Matthäus 7,24-27
24 "Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. 25 Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist.
26 Wer sich meine Worte nur anhört, aber nicht danach lebt, der ist so unvernünftig wie einer, der sein Haus auf Sand baut. 27 Denn wenn ein Wolken-bruch kommt, die Flut das Land überschwemmt und der Sturm um das Haus tobt, wird es aus allen Fugen geraten und krachend einstürzen."
Liebe Gemeinde,
vor ein paar Jahren, während eines Studienjahres in London, saß ich in einem Gottesdienst neben einer größeren Familie, die aus Japan oder Korea kam. Direkt neben mir saß der Familienvater. Der Gottesdienst nahm so seinen Lauf, und als die Predigt begann, kippte der Kopf dieses Vaters leicht nach hinten, sein Mund öffnete sich und ein leiser Schnarchlaut war zu hören. Weil ich ihm die Peinlichkeit ersparen wollte, stupste ich ihm leicht in die Seite. Er wachte auf, guckte mich leicht panisch an und starrte für den Rest des Gottesdienstes konzentriert nach vorne. Nach dem Ende des Gottesdienstes wollte ich ihm noch begütigend zulächeln, nach dem Motto: Ist doch nicht so schlimm, wenn man im Gottesdienst mal müde wird. Aber anscheinend war ihm das Ganze unglaublich peinlich, er sammelte seine Familie um sich und verschwand schnell.
Im Gottesdienst kann es schon mal langweilig werden! (Bei dieser Gelegenheit kann ich noch eine Volksweisheit anbringen, von dem Kabarettisten Hanns-Dieter Hüsch. Der hat gesagt: Wenn man in der Öffentlichkeit einschläft - das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, wenn man kurz darauf wieder aufwacht...)
Im Gottesdienst kann es manchmal langweilig sein - das ist keine neue Erfahrung, sondern das war in früheren Zeiten auch hin und wieder so. So soll z.B. der frühere amerikanische Präsident Abrahm Lincoln einmal gesagt haben: "Wenn man all die Menschen, die in Gottesdiensten einschlafen, aneinander gereiht nebeneinander auf den Boden legen würde - dann hätten sie es deutlich bequemer."
Dass es langweilig wird - diese Erfahrung haben auch die Menschen zur Zeit von Jesus - zur Zeit kurz vor Jesus - gemacht. Deswegen war Jesus für sie auch so überraschend! Bei ihm hörten sie atemlos zu - nicht weil er so viele rhetorische Tricks verwandt hätte, sondern weil er ganz genau wusste, wovon er sprach. So heißt es am Ende der Bergpredigt, der großen Rede Jesu, von der in Matthäus 5-7 berichtet wird: Die Menschen "entsetzten sich", es ging ihnen durch Mark und Bein, sie waren tief beeindruckt von dem, was Jesus sagte. Denn: "Er redete mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten." Wenn er von Gott redete, dann merkte man: Er weiß wovon er spricht.
Vielleicht kennen Sie das auch: Dass das, was gesagt wird, auf einmal ganz wichtig ist? Da sitzt z.B. eine Gruppe von Menschen zusammen und alle unterhalten sich, quer durch den Raum in mehreren Gesprächen. Auf einmal sagt einer etwas, das ein bisschen heikel oder sehr wichtig ist - und alle anderen sind still, und hören zu. Genauso war es bei Jesus die ganze Zeit. Die Menschen hingen an seinen Lippen, weil er genau wusste, wovon er sprach.
So war es auch bei unserem heutigen Predigttext - der steht kurz vor Ende der Bergpredigt. Matthäus 7,24-27, das sind die letzten Worte, die Jesus kurz vor Ende der Bergpredigt spricht. Dazu vier (ja, tatsächlich vier) Gedanken:
1) Welche Reaktion passt?
