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Predigttext

Ein Traum von Welt
17-07-05 10:00
Alter: 5 yrs


VON: MATTHIAS CLAUSEN



Jesaja 2,1-5


1 In einer Vision empfing Jesaja, der Sohn des Amoz, diese Botschaft für Juda und Jerusalem: 2 Am Ende der Zeit wird der Berg, auf dem der Tempel des Herrn steht, alle anderen Berge und H¸gel weit ¸berragen. Menschen aller Nationen strˆmen dann herbei. 3 Viele Völker ziehen los und rufen einander zu: "Kommt, wir wollen auf den Berg des Herrn steigen, zum Tempel des Gottes Israels! Dort wird er uns seinen Weg zeigen, und wir werden lernen, so zu leben, wie er es will." Denn vom Berg Zion aus wird der Herr seine Weisungen geben, dort in Jerusalem wird er der ganzen Welt seinen Willen verk¸nden. 4 Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern, und unter den Nationen spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; niemand lernt mehr, Krieg zu führen. 5 Kommt, ihr Nachkommen Jakobs, wir wollen schon jetzt mit dem Herrn leben. Er ist unser Licht!

 

Liebe Gemeinde,

wenn man kreativ sein will, muss man manchmal in ungewohnten Bahnen denken. Wenn man z.B. eine kreative Lösung für ein schwieriges Problem finden möchte, empfiehlt es sich manchmal, etwas ganz Neuartiges, noch nie Dagewesenes zu denken. Dazu braucht man Fantasie - und die kann man trainieren. Indem man sich z.B. eine Frage stellt wie die folgende: Was wäre, wenn alle Polizisten "Günter" hießen? Was hätte das für Konsequenzen?

 

Nachdem wir auf diese Weise unsere Fantasie trainiert haben, können wir uns ernsteren Fragen zuwenden. Z.B. einer Frage wie dieser: Wie müsste es in meinem persönlichen Umfeld aussehen, wenn alles in Ordnung wäre? Denken wir darüber einmal nach.- Oder: Wie müsste es in der Stadt Essen aussehen, wenn alles in Ordnung wäre? Und schlie?lich: Wie müsste es in der Welt aussehen, wenn alles in Ordnung wäre?

 

Die Antwort auf solche Fragen ist umso interessanter je nachdem, wer sie gibt. Bei allem Respekt: Wenn ich z.B. frage: Wie müsste in der Bundesrepublik Deutschland in Zukunft aussehen - da würde mich die Antwort von Verona Feldbusch dann doch weniger interessieren als die von Richard von Weizsäcker, oder von Helmut Schmidt.

 

In unserem Predigttext haben wir Gottes Antwort auf die Frage, wie er sich die Welt eigentlich vorstellt. Wir haben das Bild einer Welt vor Augen, die ganz Gottes Vorstellungen entspricht. Dieses Bild ist 2700 Jahre alt; es stammt aus einer Zeit, in der nach menschlichem Ermessen überhaupt nichts darauf hindeutete, dass es einmal so sein wird. Israel steht im Mittelpunkt dieses Bildes, und das Israel der damaligen Zeit war ein kleiner Randstaat, hin- und hergesto?en in den Kämpfen der damaligen Großmächte - in diesem Fall waren das die Assyrer und die Ägypter.

 

In dieser Zeit nun schenkt Gott dem Propheten Jesaja eine Vision. Dieser Jesaja gibt die Vision an die Nachwelt weiter - und wir merken es: Er sieht mehr als er versteht. Er versteht nicht alles, was er da sieht, sondern beschreibt es, so gut er kann. Und was er sieht, ist Atem beraubend:

 

1) Ein Traum von Welt

Siehe V2a. Haben Sie die Silhouette von Jerusalem heute vor Augen? da sieht man ein dichtes Häusermeer, die Dächer von Synagogen und Moscheen. Auch den Tempelberg kann man durchaus sehen - aber er überragt nicht den Rest. Das heißt: Er ist mittendrin, er ist Teil des Geschehens, Teil der Auseinandersetzung; er ist selbst Teil des des Problems. Vielleicht kennen Sie ja diese Redewendung: Da steht eine Gruppe von Menschen zusammen und diskutiert über irgendein Problem, und man selbst stellt sich dazu und bleibt ganz still - aber auf einmal dreht sich einer von den andern zu einem um und fragt: "Und du? Trägst du zur Lösung bei oder bist du ein Teil des Problems?"

 

Der Tempelberg heute ist Teil des Problems - und genau hier zeigen sich die Probleme der ganzen Welt: Angst vor Terror, Konflikte, Beten und Polizeischutz; und wenn ein hochrangiger Politiker den Berg besucht, dann reicht eine kleine falsche Geste, um einen Tumult zu verursachen.

 

Genau hier zeigen sich die Probleme der ganzen Welt - und genau hier wird die neue Welt sichtbar. Genau hier fängt Gott mit seiner neuen Welt an.

