Johannes 6,28-35
28 Da fragten sie ihn (Jesus): "Was sollen wir tun, um Gottes Willen zu erfüllen?" 29 Er erwiderte: "Nur eins erwartet Gott von euch: Ihr sollt an den glauben, den er gesandt hat." 30 "Wenn wir an dich glauben sollen", wandten sie ein, "musst du uns schon beweisen, dass du im Auftrag Gottes handelst! Kannst du nicht ein Wunder tun? Vielleicht so eines wie damals, 31 als unsere Vorfahren in der Wüste jeden Tag Brot aßen? Es heißt doch in der Heiligen Schrift: 'Er gab ihnen Brot vom Himmel.'"
32 Jesus entgegnete: "Ich versichere euch: Nicht Mose gab euch das Brot vom Himmel! Das wahre Brot vom Himmel gibt euch jetzt mein Vater. 33 Und nur dieses Brot, das vom Himmel kommt, schenkt der Welt das Leben." 34 "Herr, gib uns jeden Tag dieses Brot!", baten ihn alle.
35 "Ich bin das Brot des Lebens", sagte Jesus zu ihnen. "Wer zu mir kommt, wird niemals wieder Hunger leiden, und wer an mich glaubt, wird nie wieder Durst haben."
Liebe Gemeinde!
Kennen Sie das Gesetz von der Erhaltung der Unzufriedenheit? Das funktioniert folgendermaßen:
Da ist man auf der Schule, und die Schule ist zwar ganz nett und interessant, aber oft auch nervig. Und man denkt sich: "Wenn ich erst mal die Schule hinter mir habe und in der Ausbildung oder im Studium bin - dann geht's mir gut." Dann ist man in der Ausbildung oder im Studium, und man wird gewahr: "Oh nein - da gibt es ja noch die Abschlussprüfung - das Examen!" Und man sagt sich: "Wenn ich das erst mal hinter mir habe - dann geht's mir gut!" Dann ist man auf Arbeitsplatzsuche, und man sagt sich: "Wenn ich erst mal eine Arbeitsstelle habe - dann geht's mir gut!" Und dann: "Wenn ich erst mal die Partnerin / den Partner fürs Leben gefunden habe - dann geht's mir gut.- Wenn wir erst mal Kinder haben - dann geht's uns gut.- Wenne rst mal die Kinder aus dem Gröbsten raus sind - dann geht's uns gut.- Wenn ich erst mal die Midlife-Crisis überwunden habe - dann geht's mir gut.- Wenn ich erst mal in Rente bin - dann..."
Dass man mich richtig versteht: Ich finde es völlig in Ordnung, sich auf Dinge zu freuen, die in der Zukunft liegen. Allerdings sollte man deswegen nicht die Grundfragen an das Leben immer weiter verschieben. Z.B. die Frage: "Was macht eigentlich mein Leben wertvoll, gelungen?" Könnte doch sein, dass die Antwort auf diese Frage ganz woanders liegt? Dass die Frage selbst berechtigt ist - diese Unruhe, die wir verspüren. Nur: Dass die Antwort auf diese Unruhe ganz woanders zu finden ist.
Die Bibel sagt: Es gibt eine Antwort auf diese Unruhe. Und es wird Sie nicht überraschen, dass sich diese Antwort zufälligerweise in unserem Predigttext findet. Um sie zu verstehen, müssen wir allerdings zunächst Anlauf nehmen und zwei Fragen an den Text richten:
1) Welches Zeichen würde reichen?"
Ich lese V.28 und 29: 28 "Da fragten sie ihn (Jesus): 'Was sollen wir tun, um Gottes Willen zu erfüllen?' 29 Er erwiderte: 'Nur eins erwartet Gott von euch: Ihr sollt an den glauben, den er gesandt hat.'"
Wie "wenig" erwartet Gott, erwartet Jesus hier: Nur, dass wir an den glauben, den Gott gesandt hat, an Jesus Christus. Wie viele Erwartungen könnte er an uns richten - und wie wenig erwartet er hier von uns. Das ist ganz anders als die Vorstellung von Christsein, die viele Menschen heute haben. Wenn man nämlich durch die Straßen von Burgaltendorf ginge und Menschen fragte: "Sind Sie Christ?" - würde man wahrscheinlich öfters die Antwort bekommen: "Naja, ich bemühe mich." Oder auch: "Das würde ich von mir nicht zu behaupten wagen." Da hinter steckt die Vorstellung, dass ein Christ ein moralisch vorbildlicher Mensch ist - und wer würde das schon selbst von sicht behaupten wollen.
