass, wie Sie sagen, all unsere Sünden auf dem Meeresboden liegen.«

Und ich, die so routiniert über Vergebung gesprochen hatte, fummelte in meinem Notizbuch herum, anstatt seine Hand zu ergreifen. Natürlich würde er sich nicht mehr an mich erinnern. Wie könnte er sich überhaupt an einen Gefangenen unter Tausenden von Frauen entsinnen?

Aber ich konnte mich an ihn und die Lederpeitsche erinnern, die an seinem Gürtel hin und her baumelte. Es war das erste Mal seit meiner Befreiung, dass ich mit meinen Häschern von Angesicht zu Angesicht gegenüber stand. Mein Blut schien mir in den Adern zu gerinnen.

»Sie haben Ravensbrück in Ihrem Vortrag erwähnt«, sagte er, »ich bin dort Aufseher gewesen.« Nein, er konnte sich wirklich nicht an mich erinnern.

»Aber seit damals,« fuhr er fort, »bin ich Christ geworden. Ich weiß, dass Gott mir meine Gräueltaten von dort vergeben hat. Ich würde es jedoch auch gerne von Ihren Lippen hören. Fräulein,« er streckte seine Hand ein zweites Mal aus, »können Sie mir vergeben?«

Ich stand da - ich, deren Sünden jeden Tag vergeben werden mussten – und konnte es nicht tun. Betsie war an diesem Ort umgekommen – konnte er ihren langsamen, schrecklichen Tod austilgen, nur weil er um Vergebung bat?

Es konnten nicht mehr als ein paar Sekunden vergangen sein, wie er da mit ausgestreckter Hand dastand. Für mich jedoch erschienen sie wie Stunden, während ich einen Kampf mit der schwierigsten Sache hatte, zu der ich mich jemals überwinden musste.

Ich wusste, dass ich es tun musste. Die Botschaft, dass Gott vergibt, hat eine vordringliche Bedingung: dass wir denjenigen vergeben, die uns Schaden zugefügt haben. »Wenn ihr den Menschen ihre Übertretungen nicht vergebt,« sagte Jesus, »wird euch euer himmlischer Vater eure Übertretungen auch nicht vergeben.«

Ich kannte es nicht nur als Gebot Gottes, sondern auch aus tagtäglicher Erfahrung. Seit Kriegsende hatte ich in Holland ein Heim für Opfer der Nazigewaltherrschaft aufgebaut. Wer seinen ehemaligen Feinden zu vergeben vermochte, konnte auch bald wieder in die Außenwelt zurückkehren und sein Leben neu in die Hand nehmen, ganz gleich welche physischen Narben zurückblieben. Diejenigen, die ihre Verbitterung hegten, blieben auch geistig Invalide. So einfach und doch so schrecklich war das.

Ich stand immer noch da mit der Kälte, die mein Herz umklammerte. Vergebung ist jedoch keine Emotion – dies war mir auch klar. Vergebung ist eine Tat des Willens. Der Wille kann tätig sein, egal welche Temperatur das Herz hat. »Jesus, hilf mir!« betete ich leise. »Ich kann meine Hand hochheben. So viel kann ich tun. Du musst die Gefühle dazu geben!«

Also legte ich meine Hand ausdruckslos und mechanisch in die mir ausgestreckte Hand. Während ich dies tat, geschah etwas unglaubliches: ein Strom floss von meiner Schulter aus durch meinen Arm bis hin in unsere vereinten Hände. Diese heilsame Wärme schien völlig durch mich zu strömen und trieb mir die Tränen in die Augen. »Ich vergebe dir, Bruder,« weinte ich, »von ganzem Herzen.«

Für einige Augenblicke hielten wir uns ganz fest: der ehemalige Aufseher und die ehemalige Gefangene. Niemals zuvor hatte ich Gottes Liebe so stark wie in diesem Moment verspürt.

(Aus: www.diefamilie.com/lese_ecke/wortschaetze/vergeb.html)

Ich wünsche uns den Mut und die Kraft, dass unsere guten Worte auch zu guten und tapferen Taten werden. Amen.

 








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