Der eine oder andere wird sich noch an den Film "Forrest Gump" erinnern: Die Erfolgsgeschichte von Forrest Gump, der nicht eben mit viel Intelligenz beschlagen ist, dafür aber unglaubliches Glück hat und eine unglaubliche Beharrlichkeit an den Tag legt. Diesem Forrest Gump wird seit seiner Kindheit vorgehalten, er sei ja doch ein bisschen dumm. Und er antwortet darauf immer wieder mit dem Satz: "Mama sagt: Dumm ist der, der Dummes tut!" - Jesus sagt hier etwas ganz ähnliches, nur ins Positive gewendet. Er sagt: Klug ist der, der Kluges tut. "Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist klug", heißt es in V.24.
Machen wir uns das einmal klar. Er sagt nicht: 'Klug ist der, der meine Worte studiert - wer sie interpretiert und analysiert, wer dicke theologische Kommentare über sie liest und über sie diskutiert.' Nicht, dass das verkehrt wäre! Der Gott, der uns unseren Verstand gegeben hat, möchte auch, dass wir ihn einsetzen! Nur: Das allein ist nicht ausreichend. Wirklich verstanden hat man Jesus erst, wenn man umsetzt, was er sagt.
Warum ist es nicht ausreichend, nur zu deuten, nur darüber nachzudenken? Weil wir Menschen dazu neigen, die Dinge zu zerreden. Das ist jedenfalls typisch für die Auslegungsgeschichte der Bergpredigt - für die Art und Weise, wie die Bergpredigt im Laufe der letzten 2000 Jahre ausgelegt wurde. Diese Geschichte ist voll von Versuchen, die Bergpredigt zu entschärfen. Denn in ihr stehen ja sehr radikale Dinge! Aber man hat z.B. gesagt: 'Ja, Feindesliebe, das ist schon ein hohes Ideal. Aber wirklich leben kann man das nicht, schon gar nicht in der Politik. Vielleicht geht es bei der Feindesliebe ja nur um die Gesinnung: Man hat dem Feind gegenüber eine freundliche Gesinnung. Aber anders verhalten kann man sich deswegen nicht immer." Usw.
Nun behauptet Jesus ja keineswegs, dass das, was er sagt, leicht sei. Aber er beharrt darauf, dass es darum geht, es zu tun. Es geht um die Praxis.
Der englische Autor Adrian Plass erzählt in einem seiner Bücher von einem Gespräch, das er mit einem seiner Freunde geführt hat - nennen wir ihn einmal John - ein Gespräch über einen gemeinsamen Freund der beiden - nennen wir ihn Jim. Adrian Plass sagt also zu John: "John, ich wollte dir nur sagen, dass ich die Freundschaft mit Jim aufkündigen werde. Er hat mich mehrfach hintergangen, er hat schlecht über mich geredet vor Menschen, der Meinung wichtig ist, er ist einfach unzuverlässig. Deswegen ist er für mich gestorben." John hörte sich das Ganze ungerührt an und sagte dann: "Du willst also nicht das tun, was Jesus gesagt hat." Adrian Plass redete weiter und sagte: "Aber wirklich, das Maß ist jetzt einfach voll! Es geht nicht mehr!" John sagte: "Ich verstehe schon. Du willst dich nicht nach dem richten, was Jesus gesagt hat."
Jesus behauptet nicht, dass das, was er sagt, leicht sei. Aber er beharrt darauf, es zu tun. Denn das Leben mit ihm ist keine Theorie. Es ist nicht nur eine Idee, eine schöne Vorstellung. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat gesagt: Jesus Christus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger.- Ein Christsein, das sich nicht auf unser Leben auswirkt, das eine bloße Theorie ist, das hält nicht lange stand.
2) Welches Fundament trägt?
Vor ein paar Jahren war ich einmal zu Besuch bei einer kleinen Baptistengemeinde in Irland. Und ich ließ mir dort die Geschichte dieser Gemeinde erzählen: Da hatte sich ein einzelner Mensch bekehrt. Und durch ihn bekehrten sich schließlich seine Familie und sein Freundeskreis. Irgendwann waren sie 30 Leute und fragten in England an: Könnt ihr uns einen Prediger rüberschicken, wir wollen eine Baptistengemeinde werden? - Ein Prediger kam, und ein Gemeindehaus wurde gebaut, mit integrierter Pastorenwohnung. Inzwischen waren es 50 Leute, die zum Gottesdienst kamen. Also baute man einen Gottesdienstraum für 80 Personen. Zugleich baute man aber als Fundament für das Gemeindehaus - das Fundament für eine Halle. So dass man später, sollte die Gemeinde einmal viele hundert Menschen groß sein, einfach das Gemeindehaus abreißen und auf dem Fundament eine Halle bauen könnte. Das nenne ich vorausschauend.