Es geht aber beim Christsein in erster Linie gar nicht darum. Natürlich hat der Glaube auch Auswirkungen auf unser Verhalten, verändert uns. Das ist aber nicht der Kern. Es geht beim Glauben zuerst nicht um unser Verhalten, sondern zuerst um unsere Identität. Stellen wir uns nur mal vor, ich würde jemanden fragen: "Sind Sie ein Mann?" Und der würde sagen: "Ich bemühe mich." Oder auch: "Das würde ich von mir nicht zu behaupten wagen
Wie wenig ist es also, was Jesus hier erwartet. Und wie schwer fällt es seinen Zuhörern. Ich lese aus V.30:
"'Wenn wir an dich glauben sollen', wandten sie ein, 'musst du uns schon beweisen, dass du im Auftrag Gottes handelst!'"
Das wirkt zunächst verständlich: Jesus fordert sie auf, an ihn zu glauben. Und sie sagen: 'Das wollen wir ja tun - aber sag uns erst einmal Gründe. Gib uns ein Zeichen, damit wir an dich glauben können.'
Es wirkt also verständlich; interessanter wird es allerdings, wenn man die Vorgeschichte in den Blick nimmt. Jesus ist im Johannesevangelium nämlich schon einmal aufgefordert worden, ein Wunder zu tun - in Kapitel 2, nachdem er die Händler aus dem Tempel getrieben hat, fragen ihn die Menschen: 'Mit welcher Autorität tust du das eigentlich?!' Und Jesus tut einige Zeichen - das können wir in den folgenden Kapiteln lesen. Er heilt Menschen - unter anderem einen Mann, der vorher 38 jahre lang krank war. Und er gibt 5000 Menschen zu essen - davon wird nur ein paar Verse vor unserem Text berichtet. Er hat nur fünf Brote und zwei Fische zur Verfügung, und macht damit 5000 Menschen satt.
Das Witzige ist nun: Seine Zuhörer fordern jetzt noch einmal etwas ganz ähnliches. Ich lese weiter aus V.30 und V.31:
"Kannst du nicht ein Wunder tun? Vielleicht so eines wie damals, 31 als unsere Vorfahren in der Wüste jeden Tag Brot aßen? Es heißt doch in der Heiligen Schrift: 'Er gab ihnen Brot vom Himmel.'
Genau das hat Jesus doch gerade getan! Und es war unübersehbar.- Manche sehen es und begreifen es doch nicht. Manche haben das, worum es geht, direkt vor sich und begreifen es nicht. Während meiner Studienzeit in Heidelberg haben wir mit der dortigen christlichen Studentengruppe, der SMD, eine große Hochschulevangelisation veranstaltet; eine Vortragsreihe, bei der zum Glauben eingeladen wurde.
Wir haben kräftig Werbung gemacht und die ganze Stadt tapeziert mit Plakaten, und haben Tausende von Prospekten verteilt. Dann sind wir zu Beginn der Vortragsreihe mit einer Videokamera durch Heidelberg gelaufen und haben Menschen zu unserer Veranstaltung interviewt - ob sie schon mal davon gehört hätten usw. Viele hatten davon gehört, manche nicht. Ich erinnere mich noch genau an eines der Bilder aus diesen Interviews: Da stand ein Student direkt vor einer großen Wand, vielleicht 3x3 Meter, die vollkommen zugeklebt war mit unseren Plakaten. Und wir fragten ihn: "Hast du schon mal von unserer Vortragsreihe gehört?" Und er sagte: "Nö, noch nie." Manche haben es direkt vor sich und begreifen es doch nicht.
So ähnlich ist es auch bei einigen der Zuhörer Jesu hier. Und trotzdem sagen sie: 'So ein Wunder wie damals, das würde uns reichen.' Eine mögliche Antwort darauf wäre nun, zurückzufragen: 'Wirklich?' Denn die Geschichte lehrt ja immerhin das Gegenteil. Das können wir an den anderen Wundern ablesen, die Jesus tut - manche glauben daraufhin, andere nicht. Das Wunder allein wirkt also nicht automatisch.- Das kann man auch an der Geschichte vom Manna-Wunder im Alten Testament selbst ablesen: Da lässt Gott Manna vom Himmel fallen und ernährt so die Israeliten. Aber es dauert nicht lange, bis sie wieder anfangen zu murren und sich zu beschweren.
So also könnte man also antworten - man könnte fragen: 'Würde euch ein solches Zeichen denn wirklich reichen?' Doch Jesus antwortet noch überraschender - V.32:
"Jesus entgegnete: 'Ich versichere euch: Nicht Mose gab euch das Brot vom Himmel! Das wahre Brot vom Himmel gibt euch jetzt mein Vater.'"
