1.Samuel 16, 7; Jahreslosung 2003
Text: 1. Samuel 16,7 Jahreslosung
Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.
Stichworte: Auge Gottes, Herz
Liebe Gemeinde,
Was sehen wir Menschen? Was sieht Gott?
Wir Menschen sehen das, was gefällig ist, was gefällt und deswegen ins Auge springt:
die schönen Auslagen in den Schaufenstern, die Ware in den Hochglanzprospekten, die Schnäppchenangebote.
Wir sehen das Nächstliegende, das Offensichtliche.
Wir sehen das Augen-scheinliche: den Schein für die Augen
Darum setzen wir viel dran, dass wir einander gefallen, dass die Augen der anderen Menschen zufrieden sind.
Frauen gebrauchen Make-Up, Männer setzen auf gewissen Statusmerkmale – wir wollen Eindruck machen und Imponieren – daran ist auch erst mal nichts Verkehrtes.
Bei einem schönen Essen, sagt man, essen sogar die Augen mit.
Psychologen haben herausgefunden, dass der sog. 1. Blick, die ersten Sekunden der Wahrnehmung einer Person, entscheidend für die nachfolgende Begegnung ist:
- ist die Krawatte des Gegenübers schief herunterhängend, haben wir schon eine bestimmte Meinung
- sind die Haare durcheinander, signalisiert das Stress
Weil der Mensch stark vom Auge abhängt, zielt die Werbung aufs Auge – und man spricht von sog. ‚Eye-catchern‘, Augenfängern. Das ist zB bei der Bild-Zeitung fast immer eine aufreizende Frau auf der ersten Seite; oder ein dramatischer Titel..
- Der ‚erste Blick‘:
wir sprechen sogar von der ‚Liebe auf den ersten Blick‘.
Doch ich wette, dass die stabilen Partnerschaften nicht durch den ersten Blick, sondern eher durch den zweiten, dritten Blick begründet wurden.
Wir haben die schmerzvolle Erfahrung gemacht, dass der sog. erste Blick und damit die erste Einschätzung total falsch sein kann:
- das Hemd in dem Hochglanzprospekt stellte sich als schlecht heraus, die Nähte gehen auf.
- Das billige PC hat einen Pferdefuss, der Lüfter ist so schrecklich laut – usw..
- In den Feinschmecker Restaurants wird zwar lecker garniert : aber wenn wir uns informieren, bestehen die Essens-Zutaten oft aus vorgefertigten, tiefgekühltem Essen.
Wir kennen solchen Ärger, und dann sagen wir: hätten wir doch nicht gleich dem ersten Eindruck nachgegeben. Hätten wir doch das Kleingedruckte gelesen. Hätten wir doch mehr Geduld gehabt. Hätten wir die Sache von mehreren Seiten beleuchtet.
Was sieht Gott?
Gott sieht viel mehr. Er sieht alle Seiten. Er kennt das Kleingedruckte.
Er sieht zwar unsere Perspektive, aber auch viel mehr.
Er hat Überblick und er hat einen Blick in den für uns unsichtbaren Bereich hinein.
Während wir nur aus der Froschperspektive (Menschenperspektive) sehen, sieht Gott auch aus der Vogelperspektive (er sieht den Menschen von vorne, von hinten, von oben, von unten, von früher, von innen..). (Siehe die Lesung Psalm 139: Von allen Seiten umgibst du mich..)
Kleiner Test:
was würden sie bei diesem Bild denken? Welcher Mensch verdient ihr Vertrauen?
Wem würden sie zutrauen, dass er sie aus dem dunklen Wald führt, wenn sie sich verlaufen haben?
Folien auflegen....
Gott aber sieht das Herz an!
Gott sieht beide Seiten: vorne und hinten und sieht das Herz, das auf der Lauer liegt, um dem andern bei nächster Gelegenheit eins über die Rübe zu geben.
Gott sieht hinter die Kulissen –er sieht alle Motive.
Gott ist der beste Kardiologe, Herzspezialist.
Er weiß – auch ohne Stetoskop, Elektrokardiogramm, ohne Herzkatheter – wie es um das Herz steht, was wir in unserem Herzen bewegen.
Das Herz, das ist das Innerste.
-Da sind die geheimsten Wünsche, Sehnsüchte, Motive.
-Da sind auch die verdrängten und unguten Dinge.
-Da sind die Anfänge dessen, was später umgesetzt wird, was also dann zur Tat wird.
-Jeder Mord beginnt erst mal im Herzen.
-Aber auch: jede liebevolle Tat beginnt im Herzen.
-Jede Berufung hat ihren Anfang im Herzen.
Wenn ein Mensch ernste Probleme hat, hat er meist Herzprobleme.
Wenn er den Glauben unvernünftig findet und sich dauernd reibt, hat er weniger gedankliche Probleme, sondern eher Herzprobleme..
Es sind also zwei Ebenen: das, was wir Menschen sehen; und das, was Gott noch alles dabei sieht!
Folgen wir einmal der Sicht Gottes am Beispiel der Berufung des David durch Samuel – denn in diesem Zusammenhang steht unser Vers! (1.Samuel 16,7ff)
Samuel soll nach der Verwerfung des Sauls einen Nachfolger salben und wird von Gott nach Bethlehem zu Isai geschickt. Der hat 7 Söhne.
Gott sagt dem Samuel, dass er erstmal hingehen soll, und dann soll er dort Gott opfern, und anschließend wird ihm Gott zeigen, wer der neue König werden soll.
Da kommt der Erstgeborene Eliab, stolz und selbstsicher. Samuels Blick bleibt bei ihm hängen und er denkt: Das ist bestimmt der zukünftige König!‘
Doch Gott sagte: Lass dich von Aussehen und Größe nicht beindrucken. Er ist es nicht. Den ich urteile nach anderen Maßstäben als die Menschen. Und dann kommt unser Wort:
Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.