Jesus empfiehlt in unserem Text, bei dem Fundament unseres Lebens genauso vorausschauend zu sein. V.24.-25: "Wer meine Worte hört und danach handelt, der ist klug. Man kann ihn mit einem Mann vergleichen, der sein Haus auf felsigen Grund baut. Wenn ein Wolkenbruch niedergeht, das Hochwasser steigt und der Sturm am Haus rüttelt, wird es trotzdem nicht einstürzen, weil es auf Felsengrund gebaut ist."
Jesus sagt also: Das beste Fundament für euer Leben ist, wenn ihr euch in allem nach mir richtet. Wenn ihr euer ganzes Leben auf mich ausrichtet. Dann ist euer Christsein wetterunabhängig - dann hält es auch Stand in den schwierigen Zeiten eures Lebens.
Es empfiehlt sich also, die Lebenskonzepte, die es so gibt, mal daraufhin zu überprüfen: Ob sie wetterfest sind. Ob sie einkalkulieren, dass das Leben nicht nur aus schönen Seiten besteht, sondern auch aus schmerzhaften, schwierigen. Das meine ich jetzt kein bisschen miespetrig. Nach dem Motto: Das Leben ist hart, es dauert durchschnittlich 80 Jahre, und alle Wochenenden gehen dabei drauf.- Nein, ich meine das ganz nüchtern: Einzukalkulieren, dass zum Leben auch schwierige Erfahrungen dazugehören. Neben schönen auch schmerzhafte Erfahrungen. Neben Erfolgserlebnissen auch die Erfahrung, dass ich meinen eigenen Maßstäben nicht gerecht werde. Usw.
Wenn man das einkalkuliert, merkt man, dass auch scheinbar ganz bescheidene, sympathische Lebenskonzepte völlig unzureichend sind. Z.B. das ja sehr verbreitete Motto: "Hauptsache gesund!" Das klingt so bescheiden. Aber die Frage ist doch: Was macht ein Mensch mit diesem Motto, wenn er krank wird? Ist dann sein Leben gescheitert? Das kann doch nicht sein.
Jesus sagt: Das beste Fundament ist, wenn ihr mit mir lebt - und wenn ihr euer Leben von mir prägen lasst, wenn ihr es von mir verändern lasst.
Warum eigentlich sollten wir das tun? Was motiviert uns dazu?
3) Welches Argument zieht?
Man könnte ja sagen, wenn man das alles hört: "Also doch! Es heißt ja immer, dass man für Gottes Liebe nichts tun muss, nichts tun kann. Dass alles ein Geschenk ist. Aber ich wusste ja, dass da noch ein Haken ist, dass es da noch etwas Kleingedrucktes gibt." Das könnte man befürchten. Dabei ist Jesus an anderen Stellen ganz eindeutig: Man muss für Gottes Liebe tatsächlich nichts tun. Man kann sie sich nicht verdienen, man braucht es auch nicht, denn sie ist reines - Geschenk. Dabei bleibt es.
Warum aber sollte man dann tun, was er sagt? Wenn man sich doch nichts mehr verdienen muss? Die Antwort ist ganz schlicht: Weil er es sagt. Und: Weil *er* es sagt.- Wenn wir ihm vertrauen, dann vertrauen wir auch darauf, dass das, was er sagt, das Beste für uns ist. Dass uns nichts Besseres passieren kann, als uns danach zu richten.
Da sind zwei Menschen unterwegs in den Bergen, in unwegsamem Terrain: Ein erfahrener Bergführer und sein Begleiter, der noch nie in den Bergen war. Zusammen steigen sie auf Gipfel, klettern an engen Schluchten vorbei, kämpfen sich vorwärts. Schließlich kommen sie an einer tiefen Schlucht an, 300, 400 Meter tief geht es nach unten. Über die Schlucht spannt sich eine Hängebrücke, die von Drahtseilen gehalten wird. Sie ist mit Moos bewachsen, sieht rutschig aus, schwankt im Wind.