Das heißt, Jesus sagt: 'Merkt ihr, was ihr da fordert?!' Denn das Manna-Wunder kam ja nicht von Mose, sondern hinter Mose stand Gott. Wenn die Menschen nun also ein ähnliches Zeichen von Jesus selbst einfordern - dann müssten sie zugestehen, wenn es eintrifft: Jesus handelt an Gottes Stelle. Er ist Gott gleich. Und genau darum geht es Jesus ja auch. Dass er sagt: 'In mir begegnet euch Gott - darum geht es hier. Denn nur so wird euer Hunger wirklich gestillt.' Nur in Verbindung mit Gott wird unser tiefer Hunger nach Leben gestillt. Deswegen ist es so wichtig, dass Jesus beansprucht: Dieser Gott begegnet euch in meiner Person. Ich lese aus V.32 und V.33:
"Das wahre Brot vom Himmel gibt euch jetzt mein Vater. 33 Und nur dieses Brot, das vom Himmel kommt, schenkt der Welt das Leben."
Damit sind wir bei der zweiten Frage, die uns in den Text führt:
2) Welche Nahrung nährt mich wirklich?
Verschiedene Sorten von Nahrung nähren ja unterschiedlich gut. Das kann man prima nachvollziehen, wenn man z.B. zu McDonalds geht. (Wobei man dort auch eine wundersame Bevölkerungs-Vermehrung erleben kann. Denn alle sagen ja: 'Da gehe ich nicht hin.' Wenn man aber da ist, ist der Laden voll. Woraus man übrigens auch ersehen kann, dass ich auch schon mal da war. Aber nur ganz selten.) Um uns wirklich zu sättigen, braucht es schon etwas Substanzielleres. In unserem Text ist das ähnlich - in V.33 sagt Jesus ja:
"Und nur dieses Brot, das vom Himmel kommt, schenkt der Welt das Leben."
Und was ist die Reaktion seiner Zuhörer? Sie fragen nach - V.34: "'Herr, gib uns jeden Tag dieses Brot!', baten ihn alle." Eventuell ahnen sie, dass mehr im Spiel ist. Und dass es sich lohnt, nachzufragen.
"Nur dieses Brot..." sagt Jesus. Das heißt, er sagt: 'Eure Bedürfnisse sind berechtigt. Eure tiefe Sehnsucht nach Leben ist berechtigt. Es kommt nur darauf an, sie an die richtige Adresse zu richten.' Und diese Adresse ist Jesus selbst - V.35:
"Ich bin das Brot des Lebens", sagte Jesus zu ihnen. "Wer zu mir kommt, wird niemals wieder Hunger leiden, und wer an mich glaubt, wird nie wieder Durst haben."
Das gilt es andern zu vermitteln: Dieses Gefühl: 'Das kann doch nicht alles gewesen sein. Das Leben ist doch noch mehr. Und: Ich bin noch mehr-' - dieses Gefühl stimmt, es ist berechtigt. Es kommt nur darauf an, es an die richtige Adresse zu richten. Nicht von den Dingen um uns herum zu erwarten, dass sie unsere tiefe Sehnsucht nach Leben stillen.
Vielleicht sind Sie auch schon mal in Ihrer Wohnung von einem Zimmer ins nächste gegangen - sagen wir mal von Zimmer A nach Zimmer B. Und Sie wollten in Zimmer B irgendwas erledigen. In dem Moment, wo sie über die Schwelle treten, haben Sie aber vergessen, was Sie dort eigentlich tun wollten. Sie wissen nur noch, dass Sie dort irgend etwas tun wollten.- So ähnlich ist das bei manchen Menschen, die Gott vergessen haben. Sie merken - vielleicht -, dass etwas fehlt. Sie wissen nicht mehr, was das ist, das da fehlt. Aber sie spüren eine Lücke. Wir können Ihnen sagen, für wen unsere Sehnsucht 'gemacht' ist.
Bei uns dagegen ist es eventuell anders: Vielleicht sidn wir fast schon immun durch Gewöhnung. Wenn man nämlich solche Sätze wie den vom Brot des Lebens oft hört, kann man sich daran gewöhnen. Und man merkt gar nicht mehr, wie grandios, wie explosiv dieser Satz ist. Vielleicht haben Sie auch schon mal eine großartige Stadt besucht - sagen wir mal Berlin, oder Rom, oder Paris - und haben dort jemanden besucht, der dort wohnte. Und erzählten ihm dann, wie begeistert Sie von dieser Stadt sind. Und er sagt vielleicht: 'Och, naja, aber die Parkplatzsituation ist schlecht, und die Abgase, und überhaupt...' Weil er sich so sehr an seine Umgebung gewöhnt hat.