 

Der Ort ist dabei kein Zufall: Der Tempelberg, der Berg Zion, der Mittelpunkt Israels: Das ist kein Zufall, denn Israel, das ist "Gottes erste Liebe". Es ist kein Zufall, dass Gottes Geschichte mit diesem Volk begonnen hat, und wir als Christen sind diesem Volk bleibend verpflichtet. Jesus selbst sagt in Joh 4,22: "Das Heil kommt von den Juden." Aus diesem Volk kommt der Messias, der Mensch gewordene Gott, von dem wir leben.

 

Und weiter, siehe V2b-3a: Haben Sie sich auch schon mal gewünscht, dass Menschen zum Gottesdienst "strömen"? Hier in Burgaltendorf sieht es ja schon ganz gut aus - und das sogar mitten in den Ferien - aber wäre es nicht schön, wenn einmal ganz Essen zu einem Gottesdienst strömte? Hier im Text strömen alle: Alle Nationen. Das heißt auch: Israelis und Palästinenser, Amerikaner und Irakis, Pakistanis und Inder, Serben und Kroaten, Russen und Tschetschenen, ja sogar Schwaben, Sachsen und Westfalen: Alle strömen - und alle fragen nach Gott. Das heißt: Alle erkennen ihn an. In Phil 2,11 heißt es, am Ende der Zeit werden alle Menschen die Knie beugen und anerkennen, dass Jesus der Herr ist. Stellen wir uns also in diesem Moment einmal die ganze Welt vor, all die Menschen, die auf ihr leben, in ihren Häusern, auf der Straße, auf dem Feld. In diesem einen Moment all die unzähligen Menschen. Und stellen wir uns vor: Alle diese Menschen beugen die Knie und sagen: Ja, Jesus, du bist der Herr.- Einige sagen auch: Das haben wir nicht gewusst, das haben wir nicht wahrhaben wollen, aber jetzt sehen wir es.

 

Alle fragen nach Gott - und Gott? Siehe V3b-4a: Gott spricht Recht, das heißt: Gott bringt alles zurecht, er bringt alles in Ordnung. Merken Sie, dass an dieser Stelle die Vorstellung eines Richter-Gottes durchaus etwas Tröstliches hat? Wir sind als Christen ja so sehr daran gewöhnt, das Gericht als etwas Erschreckendes anzusehen. Und uns zu freuen, dass wir in Jesus Christus schon durch das Gericht hindurch sind. Und das stimmt ja auch! Aber hier ist das Gericht durchaus etwas Positives. Stellen wir uns einen Menschen in einem ungerechten Regime vor: Er sitzt im Gefngnis, weil er etwas Kritisches über die Regierung gesagt hat. Er weiß, es gibt in diesem Land keine ordentliche Gerichtsbarkeit; ihn erwartet ein fadenscheiniger Prozess und am Ende vielleicht die Todesstrafe. Er kann sich nicht helfen, denn er lebt in einem durch und durch korrupten System. Würden wir diesen Menschen nun fragen: Was ist das, was du zur Zeit am dringendsten brauchst? Dann würde er wohl sagen: Einen gerechten Richter.- Der Gott, an den wir glauben, ist der vertrauenswürdigste, gerechteste Richter, den es gibt; deswegen ist die Aussicht auf sein Gericht durchaus auch trˆstlich. Wenn Gott Gericht hält, dann bringt er alles in Ordnung.

 

Und das schließt auch das ein, was wir in V4b lesen. Stellen wir uns das einmal vor: Die ganze Welt ist erfüllt von Hammerschlägen, mit denen Panzer zerlegt werden, damit landwirschaftliche Geräte daraus werden; aus den Teilen von Kampfjets werden noch coolere, noch auffälligere Smarts gebaut - ich hätte große Lust, an dieser Stelle weiter zu schwärmen, aber es bleibt natürlich eine Frage: Wie entsteht denn diese neue Welt?

 

2) ... und wie sie entsteht

Der Text verleitet zu Ausrufezeichen, zu Aufforderungen nach dem Motto: Wir sollten, wir müssten... uns endlich mehr für Frieden engagieren, für Gerechtigkeit... usw. Und das stimmt auch - das sollten wir wirklich. Nur: Das steht so nicht im Text. Das Bild, das Jesaja bekommt, ist nicht mit einer konkreten Handlungsanweisung verbunden. Stattdessen wird gesagt: Diese Welt schafft Gott ganz allein - denn es heißt ja: "am Ende der Zeit" wird das alles geschehen. Das Ende der Zeit ist die Zeit, in der Gott sich unmissverständlich zeigen wird.

 

Das heißt, diese neue Welt entsteht nicht durch einen allmählichen Prozess, in dem alles langsam immer besser wird. An dieser Stelle ist das Menschenbild der Bibel ausgesprochen realistisch. Es besagt nämlich: Wir Menschen sind zu gro?artigen Dingen in der Lage - wir sind interessant, komplex, schön - wir sind zugleich aber auch zu sehr furchtbaren Dingen in der Lage, wir sind in uns gebrochen. Und diese Gebrochenheit kriegt man auch durch die besten pädagogischen und psychologischen Techniken nicht weg. Der einzige, der etwas an dieser Gebrochenheit ändern kann, ist Gott selbst.