Der Bergführer sagt: "Über diese Brücke müssen wir rüber." Sein Begleiter: "Über diese Brücke? Die sieht aber gefährlich aus." Der Bergführer: "Hast du bisher erlebt, dass ich dich auf dem richtigen Weg geführt habe - und vertraust du mir, dass ich das auch weiterhin tue?" Sein Begleiter sagt ja. Der Bergführer sagt: "Wenn du mir vertraust, dann geh über diese Brücke." Sein Begleiter sagt: "Ja, ich vertraue dir schon... Aber..." Der Bergführer sagt: "Wenn du mir vertraust, dann geh über diese Brücke." Sein Begleiter hakt noch einmal nach: "Und wenn ich nicht drüber gehe - magst du mich dann weniger?" Der Bergführer lächelt: "Wenn du nicht über diese Brücke gehst, dann mag ich dich deswegen nicht weniger. Aber - dann kommst du nicht weiter!"
Wenn wir auf Jesus vertrauen, dann vertrauen wir auch darauf, dass das, was er sagt, das Beste für uns ist. Und wenn unser Christsein ein bisschen langweilig geworden ist, ein bisschen vorhersehbar, ein bisschen routiniert - dann können wir eine kräftige Dosis Praxis vertragen:
4) Welche Konsequenz folgt?
Es wäre ja ein bisschen witzig, wenn diese Predigt damit enden würde, dass ich sage: "Jetzt wollen wir nächste Woche einmal darüber nachdenken, was Jesus sagt." Das wäre so, als wenn da eine Gruppe von Menschen zusammensitzt, eine Tür und ein Fenster stehen offen, es zieht. Und jemand sagt: "Es zieht." Alle anderen nicken bedächtig und sagen: "Das ist wohl wahr." Jemand anderes sagt: "Jemand müsste mal die Tür schließen." Alle andern nicken wieder tiefsinnig und sagen: "Das ist wohl richtig." Aber nichts passiert!
Ich möchte daher einen Vorschlag machen: Nehmen wir uns nächste Woche doch einmal Zeit, die Bergpredigt durchzugehen. Matthäus 5-7. Und greifen wir uns einen Punkt heraus von dem, was Jesus sagt. Er sagt ja vieles, aber fangen wir mal mit einem Punkt an. Und versuchen diesen Punkt eine Woche lang umzusetzen. Man könnte z.B. - das ist aber nur ein mögliches Beispiel - sich das vornehmen, was Jesus am Anfang von Mt 7 sagt: "Urteilt nicht über andere" - denn nach dem Maßstab, nach dem ihr andere beurteilt, werdet ihr auch selbst beurteilt. Deswegen nicht urteilen, sondern erst einmal nachfragen, nicht über Menschen reden, sondern mit ihnen... Ich habe mal von einem Hauskreis gehört, der hat vereinbart: "Jetzt versuchen wir einmal eine Woche lang, jeder für sich, nichts Negatives über Abwesende zu sagen. Und dann erzählen wir uns nächste Woche, wie es war."
Wenn wir so etwas oder etwas Ähnliches probieren, werden wir mindestens zwei Erfahrungen machen. Erstens: Wir schaffen das nicht auf Dauer. Wir werden ausrutschen. Aber Jesus greift nach unserer Hand, zieht uns hoch und stellt uns wieder auf die Beine und sagt: Macht nichts. Probier's noch mal! - Fehler sind also erlaubt - entscheidend ist, dass wir danach wieder neu anfangen.
Die zweite Erfahrung, die wir machen werden, ist: Da wo es wirklich funktioniert, wo sich wirklich etwas verändert, da sind das gar nicht nur wir selbst. Sondern da sind wir in enger Verbindung mit Jesus, und sein Geist wirkt in uns. Nur dann verändert sich wirklich und auf Dauer etwas.
Das könnte eine spannende Woche werden! Und ein spannendes Leben sowieso. Amen.