Wir kennen die großen Wahrheiten - und was würde passieren, wenn wir sie einmal für ein paar Mnuten hunderprozentig ernst nähmen... Was könnte dann alles passieren! Wenn wir ernst nähmen, dass unsere tiefsten Lebensfragen bei Jesus ihre Antwort finden. Dass unsere tiefsten Bedürfnisse bei ihm gestillt werden, und nicht durch die Dinge um uns herum. Das würde uns sehr viel gelassener und sicherer machen. Und das könnte auch nach außen ausstrahlen.
Vor ein paar Jahren habe ich auf einer großen christlichen Studentenkonferenz mitgearbeitet - mit vielen hundert Studierenden. Unter den Teilnehmern war auch eine Studentin, von der ich wusste, dass sie keine Christin ist. Das sagte sie auch selbst von sich, dass sie eher noch auf der Suche ist. Zu dieser Studentin bin ich regelmäßig hingegangen und habe sie gefragt: "Ist das okay für dich, dass hier ständig alle um dich rum beten und fromme Lieder singen?" Und sie sagte: "Ja, ist schon in Ordnung, ich wusste ja, dass das eine christliche Veranstaltung ist. Mir ist nur etwas aufgefallen: Ihr Christen, ihr seid anders."
Und ich machte mir schon Sorgen, was sie jetzt sagen würde. Ob sie sagen würde: 'Ihr seid anders, denn ihr habt immer so komische Sandalen an, und ihr hört seltsame Musik, und ihr benutzt Worte, die sonst keiner benutzt' usw. Stattdessen sagte sie aber: "Bei den Menschen, mit denen ich sonst zu tun habe, erlebe ich oft so ein unterschwelliges Imponiergehabe. Sie wollen sich ständig beweisen, etwas darstellend. Und das ist manchmal anstrengend. Hier dagegen habe ich das so nicht erlebt. Die Menschen hier sind in sich ruhiger, gelassener. Wenn sie in den Veranstaltungspausen auf der Wiese zusammensitzen und Lieder singen, kann man sich dazusetzen, kann etwas sagen, muss aber nicht. Und alle haben Lust, gute Gespräche zu führen."
Ich war völlig verblüfft. Denn ich hatte sie ja nicht aufgefordert: 'Könntest du mal bitte etwas Nettes über Christen sagen?' Sondern das kam alles ganz spontan aus ihr heraus. So können Christen sein - und so sind sie ja leider nun wirklich nicht immer. Aber so können sie sein - wenn sie ihre eigenen Überzeugungen ernst nehmen. Wenn sie die Stillung ihrer tiefsten Bedürfnisse von Jesus erwarten.
Und damit ist ja nicht etwa gemeint: 'Komm zu Jesus, und du hast keine Probleme mehr.' So einfach ist das nicht. Die Probleme können durchaus bestehen bleiben. Was sich aber ändert, ist: Wir wissen, aus welcher Richtung wir die Antwort erwarten. Wir suchen die Antwort nur bei Jesus.
Und deswegen wollen wir uns den Kernsatz dieses Textes noch einmal auf der Zunge zergehen lassen:
"Ich bin das Brot des Lebens"
"Ich bin" - zwei Worte wie ein Glockenschlag. "Ich bin", und bei den Zuhörern Jesu klingen alle alttestamentlichen Glocken. Und sie denken: "'Ich bin', das ist doch die Selbstvorstellung Gottes im Alten Testament. 'Ich bin, der ich bin.'" Wenn Jesus hier diese Worte gebraucht, stellt er sich damit Gott gleich. Und sagt: 'Dieser Gott begegnet euch in mir.'
"Ich bin das Brot..." - er sagt nicht: 'Ich kenne das Brot, und ich kann euch zeigen, wie es gemacht wird; ich kann euch das Rezept geben.' Er sagt: 'Ich bin das Brot.' Es geht beim Christsein nicht um ein Rezept, sondern um eine Begegnung - die Begegnung mit Jesus selbst.
"Ich bin das Brot" - das heißt, das, was wir am dringendsten und jeden Tag brauchen. Unser Grundnahrungsmittel.
"Ich bin das Brot des Lebens" - er sagt nicht: 'Ich bin das Pausenbrot, oder das Frühstücksbrot.' Sondern: "Ich bin das Brot des Lebens." Das heißt, er sagt: 'Ich bin nicht einfach eine mögliche Antwort auf eure Sehnsucht nach Leben. Ich bin die Antwort.' Die eine Antwort, auf die alles ankommt. Jesus ist das Brot des Lebens. Von ihm erwarten wir alles. Das zu erleben und neu zu schmecken, das schenke uns Gott. Amen.