 

Gott selbst schafft also diese neue Welt - am Ende der Zeit. Wann ist das "Ende der Zeit"? Vom Neuen Testament her kann man sagen: Es war schon: Nämlich als Jesus von den Toten auferstanden ist. Als er den Tod überwunden hat, hat er damit auch das Ende der alten Welt eingeläutet. Besiegelt wird dieses Ende sein, wenn er wiederkommt, für alle Welt sichtbar und eindeutig. Wir wissen nicht wann das sein wird, aber wir wissen, dass es geschehen wird.

 

Hei?t das also, wir sollten einfach abwarten? (Und uns vor den Fernseher setzen und das Ende der alten Welt anschauen, links die Chipstüte, rechts das Rotweinglas?) Nein, und nochmals nein. Ganz im Gegenteil. Denn - und das ist wichtig: Schon die Aussicht auf Gottes neue Welt verändert unser Verhalten in dieser Welt:

 

3) ... und was das mit uns macht

Den Satz "Was macht das mit dir?" traue ich mich ja kaum noch ohne Anführungszeichen auszusprechen. Wer schon einmal pädagogische oder psychologische Seminare belegt hat, kann diesen Satz wahrscheinlich auch nicht mehr hören. Hier aber ist er berechtigt: Denn gerade die Tatsache, dass Gott selbst diese neue Welt schaffen wird - gerade diese Tatsache verändert unsern Umgang mit der alten Welt.

 

Wir sagen uns nämlich: Wenn das die neue Welt ist, auf die wir zuleben - dann wollen wir uns mit der alten, so wie sie ist nicht zufrieden geben. Siehe V5. Wir haben einen Geschmack bekommen von der neuen Welt und sagen uns: Ich sehe gar nicht ein, warum ich nicht jetzt schon nach den Regeln dieser neuen Welt leben sollte.

 

Dabei geht es nicht darum, die neue Welt Gottes nun doch selbst zu "erzeugen". Es geht nicht darum zu erzeugen, sondern zu bezeugen. Deutlich zu machen, worauf wir zuleben. Und das deutlich zu machen nicht nur, indem wir davon reden, sondern auch, indem wir entsprechend handeln.

 

Solches Handeln hat immer auch eine gesellschaftliche Dimension. Ein Problem vom Christsein in unsern Breitengraden ist oft, dass wir es als reine Privatsache ansehen - als etwas, das nur Gott und mich betrifft, mich und Gott. Von der Bibel her ist es aber eindeutig, dass der Glaube immer auch die Gesellschaft betrifft. Dass Glaube immer auch eine politische Dimension hat.

 

Ein konkretes Beispiel dafür ist unsere Haltung zu Kriegen und militärischer Gewalt. Natürlich ist das ein schwieriges Thema, das man nicht "eben mal" klären kann. Und natürlich könnte man schon sagen, dass es Situationen gibt, in denen es schrecklicherweise notwendig sein kann, militärische Gewalt einzusetzen - z-B. um einen Völkermord zu verhindern. Aber die Leichtfertigkeit, mit der in den letzten Jahren zu militärischer Gewalt als einem Mittel der Politik gegriffen wurde - die sollte uns als Christen schon erschrecken. Und um noch konketer zu werden: Die Leichtfertigkeit, mit der eine amerikanische Regierung, deren Oberhaupt sich selbst als Christ begreift, das Militär einsetzt - das passt nicht zu dem, wie hier in unserem Text vom Krieg geredet wird: Gott will ihn nicht. Gottes Sehnsucht und Wille für seine neue Welt ist, dass dort kein Krieg mehr sein wird. Deswegen ist es für Christen logisch, gegen kriegerische Politik die Stimme zu erheben.

 

Und wie gesagt: Der Grund dafür, dies zu tun, ist nicht die Vorstellung, man könnte die neue Welt nach Gottes Geschmack nun doch selber entstehen lassen. Sondern der Grund ist die Aussicht auf genau diese Welt, die Gott selbst schaffen wird. Und diese Aussicht inspiriert uns stärker, sie wirkt stärker als jeder moralische Druck.

 

Da steht ein Mann vor einer riesigen Menschenmenge, die ihn erwartungsvoll ansieht. Unzählige Menschen, die gekommen sind, um ihm zuzuhören. Mitten in einer angespannten gesellschaftlichen Lage. Der Mann tritt hinters Mikrofon, sieht noch einmal in die Menge und schweigt. Dann öffnet er den Mund und fängt an zu reden:

 

"Ich habe einen Traum. (...) Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Farbe ihrer Haut, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. (...) Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, "und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen." Dies ist unsere Hoffnung."

 

Der Mann hei?t Martin Luther King, ist Baptistenpastor - und er lebt von der Hoffnung auf den Himmel. Diese Hoffnung, dieses Bild, das er vor Augen hat, das motiviert ihn - und deshalb gibt er sich mit dieser Welt, so wie sie ist, nicht zufrieden. Und bewirkt in seiner Zeit, in seinem Land Gro?es.

 

Das ist das, was passieren kann, wenn man sich von der Aussicht auf Gottes Welt inspirieren lässt. Das ist das, was passieren kann, wenn man sich von der Kreativität Gottes anstecken lässt. Amen.








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