Dann kommt Abinadab. Auch hier sagt Gott dem Samuel: ‚Er ist nicht ausgewählt.‘
Das gleiche bei Schamma. Und so weiter. Alle sieben Söhne zogen an dem Propheten vorbei.
Und Samuel schlussfolgert gegenüber dem Vater Isai: „Keiner von ihnen ist auserwählt! Aber sind das wirklich alle deine Söhne?“ ‚Nein, sagt Isai, da hab ich noch den Jüngsten, aber der hütet Schafe und Ziegen. Er wurde geholt und Samuel wußte sofort: Der ist es. Er soll König werden. Und so salbte Samuel den David mit dem Öl aus dem Horn.
Das Herz Davids war demütig gegenüber Menschen und gegen Gott.
Und so wurde der Kleine, der immer im Schatten der Älteren stand und bei so einem hohen Besuch eines Propheten gar nicht vorgezeigt wurde, genau dieser Kleine wurde berufen.
Gottes sieht ins Herz. Seine Herz-Diagnose ist treffsicher.
Auch später, als David auf der Höhe seines Ruhmes ist, und sich auf einen Seitensprung mit Bathseba einlässt, ist Gottes Diagnose treffsicher. Der Prophet Nathan redet ihm messerscharf ins Gewissen, im Namen Gottes.
Denn genau diesen Ehebruch hat Gott gesehen.
„Du bist der Mann, der einem treuen Hauptmann das Beste geraubt hat und dabei gemein und schamlos die eigene Macht ausnutzend!“
Das Herz des David war aber nun nicht hart und verstockt.
Sein Gewissen war geschärft.
Und durch das Urteil des Propheten erkannte er seinen großen Fehler und bat Gott um Vergebung.
Der große König, der Berufene und Gesalbte demütigte sich, und macht sich klein vor Gott. Das war das eigentlich Große an David, dass er sich vor Gott klein machen konnte (genau das fehlte dem Saul)
Und dem demütigen und reumütigen David gab Gott Gnade.
Gnade vor Recht.
Eigentlich müsste er – nach dem königlichen selbstgesprochenen Urteil - sterben, aber Gott lässt ihn leben.
Gott sieht ins Herz.
Diese Feststellung schrecklich.
Erschreckend ist es wirklich, dass Gott alles sieht:
Es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du Herr nicht schon wüßtest.., so bekennt es David in dem berühmten Psalm 139.
Ich bin völlig aufgedeckt, ungeschützt vor den Augen Gottes.
Gott sieht alles! – dieser manchmal mißbrauchte Satz von Eltern zur Maßregelung der Kinder, ist genauso für die Eltern richtig: Gott sieht alles, alles, was wir nie einem andern sagen würden, was wir vor andern nicht zugestehen würden..
..dass wir als die frömmsten Christen die schrecklichsten Gedanken haben
(den andern umbringen; aus dem Leben aussteigen; aus der Ehe aussteigen; Geld unterschlagen; mit anderen Frauen oder Männern ins Bett gehen...)
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Recht mich halten...(V.7-10)
Haben wir schon mal einen heiligen Schrecken gehabt – wegen dieser Tatsache?
Uns fährt wohl ab und zu ein schrecken in die Glieder, wenn wir mit dem Auto an einem parkenden Polizeiauto vorbeifahren. Wir denken: zu schnell gefahren? Wurde ich beobachtet? Werde ich herausgewunken?
Ein gleicher Schrecken bei manchem Starenkasten: wurde ich geblitzt, erkannt? Hat das Auge des Gesetzes mich erwischt?
Wenn uns schon solche Situationen einen kleinen Schock versetzen, wie müßten wir dann zucken, wenn wir zuhause heimlich die Gebote übertreten?
Gott sieht alles – das ist zwar schrecklich, aber auch tröstlich.
In der Liturgie ist die Stille im Schuldbekenntniss genau die Stelle, wo wir unser Herz öffnen.
Auf dem Bild zur Jahreslosung ist oben ein Dreieck gemalt: das Auge Gottes.
Gott ist der Allmächtige und Allwissende.
Er sieht in dem Stückwerk unseres Lebens und unseres Erkennens alles genau.
Er hat den Überblick, das Auge ist oben angesiedelt.
Er sieht die Schöpfung: den Baum, die Vögel, Sonne, Mond, Erde.
Er sieht, wo wir zuhause sind.
Er sieht ins Herz.
Das Auge Gottes ist unbestechlich.
Hier auf dem Bild ist der Mensch durchzogen von verschiedenen Farben – er könnte auch der Christus sein, der mit ausgebreiteten, segnenden Armen den Sünder gnädig an-sieht.
Wer sich Gott anvertraut, für den ist das Ansehen immer tröstlich.
Der Glaubende weiß um die Vergebung und freut sich darüber.
Der Ungläubige sieht sich ‚ausgeliefert, durchschaut‘ und möchte fliehen vor dem Auge Gottes – aber es gibt ja keinen einzigen Platz auf der Welt, wo wir vor den Augen Gottes sicher wären.
„..Am Ende bin ich noch immer bei dir.“, so heißt es weiter im Psalm (V.18b)
Wenn es so ist bei Gott – dann soll es auch unter uns so sein:
Wir sollen einander mit den Augen Gottes – gnädig ansehen.
So ansehen, was er – noch – werden kann bei Gott.
Ansehen mit vergebenden, liebenden Augen.
Nicht so sehr auf die äußeren Merkmale sehen, sondern auf das Innere.
Gott gebe uns solche – erleuchtete – Augen!